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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1898-06-03 · Heft 22 (3.6.1898) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
62 (1898)
Issue
Heft 22 (3.6.1898)
Date
1898-06-03
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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62. Jahrgang. Nr. 22 Serlin. 3. Ilnm 1898. Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Begründet von - Ludwig Philipp son-Äorm. timt: Gerlin, Jerusalemerstr. 48/49. I Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judenthums", Berlin SW., Jerusalemer Straße 48/49 zu richten. Verlag von Rudolf Mosse, Berlin. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: Durch Buchhandel, Post oder direkt von der Expedition in Berlin j unter Streifband bezogen Vierteljahr!. 3 M. Redakteur: Gustav Karpeles. Rabbiner 35* Verlags-Grpedr Inhalt. Leitartikel: Zu den Wahlen. — Die Woche. — Brief aus Oesterreich. — Briefe aus England. Von Rev. Dr. Chotzner. -- Der Epilog zum Fall Drehfus. Von Dr. Kohn. — Soziale Bilder aus Rußland. II. Von R. Br ainin. — Erinnerungen. Von Louis Lehmann. — Feuilleton: Der Narr. Erzählung von Ida Oppenheim. (Forts.) — Sprechfaul. Der Gemeindebote. Korrespondenzen und Nachrichten: Berlin, Inowrazlaw, Rawitsch, Beuthen, O.-S., Bielefeld, Hamburg, Frankfurt a. M., München, Wien, New-York. — Bon Rah und Fern. — Miseetten. Zu den Mahlen. Berlin, 1. Juni. ut vierzehn Tagen trennen uns von dem Termin der Wahlen für den deutschen Reichstag. Die Wahlbewegung, (S^-3 die Anfangs sehr ruhig verlief, ist in letzter Zeit allerdings etwas stärker geworden. Je näher wir dem Zeitpunkt kommen, der über die zukünftige Gestaltling des deutschen Reichstags ans fünf Jahre hinaus entscheiden soll, desto mehr besinnt sich das Volk auf seine Pflichten und Rechte, desto eifriger werden ihm von den Führern der verschiedenen Parteien die Gefahren, die seiner drohen, die Hoffnungen', die ihm winken, in glühenden Farben geschildert. Nur in unseren Kreisen ist es noch immer still, allzu still. Zwar hat vor einiger Zeit die Frage der Aufstellung jüdischer Reichstagskandidaten für einen Augenblick die Gemüther in Bewegung gesetzt und sehr verschiedene Ansichten pro et contra zu Tage gefördert; ein positives Resultat ist aber dabei nicht herausgekommen, es sei denn, daß wir durch diese Polemik erfahren hätten, auf welcher Seite unsere wirklichen und ans welcher unsere falschen, zum mindesten aber unsere lauen Freunde sitzen. . Das ist ein positiver Gewinn, wenn wir daraus die Lehre ziehen, die sich geradezu mit innerer Notwendigkeit von selbst ergiebt. Freilich, einen Nutzen werden wir erst später aus dieser Erfahrung ziehen können. Für heute und für die-nächste Zeit steht die Frage auf der Tagesordnung: Wen sollen wir wählen? Darauf giebt es nur eine positive Antwort: Wir müffen gegen jede Partei uitd gegen jeden Kandidaten, von denen wir wissen oder vorauszusetzen berechtigt sind, daß sie gegen die Aufrechterhaltung der staatsbürgerlichen Rechte der Juden sind, mit voller Entschiedenheit auftreten. Wir haben als Juden keine besondere Politik, das haben wir unzähligemal betont und bewiesen. In allen Parteien, die die Gleichstellung der religiösen Bekenntnisse und die bürgerliche Freiheit auf ihr Programm stellen, finden sich Juden in großer Zahl. Auch unser Blatt hat sich in der langen Zeit seines Bestehens von jeder politischen Agitation für irgend eine Partei streng fern gehalten. Wir haben nur insoweit zu den Tagesfragen Stellung z» nehmen, als es sich um die Vertheidiguüg unserer eigenen Ziele handelt. Diese Ziele aber sind die Aufrechterhaltung der staatsbürgerlichen Rechte der Juden in Deutschland und die Erkämpfung ihrer völligen Gleichstellung. Mit Recht legt der „Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens", der ebenfalls bis jetzt immer daran festgehalten hat, daß seine Bestrebungen nicht bestimmte partei-politische Grundsätze verfolgen, allen unseren deutschen Glaubensgenoffen die folgenden Grundsätze für die nächsten Wahleil ans Herz: 1. Enthalte sich Niemand der Wahl! Das höchste Ehrenrecht jedes Bürgers ist auch seine höchste Pflicht. Wer aus mangelndem Selbstgefühl glaubt, Andere für sich handeln lassen zu müffen, der hat noch nicht den Gedanken erfaßt, daß er gleichberechtigter Staatsbürger im Reiche ist. 2. Stimme Niemand für eine Partei, welche Ausnahmegesetze irgend einer Art für nothwendig erklärt! Wir verdanken unsere Stellung im Staatsleben dem Grundsatz, daß jeder Mann vor dem Gesetz gleich sei. Wer überhaupt Ausnahntegesetze billigt, schreckt vor solchen gegen die Juden nicht zurück. 3. Stimme Niemand für einen Kandidaten, der auch nur in der Hitze des Wahlgefechts antisemitische Gesinnungen geäußert hat! Wir sind es unserer Selbstachtung schuldig, daß wir Niemandem unsere Vertretung anvertraueu, der unsere Abstammung oder unseren Glauben verächtlich macht. Damit ist der Kreis umschrieben, in dem wir auch in der Politik unser jüdisches Bekenntniß zu wahreit habe». Darüber hinaus , fiitb wir ausschließlich deutsche Staatsbürger, die wir nach unserer eigenen politischen Ueberzeugung und ohne jede andere Rücksicht stimmen müffen. Wir haben uns unserer Pflicht als Juden vor allem da zu erinnern, wo Kandidaten in Frage stehen, von denen wir anzunehmen berechtigt sind, daß sie gegebenen Falls für einzelne Anträge oder gar für eine Aenderung der Gesetzgebung in Betreff der Inden zu haben wären, oder deren Stellung zu diescu Fragen nicht ganz klar ist. Im erstereu Falle muß ein solcher Kandidat bedingungslos mit allen gesetzlichen Mitteln und mit aller Entschiedenheit bekämpft werden, im anderen Falle müssen wir von einem solchen Kandidaten eine bündige Erklärung über seine Stellung zu diesen Fragen verlangen. Was uns Noih thut, ist Entschiedenheit und Einigkeit. Die Wahlen für den Reichstag sind diesmal für die Juden von ganz besonderer Bedeutung. Der Radauantisemitismus ist zwar im Niedergang begriffen, es erhebt sich aber gegen uns eine Phalanx von Feinden, die viel gefährlicher ist als jener, nämlich die vereinigten Konservativen, der Bund der Landwirihe und die deutsch-soziale Reformpartei; sie alle würden, wenn die Regierung ihren Wünschen

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