Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 21 (27.5.1898)
- Date
- 1898-05-27
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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Vereins ist, die Glückwünsche und ein Angebinde nebst, kostbar ausgestatteter Adresse Namens der Lehrer zu überreichen. Nicht unerwähnt soll bleiben, daß der Jubilar auch vom hiesigen Magistrat mit einem Anerkennungsschreiben beehrt wurde. Möge er auch ferner in alter Treue und frischer Kraft wirken! ä. Siegen, 22. Mai. Zu Ende v. M. starb in Enger, einem Städtchen in Westfalen, Herr A. G. Borreuter im Alter von 98 Jahren. Sein Name ist zwar nie in die Oeffentlichkeit gedrungen, aber er „hat ausgefüllt mit treuem Fleiß den Kreis, den Gott ihm zugemessen". Ueber 30 Jahre war er Vorsteher der dortigen kleinen jüdischen Gemeinde, und mit Hingebung und Gewissenhaftigkeit hat er dieses Amt verwaltet. Seine Biederkeit stcherle ihm die Liebe und Hochachtung Aller, die ihn kannten, an seine Mildherzigkeit appellirte kein Armer vergeblich, seine praktischen Ansichten und seine reifen Lebenserfahrungen machten ihn zu einem geschätzten Rathgeber, er stand als solcher bereitwillig Jedem zur Verfügung. Zu besonderem Danke find ihm die jüdischen Lehrer, die dort gewirkt haben, verpflichtet, die, meist noch Anfänger in ihrem Berufe, die Welt im Großen und im Kleinen erst kennen lernen mußten und in ihm einen aufrichtigen Freund und wohlwollenden Gönner fanden. Friede seiner Asche! o. Vom Rhein, 20. Mai. Der Verein der israelitischen Elementarlehrer für Rheinland und Westfalen, einer der ältesten und blühendsten jüdischen Lehrervereine in Deutschland überhaupt, wird am 30. und 31. Mai in Aachen seine 43. Jahresversammlung abhalten, zu welcher die Mitglieder und Alle, die sich für das jüdische Schulwesen interessiren, eingeladen sind. Die reichhaltige Tagesordnung haben wir bereits in Nr. 19 mitgetheilt. — Die Sitzung beginnt am ersten Tage Nachmittags 27a Uhr. Am Abend dieses Tages findet, wie früher, ein gemeinschaftliches Mahl statt, bei dem die rheinischwestfälische Gemüthlichkeit zum Ausdruck zu kommen pflegt. Weil in der schönen Stadt Aachen der Verein noch niemals getagt hat, so ist ein recht zahlreicher Besuch zu erwarten. a. Köln, 23. Mai. Ein unabsehbarer Leichenzug bewegte sich vergangenen Sonntag Nachmittag von der Komödienstraße zu dem israelitischen Friedhofe in Deutz. Aus allen Schichten der Gesellschaft, aus allen Konfessionen bestand die Menge der Teilnehmenden, die einem Manne die letzte Ehre erwiesen, dessen Lebensabend nur guten und edlen Zwecken gewidmet war. Herr Simon Simon, geb. im Jahre 1818, erreichte das hohe Lebensalter von 80 Jahren und nahm/ umgeben von einer liebenden Kinder- und Enkelschaar, vergangenen Freitag, den 20. Mai, vom Leben Abschied. In Leckenich geboren, bekleidete er dort 12 Jahre mit Eifer und Pflichttreue das Amt eines Gemeindevorstehers. Als er 1869 nach Köln übersiedelte, sah man ihn nur sehr ungern scheiden. Hier widmete er seine freie Zeit nur den Angelegenheiten der Gemeinde und ihren Wohlthätigkeitseinrichtungen. Schon bald hatte man in Köln erkannt, welche tüchtige Kraft man an ihm gewonnen, und so wurde Herr Simon vor 27 Jahren zum Gemeindevorsteher ernannt, ein Amt, welches er bis an sein Lebensende mit der größten Aufopferung vertrat. Wohl keine Wohlthätigkeitsanstalt der Gemeinde bestand, an deren Wirken er nicht vollen Antheil nahm, oder an deren Spitze er nicht stand. Das Scheiden des edlen Mannes reißt eine große Lücke in die Verwaltung der Gemeinde. Als Vorsitzender der Armenverwaltung, Vorsitzender der Baukommission für die neue Synagoge wirkte er unermüdlich. Das „Israelitische Waisenstift" verliert in ihm seinen Vorsitzenden, die Chebra Gemilus Chassodim ihren langjährigen Vorsitzenden, das Kuratorium des Lehrerseminars ein eifriges Mitglied, ebenso das Kuratorium des israelitischen Asyls für Kranke und Altersschwache. Seine aufopfernde Thätigkeit ruhte nicht, bis in den letzten Wochen vor seinem Ableben körperliche Schwäche ihm ein Ziel setzte. Seine werkthätige Nächstenliebe erstreckte sich weit über den Kreis seiner Glaubensgenossen. Niemals bildete die Konfession der Hilfsbedürftigen eine Schranke für dieselbe. Einfachen, bescheidenen Sinnes, hinterließ er, daß an seinem Grabe nur die üblichen Sterbegebete gesprochen und keine Leichenrede gehalten werden solle. Sein Angedenken wird ein gesegnetes sein! c>. Frankfurt a.M., 20. Mai. Der Baron Wilhelm von Rothschild, Chef der hiesigen Bankfirma M. A. von Rothschild & Söhne, beging am 16. d. Mts. in voller körperlicher und geistiger Frische das Fest seines siebzigsten Geburtstages. Baron W. von Rothschild, der von früh an das Leben nicht wie so Viele, die über ungemessenen Reichthum verfügen, als eine Reihe von Episoden, sondern als eine Reihe von Pflichten aufzufassen gewöhnt war, hat sich bis auf den heutigen Tag allen Obliegenheiten/welche die Geschäfte des Welthauses mit sich dringen, mit niemals ermattendem Sorgen gewidmet. Wenn je ein Leben, so ist das seinige „Mühe und Arbeit" gewesen. Er, der Repräsentant der größten Geldmacht im 19. Jahrhundert, hat dem aus der Mode gekommenen Gebote der Alten „ora et ladora" zu neuen Ehren verholfen. Seine streng religiöse Gesinnung ist allgemein bekannt. Wir wünschen dem seltenen Manne noch ein langes Leben, erfüllt von jenem inneren Frieden, auf welchen sein Streben und Sehnen gerichtet ist. W Zweibrücken, 25. Mai. Gestern ist hier unser allgemein ge - achteter und beliebter Bezirksrabbiner Dr. I. Mayer gestorben. Er war am 18. Januar 1843 in Müllheim in Baden geboren, besuchte die Mittelschule und das Lyeeum in Karlsruhe, bezog dann die Universität in Breslau, machte 1869 das Doktorexamen in Freiburg im Breisgau und wurde 1870 Rabbiner in Meisenhein. 1879 wurde er nach Zweibrücken berufen und verblieb dann daselbst als Bezirksrabbiner. Er war Mitarbeiter verschiedener wissenschaftlicher und populärer Zeitschriften und Ehrenvorsitzender und Ehrenmitglied mehrerer von ihm begründeter Wohlthätigkeitsvereine. Zahlreiche Beileidskundgebungen auswärtiger Korporationen und Freunde sind bereits eingelaufen und geben Zeugniß von der großen Beliebtheit und Werthschätzung des Verblichenen. Mit seinem Dahinscheiden, das nicht nur in allen Kreisen der hiesigen Einwohnerschaft, sondern weit über die Grenzen unseres Bezirkes und der Pfalz hinaus mit aufrichtiger, herzlicher Antheilnahme vernommen werden wird, hat ein reich gesegnetes Leben im treuen Dienste der Oeffentlichkeit und inniger Hingebung an die Familie einen viel zu frühen Abschluß gefunden. Die Beerdigung fand am 23. d. M. Nachmittags unter großer Betheiligung seitens der Civil- und Militärbehörden, der Geistlichkeit und der Lehrerschaft von Zweibrücken, der Schüler des Gymnasiums und der Realschule, der Bezirksgemeinden und der israelitischen Lehrer des Rabbinatsbezirks statt. Bei der Trauerfeier in der Synagoge sprach Herr Bezirksrabbiner Dr. Landsberg-Kaiserslautern. Die Leichenrede am Grabe hielt Herr Bezirksrabbiner Dr. Einstein- Landau, der auch die Abschiedsgrüße der baierischen Kollegen überbrachte. Außerdem sprach am Grabe Herr Oberrabbiner Dr. Baßfreund- Trier, Herr Lehrer Holland-Homburg im Namen der Lehrer des Bezirks und Herr Kultusvorstand Bloch-Zweibrücken für die Synagogenvorstände. Das Andenken des edlen Mannes wird unvergessen bleiben! Oesterreich - Ungar«. □ Wien, 23. Mai. Nun hat auch der deutsche Schulverein sich die Gunst des Wiener Stadt- und Gemeinderathes verscherzt, und es wurde in einer der letzten Sitzungen der Austritt der Kommune aus dem Schulverein beschlossen, wie schon früher der freiwilligen Rettungs-Gesellschaft, der israelitischen Kinderbewahranstalt und anderen Humanitären Anstalten die Subvention verweigert wurde. — In der letzten Sitzung des Kultus-Vorstandes wurde der Rechnungs- Abschluß für das Jahr 1897 vorgelegt. Derselbe weist einen Ueberschuß von 32 888 Gulden 497a Kreuzer, sowie ein Bilanz-Aktivum von 3251 Gulden 23 Kreuzer auf. Dieses günstige Resultat ist den erhöhten Einnahmen aus der Kultussteuer-Reform zuzuschreiben. Der Rechnungsabschluß für das Jahr 1896 hatte ein Defizit von 30 238 Gulden und eine Bilanzschuld von 13 249 Gulden ergeben. Die Kultussteuern brachten nämlich im letzten Jahre 343 529 Gulden, während sie ein Jahr früher kaum 190 813 Gulden lieferten. Trotzdem betonte der Referent, daß angesichts der immer größeren Anforderungen, welche an die Gemeinde gestellt werden, an die Schaffung neuer Einkommen quellen gedacht werden müsse. Die Zahl der Steuerzahler beträgt 12 800. In derselben Sitzung wurde auch der wichtige Beschluß gefaßt, ein Lehrbuch für jüdische Geschichte und Litteratur bearbeiten zu lassen und auf Kosten des Vorstandes herauszugeben. Die ad hoc gewählte Kommission soll sofort daran gehen, das Unternehmen vorzubereiten. — Die Fortschrittspartei des Gemeinderathes verlangte die zwei erledigten Stadtrathmandate. Der Antisemitenklub erklärte sich schriftlich bereit, diesbezüglich zu paktiren, wollte jedoch darauf bestehen, daß kein Jude als Kandidat ausgestellt werde. Diese Bedingung sei acceptabel, wurde höhnend hinzugefügt, weil die Fortschrittlichen in der letzten Wahlkampagne ein