Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 21 (27.5.1898)
- Date
- 1898-05-27
- Page
- Seite 4 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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4 Kompromiß mit den Schönerianern abgeschlossen hatten, deren Programm ebenfalls den Ausschluß der Juden von allen öffentlichen Aemtern enthält. Nun ist aber doch der Antisemit Pur sch t wieder zum Stadtrath gewählt worden; einige Tage später hat die Polizei die Lasterhöhle, welche der Stadtrath Purscht seiner jüngst durch Selbstmord aus dem Leben geschiedenen Geliebten, der Prostitmrten Philomena Markgekauft hatte, wegen „grober, öffentliches ^Aergerniß erregender Unzukömmlichkeiten" aufgehoben. — In Franzensbad hat vor einigen Tagen in Gegenwart vieler Honoratioren aus Eger und Franzensbad die feierliche Einweihung des von der dortigen israelitischen Kultusgemeinde zur Feier des fünfzigjährigen Regierungsjubiläums des Kaisers, welcher gestattete, daß dieses Gebäude seinen Namen trage, aus Liebesgaben erbauten Badehospitals stattgefunden. Nach einer erhebenden Feier in der Synagoge, zu welcher der Rabbiner Dr. Schwarz aus Eger und der Oberkantor Tiger aus Karlsbad berufen worden waren, wurde ein Rundgang durch das neue Badehospital gemacht, dessen prachtvoller Bau und reiche innere Ausstattung volle Anerkennung seitens des Statthaltereirathes sowie der anderen Spitzen der Behörden fanden. — In Stanislau wurde auf Grund eines Verdiktes der Geschworenen der achtzigjährige Matthäus Wisniewski wegen eines vor vierzehn Jahren in Buczacz an der Familie des Gastwirthes Leiser Tannenhaus begangenen und erst neulich durch Zufall entdeckten Raubmordes zum Tode durch den Strang verurtheilt. — Gestern ist hier im hohen Alter von 71 Jahren die einst gefeierte Lieder- und Oratoriensängerin Fräulein Betty Bury nach längerem Leiden gestorben. Die Dahingeschiedene, die zu ihrer Zeit in der Wiener Gesellschaft überaus beliebt gewesen, stand mit Mosenthal, Grillparzer, Rubinstein und anderen künstlerisch und schriftstellerisch bedeutenden Persönlichkeiten in freundschaftlichem Verkehr. Fräulein Bury war auch eine geschätzte Gesangslehrerin; zum letzten Male sang sie in einem Konzerte im Jahre 1870. — Der Kaiser hat den österreichischen Staatsangehörigen, Funktionären des österreichisch-ungarischen Hilfsvereins in Paris, und zwar den Vizepräsidenten Maximilian Ritter v. Schnapper das Komthurkreuz des Franz Josephs-Orden, Herrn Julius Morpurgo den Adelsstand verliehen. 6. Budapest, 16. Mai. In einem hauptstädtischen Bezirke wurde der schüchterne Versuch gewagt, die Wahl eines Abgeordneten mit einßr antisemitischen Hetze zu verquicken. Nach der Abdankung des bisherigen Abgeordneten hielt nämlich ein Theil der Altofener Bürger eine Konferenz, in welcher der Generaldirektor Heinrich v. Jellinek kandidirt wurde. Der Bezirksvorsteher Bencze sprach stch jedoch dahin aus, in einem katholischen Bezirke dürfe kein Jude kandidirt werden. Er hatte wohl keinen nennenswerthen Anhang, aber einige antisemitische Schreier wagten stch dennoch hervor, um gegen die Juden zu Hetzen. Oberbürgermeister Markus ertheilte nun dem Bezirksvorsteher eine amtliche Rüge, weil es — ohne daß der Oberbürgermeister Jemanden in seiner politischen Ueberzeugung beeinflussen wolle —seitens des ersten Beamten eines Bezirks unpassend und inkorrekt sei, konfessionelle Fragen aufzuwerfen und konfessionellen Zwist zu schüren. — Das Komitat Arva wollte die fünfzigste Jahreswende der Sanktionirung der 1848 er Gesetze feierlich begehen und hatte auch die Veranstaltung eines Festgottesdienstes ins Programm ausgenommen. Als dann die Frage aufgeworfen wurde, in welchem Gotteshause der'kirchliche Theil der Feier abgehalten werde, stellte es stch heraus, daß nur die Synagoge zur Verfügung stehe. Die Feier wurde auch in der Synagoge in Anwesenheit der ganzen Munizipalität abgehalten. — Das seinerzeit vielbesprochene Verbot der von Professor Demek kommentirten Ausgabe des Lessing'schen „Nathan" wurde aufgehoben. Der früher „unzeitgemäße" Nathan der Weise wurde meiner neuen Auflage zu einem „brauchbaren"Lehrmittel, weshalb auch die Genehmigung erfolgte. — Die Wohlthätigkeitskommission der hauptstädtischen Verwaltung bewilligte mehreren jüdischen Wohlthätigkeitsvereinen namhafte Unterstützungsbeiträge.— Die ungarische Akademie der Wissenschaften wählte I. Ko nt in Paris zum auswärtigen Mitglieds. — Zu Ehren des Andenkens der verblichenen Menschenfreundin Frau Johanna v. Bischitz wurde im Kultustempel eine imposante Trauerseier veranstaltet. Nicht nur zahlreiche Kapazitäten des öffentlichen Lebens und die Vertreter zahlreicher Vereine waren erschienen, sondern auch eine große Zahl von Leuten, die in Johanna Bischitz ihre Wohlthäterin betrauerten. Rabbiner Dr. Köhn hielt die Trauerrede. - In Halas wurde . Dr. Juda Hofmeister zum städtischen Oberanwalt gewählt. Don Nah und Fern. — Frau Dr. Lydia Rabinowitsch, eine Schülerin Robert Kochs, die seit drei Jahren an dem von ihr selbst eingerichteten bakteriologischen Laboratorium des medizinischen Frauenkollegs in Philadelphia als Dozentin thätig war, wurde, wie die „Berl. Wissenschaftl. Korr." mittheilt, zum „ordentlichen Professor" an der genannten Hochschule ernannt. — Der Regierungsbaumeister Emil Plotke in Lissa ist zum königlichen Gewerbeinspektor ernannt worden. — In Schönlanke feierte der Lehrer Siegfried Buttermilch das Fest des 25jährigen Amtsjubiläums als Leiter der jüdischen Volksschule. — Dem vor etwa zwölf Jahren in Bonn begründeten „Verein für rituelle Beköstigung unbemittelter jüdischer Kranker in den Hospitälern und Kliniken zu Bonn" sind vor einigen Tagen von den Erben des hier dahingeschiedenen Herrn Jakob Meyer 500 Mark als Geschenk überwiesen worden. — In Steinheim, Westfalen, feierte in seltener geistiger und körperlicher Frische das M. Weilösche Ehepaar das Fest der goldenen Hochzeit. Vom Kaiser wurde demselben die Ehejubiläumsmedaille verliehen. — Im Jahre 1896 erhob der Militärfiskus gegen das israelitische Konsistorium in Metz Klage mit der Behauptung, der alte Friedhof gehöre dem Militärfiskus. Das Landgericht entschied zu Gunsten des Militärfiskus. Die von den Beklagten erhobene Berufung ist nun von dem Oberlandesgericht abgewiesen und das Eigenthum des fraglichen Friedhofs dem Militärfiskus zugesprochen worden. — Die Akademie der Wissenschaften in Budapest hat Herrn Rechtsanwalt Dr. Moritz Staub in Berlin zu ihrem korrespondirenden Mitglied ernannt. — Wie Lemberger Blätter erfahren, werden in Russisch- Polen neue Maßregeln gegen die dortige jüdische Bevölkerung ins Werk gesetzt. Die Regierung erließ Cirkulare an alle Gemeindevorsteher, worin sie dieselben für die genaue Durchführung der Vorschrift, welche Juden den Aufenthalt in ländlichen Bezirken verbietet, verantwortlich macht. Die Juden in den Gemeinden Pruszkow, Mloeina und an mehreren anderen Orten erhielten den Befehl, bis zum 20. Mai auszuziehen. — Lakonisch meldet das Wolff'sche Telegraphenbüreau die folgende Nachricht aus Cherson. 136 Israeliten sind aus der Kolonie des Baron Hirsch in Argentinien wieder in ihrer russischen Heimath eingetroffen. Die Notiz spricht Bände. — Professor Hartwig Derenbourg ist zum Direktor der arabischen Sektion an der Ecole des Hautes-Etudes ernannt worden. — Bei den französischen Stichwahlen am 21. d. Mts. sind noch zwei Antisemiten, Millevoye in Paris und Firmin in Algier gewählt worden. Dagegen ist G. Thi4baud unterlegen. — Zwischen dem Brüsseler Universitäts- Professor Anspach und dem Redakteur der „Libre Parole" Viau fand an der französischen Grenze ein Degenduell wegen der Dreyfus- Affäre statt. Anspach hat auf der Brüsseler Universität einen Bortrag gehalten, worin er die Unschuld Dreyfus nachwies, worauf die „Libre Parole" behauptete, Anspach habe Geld vom Dreyfus-Syndikat erhalten. Viau wurde an der Hand verwundet. — In Kopenhagen ist am 17. d. Mts. Professor Frederik Jacob Trier, einer der angesehensten Kliniker, im 67. Lebensjahre gestorben. Schon sein Vater, Seligmann Meyer Trier, war ein hervorragender Arzt, der die Auskultation und Perkussion in die dänische Medizin einführte. Frederik Trier war Oberarzt am städtischen Hospital in Kopenhagen und Vorsitzender des allgemeinen dänischen Aerztevereins. Seine wissenschaftlichen Arbeiten auf medizinischem Gebiete werden sehr gerühmt. — Die große jüdische Freibibliothek (Aguillar Free Library) in New-Aork hat nicht weniger als 450 645 Bände in ihren vier Lokalen. Freilich ist sie auch in der Lage, jährlich ca. 100 000 Mk. zu verausgaben. — In Boston haben bei einem patriotischen Meeting über 200 Juden sich als Freiwillige für die Armee gemeldet. — Salomon Cohen ist zum Departements-Kommandeur der Armee für Kalifornien und Nevada ernannt worden. Andere hervorragende Stellungen haben in der Armee der Generalarzt George M.Sternberg,KapitänZalinski, der Erfinder eines Dynamitgeschützes, Lieutenant I os. S. Strauß von der Marine u. A. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.