Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 21 (27.5.1898)
- Date
- 1898-05-27
- Page
- [Seite] (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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WVWZWMNWW^ 62. Jahrgang, «r. 21. Lerlm, 27. Mm 1898. Weikage zur „Allgemeinen Zeitung öes ZuöenIHums". Korrespondenten und Nachrichten. Deutschland. 2£2 Berlin, 25. Mai. In einer Sitzung des „Centralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens" vom 5. v. M. war die Behauptung aufgestellt worden, daß „neuerdings sogar in dem an eine königliche Töchterschule angeschlossenen Lehrerinnen-Seminar bezw. in dieser Schule keine Jüdinnen mehr oder doch nur ein bestimmter Prozentsatz von solchen ausgenommen würden". Das königliche Provinzial- Schulkollegium hat nunmehr auf eine diesbezügliche Eingabe des Centralvereins am 7. d. einen Bescheid ertheilt, in dem es heißt: „Die Aufnahme eines Kindes in der Augustaschule oder eines jungen Mädchens in dem königlichen Lehrer-Seminar ist prinzipiell von der Religion bezw. Konfession derselben unabhängig. In beiden Anstalten sind daher, wie bisher, so auch in diesem Jahre, Kinder bezw. junge Damen jüdischen Glaubens ausgenommen worden. Wenn ein jüdisches Kind zurückgewiesen ist, so ist es entweder nicht rechtzeitig angemeldet worden, oder die Klasse, in die es eintreten wollte, hatte keinen Platz mehr. Was in der Vereinsversammlung über die in Rede stehende Frage mitgetheilt worden ist, beruht also auf einem Mißverständniß." Es wäre dringend zu wünschen, daß bei der öffentlichen Verbreitung derartiger Mittheilungen in der That etwas wehr Vorsicht angewendet würde. S2 Berlin, 24. Mai. Am Sonntag Abend ist nach langen und schweren Leiden einer der besten Männer unserer Gemeinde, Herr Adolf Ginsberg, im 61. Lebensjahre sanft entschlafen. Der Verstorbene war als Kaufmann ein Vorbild treuester Pflichterfüllung und unermüdlicher Schaffensfreudigkeit. Er war ein aufrichtiger Freund der Arbeiter und ein kluger Berather seiner Freunde. Darüber hinaus aber hat sein lauterer Charakter, seine unbeugsame Ehrenhaftigkeit, seine hohe Gesinnung, sein liebenswürdiges Wesen ihm alle Herzen gewonnen. Der hervorstechendste Zug in dem Charakter des Mannes war sein fast beispielloser Wohlthätigkeitssinn, seine unerschöpfliche Herzensgüte. Er konnte am Abend seines Lebens wohl von sich sagen, daß er die Schmerzen all der Beladenen gelindert und die Thränen all der Beängstigten gestillt, die mit ihrer Noth und Sorge sich ihm nahten. Und seine Wohlthätigkeit kam von Herzen, sie war von aufrichtigem Wohlwollen gegen alle Menschen geleitet, das unsere Alten ja noch höher schätzten als die Wohlthätigkeit selbst. Als Rabbi Jochanan ben Sakai nach der Zerstörung des Tempels seine Schüler darüber klagen hörte, daß der Opferaltar zerstört sei, rief er ihnen tröstend zu: „Meine Söhne, betrübt euch nicht! Noch ist uns ein Opferaltar geblieben, den kein Feind vernichten kann: Der Altar der Wohlthätigkeit!" In diesem Tempel war der Verstorbene ein wahrer Hohepriester, und seine Barmherzigkeit war zugleich der treueste Ausdruck seiner religiösen Gesinnung, denn Adolf Ginsberg war ein begeisterter, wahrhaft glaubenstreuer Jude. Mit voller Ueberzeugung trat er für den Fortschritt innerhalb des Judenthums ein, das er kannte und liebte; mit Aufopferung führte er den Kampf gegen die Feinde unseres Stammes und Glaubens, und in allen Vereinen, die dieses Ziel verfolgten, war er einer der eifrigsten und unermüdlichsten Mitarbeiter. Sein Hinscheiden hinterläßt eine Lücke in unserem Gemeindeleben, die schwer auszufüllen sein wird. Aber sein edles Beispiel, sein leuchtendes Vorbild wird in der ausgezeichneten Familie, deren Haupt er war, sicher fortleben und zur Nacheiferung anspornen. So wird das Andenken dieses Gerechten fortleben zum ewigen Segen in der Familie, in der Gemeinde, in ganz Israel. Möge dem theuren Heimgegangenen die Erde leicht sein! Deckt sie doch diesmal einen der edelsten und besten Menschen, die sie je getragen. S£2 Berlin, 25. Mai. Der Bericht des Verbandes für jüdische Wohlthätigkeitspflege über die Thätigkeit der Centralstelle für die Wohlthätigkeitsanstalten in der jüdischen Gemeinde Berlin vom Mai 1896 bis April 1898 führt die Mitglieder des Verbandes, die Anzahl ihrer Anfragen und Berichte an die Centralstelle auf. Dem Verband gehören jetzt an: Armen-Kommisfion der jüdischen Gemeinde, Alter-Berforgungs-Anstalt der jüdischen Gemeinde, Baruch Auerbach'sche Waisen-Erziehungsanstalten, 2. Waisenhaus in Pankow, Reichenheim'sches Waisenhaus der jüdischen Gemeinde, Waifen-Kommisfion der jüdischen Gemeinde, Dr. Siegmund Martin Ephraim-Stiftung, Gesellschaft Haspakat Ebjonim, Mieths - Unterstützungs - Gesellschaft der jüdischen Gemeinde, Krankenhaus der jüdischen Gemeinde, Friedhofs- Kommisston der jüdischen Gemeinde, Vorschuß-Verein für Mitglieder der jüdischen Gemeinde, Gesellschaft Malbisch Arumim, Lehrlingsheim in Pankow, Hospital der jüdischen Gemeinde, Verein der Posener, Verein der Schlesier, Verein der Meseritzer, Schweriner Hilfsverein, Israelitisches Heimathshaus, Israelitischer Frauen-Unterstützungs-Verein, Jüdischer Frauenverein Louisenstadt, Gesellschaft Hachn. Kallah, Unterstützungskasse der jüdischen Reform-Gemeinde, Frauen-Verein der Berliner Logen Bne Brith, Fräuen-Berein Gewul Tow, Kinder- Sparverein, Verein zur Unterstützung armer jüdischer Wöchnerinnen, Israelitischer Frauen-Verein Adaß-Jsroel, Hilfsverein für Märkisch- Friedland, Verein zur Unterstützung jüdischer Lehrer, Israelitischer Miethe-Hilfs-Berein, Alexander und Jenny Löwenherz-Stiftung, Clara Hagelberg-Stiftung, Louisen-Stiftung, Komitee für Chanuka-Befcheerung, Diverse; außerdem a) Jüdische Gemeinde, b) Aeltesten der Kaufmannschaft, e) Städtische Stiftungs-Deputation. Anfragen an die Centralstelle wurden gerichtet 1896 4476, 1897 8693, 1898 3165, im Ganzen also 16 323. Berichte an die Centralstelle wurden geliefert: 1886 5527, 1897 9778, 1898 3855, im Ganzen also 19160. Man steht, daß der Verband für jüdische Wohlthätigkeitspflege eine sehr rege Thätigkeit schon in der kurzen Zeit seines Bestandes entwickelt und sich als eine Institution von großer Bedeutung in unserer Gemeinde erwiesen hat. ca> Berlin, 22. Mai. Der russische Schriftsteller S. I. Manassewitz, ein Freund Leo Tolstois, ist dieser Tage in Berlin an den Folgen eines Schlaganfalls im jüdischen Krankenhause aus dem Leben geschieden. Der Verstorbene war lange Jahre hindurch vereidigter Translator und Censor für hebräische Sprache in Moskau und kam daselbst vielfach mit Tolstoi zusammen, der ein häufiger Gast des früheren Moskauer Oberrabbiners zu sein pflegte. Mit Hilfe Manassewitzs lernte Tolstoi die Bibel und die sonstigen Religionsbücher der Juden im Urtext kennen, ein Studium, das ihm für seine späteren Werke reiche Anregungen bot. Manassewitz, den die russischen Judenverfolgungen um seine Stellung brachten, lebte seit mehreren Jahren als Privatier in Berlin. L2 Berlin, 19. Mai. Zum ersten Male wird in diesem Jahre von Deutschland aus eine jüdische Gesellschaftsreise nach dem Heiligen Lande stattfinden. Gleich nach den Herbstfeiertagen werden sich die Reisenden in Genua vereinigen und von dort am Mittwoch den 12. Oktober 1898 mit besonderem Passagier-Dampfer der Firma W. Jestnghaus & Cie. in Genua, der nur streng rituelle Küche führt, direkt nach Jaffa fahren. Im Heiligen Lande werden die welthistorisch und jüdisch-geschichtlich bedeutenden Alterthümer sowie die jüdisch-sozialen Institutionen besonders eingehend besucht, ferner alle jüdischen Ackerbauniederlassungen im Heiligen Lande, sowohl östlich wie westlich vom Jordan, eingehend besichtigt werden. Bon bedeutenderen Städten wird man in Jaffa, Jerusalem, Nazareth, Liberias und Safed verweilen, wie überhaupt das Land in seiner ganzen Länge durchziehen. Die Reise geht dann weiter durch das Ostjordanland nach Damaskus und von dort über den Libanon nach Beirut. Hier schließt sich noch ein weiterer Ausflug nach Aegypten an. Das Schiff trifft nach einem kleinen AbsteHer nach Neapel am 14. November 1898 in Genua wieder ein. Die ganze Reise findet unter besonderer landeskundiger und sachverständiger V i