Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 21 (27.5.1898)
- Date
- 1898-05-27
- Page
- Seite 251 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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WWMM, 251 Nathan stand still vor der niederen Hausthür. Er zögerte, einzutreten. Nacht, Dunkel und unendliche Pein erwarteten ihn ja in seinem dürftigen Heim. Da trafen plötzlich eigene Laute sein Ohr. Jakob, der bucklige Tischler, war noch wach. Er wollte zu ihm, wollte mit ihm reden. Warum war er nicht bei der Berathung mit den Anderen. Er war ja auch ein Balbos, ihm gebührte ja auch dort eine Stimme. Rasch ging er ins Nachbarhäusche». Er grüßte den emsig Arbeitenden und schaute ihm stumm und eifrig zu. Jakob fragte nicht nach seinem Begehr. Alle in der Gaffe waren gewöhnt, den Narren kommen und gehen zu sehen ohne irgend welchen Grund. Er gehörte zu ihnen; Jeder nahm seine Gegenwart als etwas Selbstverständliches hin. Jakob war mit seiner Arbeit fertig. Er warf rasch über sein grobes Arbeitshemd einen Rock, nahm den Hut vom Nagel und ging mit kurzem Gruße fort. Nathan schaute sich in der Werkstatt um. Er sah die saubergehobelten Bretter lange, lange an. Plötzlich war's, als ging ein elektrischer Schlag durch seinen Körper. Seine Augen öffneten sich weit und glänzten in eigenthllmlichem Licht, seine Nasenflügel bebten vor innerer Erregung. Er ging die Wand entlang und prüfte die Bretter; er hob sie empor und hielt sie gegen einander, dann warf er seinen Rock ab, »ahm die vier größten zusammen, suchte in fliegender Hast sich Werkzeug und nagelte schnell und geschickt die Bretter zu einem Sarg. Nach kurzer Zeit war er fertig. Aufathmend, betrachtete er sein Werk, prüfte es nochmals und legte sich dann langsam hinein. Dann stieg er wieder heraus, zog sein Gewand an, klopfte mit den Händen den Staub, den die Arbeit verursacht, ab und ging in tiefem Sinnen zum Tempel. Ohne Zögern, ohne sich unizuschauen, hatte er den kurzen Weg zurückgelegt. Es war, als dränge eine geheime Gewalt ihn vorwärts. Mit fester Hand öffnete er die Thür, die in das schlecht erleuchtete Gewölbe führte, in das die ganze Gemeinde zur Berathung sich zusammengefunden hatte. Er durchschritt die Reihen und stand endlich in der Mitte neben dem Rabbi, um den sich die Anderen geschaart hatten. An den tiefbekümmerten Mienen und dem düsteren Schweigen Aller sah er, daß sie noch zu keinem bestimmten Entschluß gelangt waren. Er merkte, wie Alle erstaunt fragend zu ihm aufschauten, wie Einige mißbilligend den Kopf schüttelten und mit der Hand winkten, daß er gehen solle. Allein er schien nichts von alledem zu merken. Ein tiefer Athemzug hob seine gewaltige Brust, und dann sagte er mit klarer, weithin schallender Stimme: „Hört mich an, meine Brüder, verachtet nicht den Geringsten unter Euch, und leiht auch mir heute willig Euer Ohr, laßt mich mit Euch denken, helfen und berathen, wohl bin ich ein Narr, ein armer, heimathloser Mensch, der weder Vater noch Mutter hat, doch ich gehöre zu Euch und will gern mein elendes Leben Euch opfern, wenn es Gott gefällt. Als meine Eltern auf der Flucht nach endlosen Entbehrungen, Mühen und Qualen in dieses Städtchen kamen, da nahmt Ihr sie auf, erquicktet die Halbverhungerten und tröstetet die Verzweifelten, Ihr gabt ihnen Obdach. Nach wenigen Stunden ihrer Ankunft bei Euch gebar mich meine Mutter. Nie hat wohl ein Kind unter so bitter-traurigen Verhältniffen das Licht der Welt erblickt als ich. Für mich war kein Lager bereit, meiner Mutter Busen konnte mich nicht wärmen; sie starb nach wenigen Minuten meines Daseins. Die Frauen der Gaffe nahmen mich auf, ein unschönes, fremdes, in Lumpen gehülltes Kind. Sie hegten und pflegten mich, denn mein Vater zog nach kurzer Rast weiter; er .ist nie wieder hierher gekommen, noch vernahm man eine Kunde von ihm. Ich wuchs mit Dren Kindern auf, Ihr theiltet bereitwillig mit mir Euer karges Brod, und ich fühle, daß ich alles, was ich bin und habe, Euch nur allein danke. „Eller Unglück ist das meine. Wie ihr mich bei Euch ausgenommen, so bin ich Euer mit Leib und Seele, mit Euch leide ich unsäglich unter dem Kummer, der Euch bedrückt. Tag und Nacht habe ich gesonnen, wie ich Euch helfen kann. Gott hat mich nicht erleuchten wollen. Ich möchte für Euch sterben! Mit meinem Leben, das Ihr einst behütet und bewahrt, nun Eueres und das Euerer Kinder erhalten." Die Männer, die Nathan überrascht und staunend angehört, hoben abwehrend die Hände. „Dn meinst es gut, Nathan," sagten Einige, „was soll Dein Leben uns, was soll's dem Tyrannen. Wir wollen kämpfen für unser Recht, zusammen wollen wir siegen oder untergehen. Wir sind yicht die Ersten, die Gott sich zum Opfer ausersehen, wir werden nicht die Letzten sein, aber wie der Ewige Abraham geprüft und in seiner unendlichen Gnade das Opfer von sich gewiesen im letzten Augenblick, um aus seinem Handeln das Vertrauen und Treuen seines Knechtes zu ersehen, so hoffen wir auf ihn, der seine Kinder nicht verlassen wird in äußerster Noth und Drangsal." Nathan rief ihnen zu: „Hört mich zu Ende, und dann urtheilt! Mit Gewalt könnt Ihr den Mächtigen nicht bezwingen, hier muß die List siegen. Ich habe einen Plan ersonnen. Wenn er gelingt, so wird auch ohne Kampf uns unser Recht werden. Es soll sich morgen in der Gaffe das Gerücht verbreiten, daß ich krank bin. In einigen Tagen sollt Ihr mich für todt ausgeben. Ihr legt mich in hm Sarg, den ich mir bei Jakob, dem Tischler, selbst angefertigt. Dann versammelt Euch alle und tragt mich zu Grabe, wie es bisher bei uns Sitte und Brauch gewesen ist. Wenn der Grausame unseren Zug aufhält, dann will ich allfstehen aus dem Sarge und ihn mit diesen meinen Fäusten zwingen, Euch Euer heilig Recht nicht zu schmälern. Gott möge mir helfen dazu, wie er mir in der Noth diesen Gedanken gegeben. Jetzt weiß ich, wozu ich leben bleiben mußte, jetzt kann ich Euch Euere Güte vergelten, die Ihr an mir, dem Heimathlosen, geübt. Möge der Ewige uns beistehen!" . Nathans hohe Gestalt schien noch gewachsen, während er gesprochen. Zuerst hatten die Worte sich zagend und beklommen von seinen Lippen losgerungen, dann war's, als riffe ihn Begeisterung fort, und fließend, wie ihn nie Jemand gehört, sprach er zu Ende. Allen schien der Plan einzuleuchten. Sie schaarten sich um ihn und ergriffen dankbar seine Hände. „Gott stehe Dir bei und laffe Dein gutes Herz den verdienten Lohn empfangen," sprachen sie bewegt ihm zu. Nathan hielt ihre Hände fest und sagte: „Wir wollen einander strenges Schweigen geloben. Niemand darf ahnen, was wir im Sinne haben." Nun erhob sich der Rabbi und erfaßte seine Rechte. „Auch mir leuchtet Dein Plan ein, den Du mit Klarheit und Scharfsinn uns vor Augen geführt hast. Habe Dank für Deine Opferbereitwilligkeit, möge Gott Dich geleiten und Deinen Plan gelingen laffen. Und Ihr schwört, zu schweigen über alles." Die Männer hoben feierlich die Hände zum Schwur. Der Narr beugte sich tief vor dem Greise und sprach mit leiser Stimme: „Eine Bitte habe ich noch an Euch: Gebt mir den Segen mit auf den Weg. Seht, noch nie hat eine Hand mein Haupt so berührt, nie kannte ich die Freude, die Erhebung, die Kinder so reich