Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 21 (27.5.1898)
- Date
- 1898-05-27
- Page
- Seite 250 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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MffW 250 EUILLETON Ner Narr. Erzählung von Jda Oppenheim. (Fortsetzung.) er Schnee schmolz, die starre Eisrinde des kleinen Flüßchens barst. Leise wehten linde Lüfte. Der Frühling nahte und mit ihm das heilige Fest der Befreiung. Das sonst so rege, geschäftige Treiben, die umständlichen Vorbereitungen für diese hohen Festtage schienen diesmal nicht ihren Anfang nehmen zu wollen. Zaghaft und scheu begann man sich zum Fest zu rüsten. Alle Lebensfreudigkeit und Hoffnung, alles Vertrauen auf Gottes Hilfe schien von den Unglücklichen gewichen. Eine Angst lähmte alle Schaffensfreudigkeit. Jeder wußte, daß um das Haus des Rabbi der Todesengel seine Fittige breitete. Gebrochen lag die liebliche Menschenknospe da; kaum athmete sie noch, und ihre heißen Hände hielten die Rechte des gramgebeugten Vaters umfaßt. Wenig sprach sie, doch jedes Wort war für den Greis ein Wort der Liebe, der kindlichen Treue und Verehrung, des Trostes und der Ermuthigung. Mit den Augen einer Hellseherin wiederholte sie oft: „Glaube, mein Vater, durch mein Scheiden wird unseren armen Brüdern Befreiung werden. Gott hat mich ersehen zum Werkzeug seiner Hilfe. Es wird noch einmal alles gut werden, und ihr werdet frei aufathmen, leben und vor Roth und Sorge geschützt sein. Ihr werdet noch gute Tage kommen sehen. Ich fühle es." Wenn dann der Alte zweifelnd lächelte und ihr sagte, daß auch sie aufblühen werde in Gesundheit und Jugendschöne zur Freude seines Alters, dann hob ein Seufzer die schmerzende Brust; sie küßte die welke Hand des Vaters und schwieg. Wußte sie doch selbst, daß auch er nicht mehr daran glaubte. Aber sie ließ ihm den Trost, zu denken, daß ihre Hoffnung auf Gesundheit noch nicht geschwunden war. Allabendlich beteten Beide das Nachtgebet zusammen, und mit dem Schemah Jisroel auf den Lippen vollendete Lea jeden Tag ihres Lebens, immer den Tod. die Befreiung von ihrem Leiden vor sich sehend. Nathan hatte ihr die ersten Frühlingsblumen gebracht. Nun stand er an ihrem Lager und sah traurig auf das schmale, welke Antlitz, das der Tod bereits gezeichnet hatte. Er hätte aufschreien mögen vor Weh. Ein irres, stumpfsinniges Lächeln erschien wieder auf seinem Antlitz, während er ihren Worten lauschte. Sie freute sich mit ihm und ermahnte ihn. weiter so bräv und fleißig zu bleiben, wie er es bisher gewesen. „Siehst Du, Nathan, nun bist Du der Narr nicht mehr, Keiner darf über Dich spotten, ich habe es doch gewußt, daß Du etwas werden kannst, wenn Du ernstlich willst." „Du hast mir viel Gutes erwiesen. — Ich danke Dir." — »Ich — Dir — Lea, nein. — O, was Hab' ich Dir gethan. Ich überließ Dich der Laune dieses Grausamen; ich sah Dein Verderben und half nicht. Ich bin schuld an Deinem Elend. — Ich — nur ich allein. — ich finde keine Ruhe seit jenem Tage — ich — ich —" „Geh' heim, Nathan, und laß ab von solchen Gedanken. Gottes Fügung ist's gewesen. Seinem Willen müssen wir uns beugen. Heute ist ein großer Tag in der Gaffe. Nochmals will mein Vater Alle um sich versamnieln zu ernster Berathung. Noch vor dem Peffachfeste müssen unsere Todten ihre Ruhe finden. Kämpfen müssen wir für dieses erste, heilige und, ach! so natürliche Recht. Gott gebe, daß es gelinge!" Nathan hörte die Worte des sterbenden Mädchens. Wie fernes Brausen trafen sie sein Ohr. Die Adern seiner Stirn schwollen an, die Augen traten aus den Höhlen, ein heftiges Athmen bewegte die starke Brust. Angstvoll schaute Lea zu ihm auf. „Was hast Du, Nathan?" »Ich, ich habe Deine Rede vernommen. Ja. Du hast Recht. Es muß ein Ende gemacht werden. „Lea," sagte er dann plötzlich nach wenigen Augenblicken des Schweigens. Seine Stinime klang mild und weich, noch nie hatte das Mädchen ihn so sprechen gehört. „Lea — lege Deine Hand mir auf die Stirn, sie glüht und brennt, sie droht zu zerspringen. Seit Wochen quält mich ein Gedanke, vielleicht finde ich dann Ruhe." Das Mädchen fand seinen Wunsch sonderbar." Sie sah ihn erstaunt an. War er wieder nicht bei Sinnen, wie so oft schon in letzter Zeit? Da war er vor ihrem Lager hingesunken, und sein Kopf näherte sich dem ihren. Zitternd legte sie ihre Rechte auf seine Stirn. Minutenlang herrschte tiefes Schweigen. Dann stand Nathan rasch auf und verließ, ohne das Mädchen anzusehen, die Kammer. Ein weicher, linder Frühlingsabend breitete seine Schatten über das Ghetto. Laue, duftschwere Luft durchzog die menschenleere Gaffe; wie ausgestorben lag sie da. Nur manchmal huschte es wie ein Schatten von hüben nach drüben. Sonst unterbrach nichts die Stille, den Frieden. Dennoch fieberte Alles in Ungeduld und Erwartung. Die kommende Stunde sollte entscheiden über die Zukunft der armen Gequälten. Sie konnten sich nicht länger den unmenschlichen Gesetzen des Gutsherrn fügen. Es sollte, es mußte ein Ende gemacht werden. Man war zum Abendgebet geeilt und wollte nach Beendigung desselben sich in dem Gewölbe unterhalb des Tempels zur Berathung einfinden. Nathan war nicht zu seinem Meister zurückgekehrt. Er war, nachdem er Lea verlassen, langsam, wie in tiefen Gedanken, die Gaffe hinuntergegangen. Ohne Ziel wanderte er durch die einsamen Wälder rastlos vorwärts. Nur ein Gedanke erfüllte ihn, nur einen Wunsch hegte er. Sein Leben wollte er einsetzen für die ernste Sache und kämpfen mit Allen für das heilige Recht, das man ihnen genommen. Er sah Lea im Geiste auf ihrem Lager kalt und starr. Auch sie sollte nun sterben, und ihr Körper, der so qualvoll gelitten, er sollte nimmer Ruhe finden. — Nein, sie durfte ja nicht sterben. Warum hörte bei diesem Gedanken sein Herz fast auf zu schlagen, warum fühlte er so grausamen Schmerz ihm die Brust beklemmen? Wie helfen, wie retten?! Er faßte den Kopf mit beiden Händen und stöhnte dumpf auf. Lange, lange irrte er einsam umher, bis er, ohne es eigentlich zu wollen, an der Thür des Gemeindehauses stand. In dunkle Schatten hüllte die Nacht schon die Gaffe. Die Sterne flammten am tiefblauen Himmel, und still glitt des Mondes blasses Licht über die frühlingsduftigen, knospenden Bäume und die leise im Nachtwind sich wiegenden thaufeuchten Gräser. iMM