Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 21 (27.5.1898)
- Date
- 1898-05-27
- Page
- Seite 249 (sequence 9)
- Language
- German
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249 Regel, nichts vor seinen Schülern zu verbergen und, wenn auch nicht sofort, so doch nachher und ohne Zögern, jeden begangenen Fehler vor ihnen zu enthüllen, möge er nun in der Diagnose oder in der Krankheitsbehandlung liegen. Indem er in allem und jedem der Wahrheit und nur der Wahrheit huldigt, bekennt er sich als aufrichtigen Anhänger der Lehre Christi; sein Glaube reicht jedoch nur bis hierher und nicht weiter. Das Wesen des Christenthums ist ihm die in Christus und seinem Evangelium verkörperte Höhe und Reinheit des sittlichen Gefühls und Lebens, welche nicht von dieser Welt ist. Auf der Bergpredigt haben ganze Jahrhunderte der Finsterniß, der Leidenschaften und wahnwitzigen Verblendungen keinen einzigen Flecken zurückgelaffen; Blut und Schmutz, mit welchem die Welt so oft die Erhabenheit der von Christus verkündeten Lehre zu entweihen gesucht hat, sind in Strömen auf die Entweiher selbst zurückgefloflen. Im vollsten Einklänge mit dieser Werthschätzung der von dem Stifter des Christenthums nachdrücklichst gepredigten allumfaffenden Liebe bricht Pirogow in die Klage aus: „Eines aber scheint mir unvereinbar mit dem Geist der Lehre Christi, nämlich der Dogmatismus und Doktrinarismus. Natürlich mußte die Kirche als eine Gemeinschaft der Gläubigen schon in den ersten Zeiten des Christenthums entstehen; die Gemeinschaft der Gläubigen, die Harmonie und Einheit der Anschauungen aber mußte einigen, was vom obligatorischen Dogma noch weit entfernt ist . . . durch dieses wird ein Glaube, dem die völlige Freiheit des Gewiffens zu Grunde liegt, nämlich das Bewußtsein der Wahrheit im Ideal der Selbstaufopferung aus Liebe und Glauben an die allumfassende Liebe Gottes, allmälig zur obligatorischen, schablonenhaften und äußerlichen. Dieser obligatorische Charakter mußte dazu beitragen, das reine Ideal des neuen Glaubens zu verzerren und die allerungeheuerlichsten Sekten und Ketzereien sowie Fälschungen der Ueberlieferungen und schriftlichen Dokumente u. s. w. hervorzubringen. Die Freiheit des Gewissens trat in den Hintergrund, an die Stelle des tiefgefühlten Glaubensideals und des freien Fluges der die Annäherung an daffelbe ersehnenden Seele traten symbolische Ceremonien, Mysterien, welche eine so bedeutende Rolle im Polytheismus gespielt hatten, und dem Aehnliches. Schließlich kam es dahin, daß statt des unerreichlich hohen Ideals, welches dazu bestimmt war, das Motiv aller unserer Handlungen und sittlichen Bestrebungen zu werden, alle diese kirchlichen Gebräuche und Ceremonien in den Vordergrund traten. An Stelle der demüthigen, der göttlichen Gnade und Liebe vollen Lehre erschienen die unfehlbaren, selbstherrlichen Päpste und hochmüthigen Patriarchen, welche ihre Zeit mit Streitigkeiten darüber zubrachten, wem von ihnen der Vorrang gebühre. Zuweilen habe ich mir beim Anblick unserer Prälaten gedacht, wie ich mich wohl vor mir selber und vor Christus schämen müßte, wenn man mich zum Bischof machen sollte." . Als Kurator des Odeffaer Lehrbezirks hatte Pirogow Gelegenheit, die Talmud-Thora-Schule in Odeffa zu besuchen, und er legte die Gefühle, mit denen er sie verließ, in Nr. 26 des „Odeffaer Boten" vom Jahre 1858 nieder. Es erfüllte ihn mit Bewunderung, daß sich in der genannten Schule — in welcher noch im Vorjahre die armen jüdischen Waisen ungewaschen, ungekämmt und in Lumpen gekleidet erschienen und vom Morgen bis zum Abend unter der Zuchtruthe ihrer Lehrer gedrillt worden waren, mit einförmig singender Stimme in einem verdorbenen deutschen Jargon die Thora zu übersetzen —, Dank einigen aufgeklärten Wohlthätern, ein glänzender Umschwung sowohl in formeller als auch in sachlicher Beziehung vollzogen, daß sie sich im Laufe von neun Monaten aus einem „Cheder" in eine regelrechte Schule verwandelt hatte. Diese Thatsache empfiehlt er Denjenigen zur eindringlichen Würdigung, welche darüber entrüstet thun und es als eine unerhörte Frechheit betrachten, daß man zwischen ihren moralischen Eigenschaften und denen des semitischen „abgelebten Geschlechtes" einen Vergleich zu ziehen wagt. Von dem Muthe der Wahrheit beseelt, giebt er seinen Landsleuten zu bedenken: „Bei der Verwandlung dieser Schule darf ich mir nicht das geringste Verdienst zuschreiben, denn was ich that, beschränkte sich auf einige Veränderungen im Programm des Unterrichts, für die ich die Genehmigung der Regierung auswirkte. Ich habe daher das volle Recht, unparteiisch das zu loben, was zu verschweigen unrecht gewesen wäre. Nur Eines rechne ich mir als Verdienst an, als Wohlthat, die ich den armen jüdischen Kindern erwiesen: nämlich, daß ich zu der Anstellung des preußischen Unterthanen Herrn Dr. Goldenblum an dieser Schule beigetragen habe. Und ihm gehört nächst den aufgeklärten Vorstehern der Schule von Rechts wegen alle Ehre und alles Verdienst ihrer Umwandlung. Jedoch würden weder er, noch die Vorsteher im Stande sein, das Werk der Umgestaltung so rasch und mit solchem Erfolge durchzusetzen, wenn nicht die gesammte jüdische Gemeinde auf wahrhaft herzliche Weise ihre Theilnahme an diesem Werke der Menschenliebe bethätigt hätte. Man kann nicht genug die erleuchtete Barmherzigkeit und den Eifer würdigen, mit welchem die Gemeinde sich dieses Werkes angenommen.Staunenswürdige Fortschritte der Schüler, eine gänzliche Veränderung ihrer Lebensweise, sogar ihres Gesichtsausdrlickes, in welchem sich Gesundheit und Freudigkeit ausspricht — alles das zu Wege gebracht in neun Monaten!" Der überraschend schnellen Wiedergeburt der Schule stellt er die Thatsache gegenüber, daß die christlichen Elementarschulen im Laufe dieser neun Monate keinen Schritt vorwärts gethan haben. Und er erblickt den Grund hierfür darin, daß die russischen Philanthropen ihre Mildthätigkeit zersplittern, nicht mit vereinten Kräften ihre Aufmerksamkeit der Jugend, welche die Zukunft des Staates in sich birgt,' zuwenden. „Auf mündliche Tradition gestützt," fährt er fort, „behauptet Maimonides, daß das Wort „Sohn" im Alten Testament mit dem Worte „Schüler" gleichbedeutend sei, und daß der Name der jüdischen Elementarschule, „Talmud-Thora", „Studium des Gesetzes" bedeute. In dem Bewußtsein des alttestamentlichen Menschen fließen also die Begriffe „Schrift und Gesetz", „Sohn und Schüler", „Unterricht und Erziehung" in eins zusammen, und diese Identität bildet in meinen Augen den erhabensten Zug im Charakter des Juden.Mit all ihrer Anhänglichkeit an das Alte, mit all ihrem starren Konservatismus können die Juden als Muster dienen, wie man Ueberzeugungen haben soll. Mit ihrer unüberwindlichen Hartnäckigkeit ist es ihnen, wo es sich um Ueberzeugungen handelt, gelungen, die ungeheuren Abstände aufzuheben, welche bei uns den Gedanken vom Wort, das Wort von der That trennen.Wenn es mir nun gelänge, vermittelst dieser leicht hingeworfenen Gedanken, wenn auch nur Einen christlichen Wohlthäter oder Eine Wohlthäterin zu überzeugen, daß alles, was die jüdische Gemeinde für die hiesige Talmud-Thora gethan, der Nachahmung werth ist, .... mein Zweck wäre vollständig erreicht worden." Und er schließt seinen Bericht mit dem Appell: „Speiset, bekleidet die armen Elementarschüler, sendet eure Frauen zur Beaufsichtigung der Vertheilung und Qualität der Speisen, sorget für die Wahl und den Unterhalt des Lehrers, und auch ihr werdet euren Goldenblum finden, auch eure Eleinentarschule wird sich neu gestalten wie die jüdische Talmud-Thora."