Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 21 (27.5.1898)
- Date
- 1898-05-27
- Page
- Seite 248 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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V 1 - 248 Präsentanten; auch waren noch andere Gäste zugegen, so Borstandsmitglieder von Soldin und Königsberg N.-M., nebst Herrn Dr. Tschiersch, Direktor des Gymnasiums zu Küstrin. Zuerst ergriff Herr Rektor Dr. Adler, Vorsteher des Vereins, das Wort zu einer ebenso formvollendeten wie inhaltlich tief durchdachten und gemüthvollen Begrüßungsrede. Dieselbe gipfelte in den Ausführungen, daß es für jeden israelitischen Lehrer ein dreifaches Ideal gebe, nämlich: Glaube, Beruf und Vaterland. Diesen dreien in Treue zu dienen, besonders aber auch ihrem Könige, der alle seine Unterthanen mit gleicher Liebe umfasse, sei das höchste Ziel aller jüdischen Lehrer, und so fordere er die Versammlung auf, ein dreifaches Hoch auf den geliebten Landesherrn auszubringen. Begeistert folgten die Versammelten dieser Aufforderung und dankten mit lebhaftem Beifall dem verehrten Redner für feine zündenden Worte. Jetzt nahm Dr. Howstedt, Vertreter der Küstrine? Gemeinde, das Wort. Er führte etwa Folgendes aus: Wohl sei die Küstriner Gemeinde zu klein und zu mittellos, um der Versammlung einen ihr gebührenden Empfang bereiten zu können, doch fühle ste wohl die Ehre, die Lehrerversammlung in ihren Mauern beherbergen zu können. Bei einer großen Anzahl Juden sei völlige Apathie gegen ihren Glauben, ja sogar Mißachtung desselben zu konstatiren. Da sei es nun die Schule, welche die alte Treue zum Glauben wiederzuerwecken habe. So seien nun die Lehrer die Hoffnung Israels auf eine bessere Zukunft. Nun erhob stch Dr. Peiser, Gemeindevorstand aus Königsberg N.-M., und setzte in warmherzigen Worten die Pflichten der Gemeinde gegenüber ihren Lehrern aus einander. Die Gemeinden könnten nur das größte Interesse an der Besserstellung ihrer Lehrer haben, denn: „Von Zion ging die Lehre aus und das Wort Gottes von Jerusalem". Das Wort Gottes werde aber von den Lehrern übermittelt, und diese Auf-' gäbe der Lehrer sei eine ganz gewaltige. Mit dem besten Willen könnten die Gemeinden jedoch nicht immer ihre Pflichten erfüllen, denn von Jahr zu Jahr verlieren sie Mitglieder, und habe hierbei besonders das Gesetz vom Austritt aus der Gemeinde schädigend gewirkt. Dieses müßte abgeändert und Gemeindeverbände sollten begründet werden, so ließe sich Wollen und Können der Gemeinde zum Besten der Lehrer verwenden. Es folgte der Eintritt in die Tagesordnung, und zwar zunächst die Lehrprobe des Kollegen Kohn-Küstrin; es genügt hier, festzustellen daß sie allgemeine Anerkennung fand. Hierauf erhielt Kollege Hanff- Berlin das Wort zu seinem Vortrage: „Biblische Urgeschichte und Keilinschriften". Der Herr Kollege führte in höchst interessanter Weise etwa Folgendes aus: Es sei Pflicht des Lehrers, insbesondere des zwischen zwei Feuern stehenden jüdischen Religionslehrers, wolle er anders seiner hohen Aufgabe als religiöser Erzieher in vollem Umfange Nachkommen, mit der wissenschaftlichen Bibelforschung sich vertraut zu machen und zu ihren Ergebnissen Stellung zu nehmen. Die Untersuchung selbst über das Berhältniß der biblischen Urgeschichte zu den Keilinschriften, die stch, ohne der selbständigen Kritik zu entbehren, vornehmlich auf die einschlägigen Arbeiten von Smith, Schräder und Dillmann stützte, ergab mit ausreichender Deutlichkeit, daß die Uebereinstimmung beider Darstellungen sich auf eine Reihe von Einzelheiten beschränkt, die am zahlreichsten in dem Fluthbericht auftreten, und die wir als gemeinsame Ueberlieferung der alten Welt bezeichnen dürfen. Diesen Analogien,' so wies Redner weiter nach, stehen außerdem einerseits so viele Abweichungen in der Erzählung der äußeren Vorgänge gegenüber, andererseits tritt der tiefinnerliche Gegensatz in der Auffassung so deutlich hervor, daß von einer irgendwie gearteten Abhängigkeit der biblischen Darstellung ernsthaft gar keine Rede sein kann, und daß eine solche Vergleichung nur dazu diente, die einzigartige Schönheit und Erhabenheit der göttlichen Offenbarungsgedanken uns zum Bewußtsein zu bringen. Nachdem die Versammlung, welche den vorzüglichen Ausführungen des Redners mit größter Spannung gefolgt war, sich zum Dank von den Plätzen erhoben hatte, folgte die Erledigung der geschäftlichen Am gelegenheiten. Hiervon soll nur erwähnt werden, was auch für das weitere Publikum einiges Interesse haben kann. Zunächst erfolgte die Wiederwahl des alten Vorstandes, bestehend aus den Herren Dr. Adler- Berlin, Kohn-Küstrin, Remack-Berlin, Heidenfeld-Friedeberg und Weber- Berlin, dann schritt man zur Delegirtenwahl für die Delegirtenversammlung des Lehrerbundes, und wurden die Kollegen Dr. Adler-Berlin und Kohn-Küstrin als Delegirte destgnirt. Ferner wurde konstatirt, daß das Bezirksvereinswesen sich zu immer weiterer Blüthe entwickele, und endlich wurde als Termin und Ort der nächsten Versammlung der 27. Dezember zu Berlin festgesetzt. Eine Festversammlung des Provinzialvereins soll dann dem Delegirtentage seine Hochachtung bezeugen. Jetzt war das Arbeitspensum erledigt, und nun folgte ein fröhliches Mahl, gewürzt durch erhebende Toaste auf alles, was Lehrerherzen erfreut, und verschönt durch poetische Gaben aus der Mitte der Küstriner Gemeinde und aus Kollegenkreifen. Der Wunsch frohen Wiedersehens in Berlin schloß die Generalversammlung. So wie aber diese Versammlung die Augen weiterer Kreise auf sich gelenkt hat, so mögen immer noch mehr Gemeinden sich für die so verantwortungsvolle Arbeit ihrer Lehrer interesstren, so daß die Lehrerbewegung der Frühlingszeit gleiche, aus welcher einst köstliche Früchte reifen werden für unser Judenthum, für das Vaterland und die Menschheit. Re mack, I. Schriftführer. N. I. Pirogow über das Christenthum und über die Juden. Von Dr. B. Münz. f er Name, welcher an der Spitze des Aufsatzes prangi, ist der Name eines weltberühmten russischen Chirurgen, welchem wir durch sein Tagebuch näher getreten sind. Wir lernen Nikolai Jwanowitsch Pirogow in demselben als einen Fakir der Selbstbeobachtung kennen. Und er ist dies durchaus nicht erst im Alter geworden, sondern er hat diese überaus schwierige Kunst schon als blutjunger Mann gepflegt und verstanden. Er hat es niemals über das Herz bringen können, gedankenlos in den Tag hineinzuleben uud einer herrschenden Strömung blindlings zu folgen. Kann man etwa strenger und schonungsloser mit sich ins Gericht gehen, als es der neugebackene sechsundzwanzigjährige Professor der Chirurgie an der Universität zu Dorpat that? Weit entfernt davon, sich einer ungetrübten Freude über seine glänzende Laufbahn hinzugeben, konnte er sich vielmehr der Erkenntniß nicht verschließen, wie viel ihm noch an Kenntnissen, Erfahrungen und Selbstbeherrschung fehle, um ein faktischer, nicht blos ein nomineller Lehrer der Chirurgie zu sein. „Mir fehlte es," erzählt der geistesfrische Greis, „nicht so sehr an Gewissenhaftigkeit, als daß ich nicht hätte einsehen sollen, welch eine ungeheure Verantwortung vor der Gesellschaft und vor sich selbst Derjenige auf sich nehme, welcher, nachdem er durch das ärztliche Diplom ein gewisses Recht über Leben und Tod Anderer erhalten hat, nun auch noch die Verpflichtung erhält, dieses Recht Anderen zu übertragen. . . Was hätte ich denn aber thun sollen, nachdem ich einmal vom Schicksal in diese Laufbahn gebracht worden war? Ihr etwa entsagen? Aber dazu war ich denn doch zu jung, und besaß ich zu viel Eigenliebe und Selbstvertrauen." Er wählte daher ein anderes Mittel, um sich jener idealen Vorstellung möglichst zu nähern, welche er sich von den Pflichten eines akademischen Lehrers gebildet hatte. Während seines Aufenthaltes im Auslande hatte er sich zur Genüge davon überzeugen können, daß die wissenschaftliche Wahrheit bei Weitem nicht der Hauptzweck selbst berühmter Kliniker und Chirurgen ist, daß in hervorragenden klinischen Anstalten gar oft Maßregeln zur Verhüllung, nicht zur Enthüllung des wirklichen Thatbestandes getroffen werden. Allenthalben war das Streben bemerkbar, seine Waare von der vortheilhaftesten Seite zu zeigen. Dies wäre indeß noch nicht so schlimm gewesen. Aber gleichzeitig damit trachtete man auch, seine schlechte und minderwerthige Waare der die wissenschaftliche Wahrheit suchenden Jugend als gute zu verkaufen. Im Gegensatz dazu machte Pirogow es sich gleich beim Antritt seiner Lehrthätigkeit zur festen