Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 21 (27.5.1898)
- Date
- 1898-05-27
- Page
- Seite 246 (sequence 6)
- Language
- German
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246 Bestrebungen, sei eS, daß sie, ein besseres Loos als viele andere Kollegen theilend, in egoistischer Theilnahmlosigkeit zu Hause der süßen Ruhe pflegen, sei es, daß sie in stummer Lethargie die ganze Schwere ihrer traurigen sozialen und materiellen Lage gar nicht mehr empfinden, oder doch den Glauben an dereinstige Besserung nicht zu theilen vermögen. Aus verschiedenen Gründen, die sich der Erörterung an dieser Stelle entziehen, hat der Vorstand des Verbandes der jüdischen Lehrervereine einstweilen davon abgesehen, die Resultate der von ihm veranlaßten Statistik der Oeffentlichkeit zu übergeben; einzelne Zahlen jedoch, die ich vor Monaten auch dem Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens zur Verfügung gestellt habe, mögen der jüdischen Lehrerwelt Veranlassung geben, sich endlich aufzuraffen zu entschlossenem, einmüthigem Zusammengehen. Bei einem Durchschnittsalter von rund 41 Jahren haben von 406 Lehrern ein Gehalt von über 2000 Mark 43 Lehrer, 1500 bis 2000 Mark 66 Lehrer 1000 „ 1500 „ 141 „ 750 „ 1000 „ 104 „ 600 750 „ 27 „ 400 „ 600 „ 20 „ 400 > und weniger 5 „ Im Regierungsbezirk Wiesbaden hatten von 21 Lehrern, welche unsere Fragebogen beantwortet haben, 7 Lehrer ein Gehalt von 400 bis 600 Mark 4 ., „ ., 600 „ 750 „ 9 „ „ „ „ i50 „ 1000 „ 1 „ „ „ „ über 1000 Mark (!) Eine vergleichende Zusammenstellung der Gehälter der jüdischen Lehrer zu der ortsüblichen Gehaltsskala ergab bei 13 jüdischen Lehrern ein höheres Gehalt, bei 235 jüdischen Lehrern dasselbe oder annähernd dasselbe Diensteinkommen, bei 200 jüdischen Lehrern ein bei Weitem geringeres Einkommen, als es die Lehrer an den öffentlichen Schulen des jeweiligen Ortes genießen. Eine Skala existirt bei den jüdischen Lehrern im Gemeindedienste nirgends; wollen dieselben jemals eine Gehaltszulage haben, so müssen sie in der Regel ihren Vorständen zuvor die Dürftigkeit Nachweisen. Ihre Lehrer ohne staatlichen Zwang definitiv angestellt haben im Ganzen 3 Gemeinden; ihren Lehrern aus eigenem Antrieb einer Pension zugestanden haben 5 Gemeinden; für die Relikten gesorgt ist in 6 Gemeinden. Von traurigem Interesse sind einzelne Berichte: Eine Geineinde in Pommern sichert kontraktlich ihrem Lehrer eine Pension zu, stellt ihn aber wohlweislich nicht definitiv an. Nachzehnjähriger Amtsthätigkeit erklärt der Vorstand dem Lehrer, „entweder Du verzichtest auf Deinen Anspruch auf Pension, oder wir erneuern den Kontrakt nicht und kündigen Dir die Stelle." Eine Gemeinde in Thüringen schreibt in die Anstellungsurkunde: „Falls der Lehrer erkrankt, zahlt ihm die Gemeinde bis zu sechs Monaten sein Gehalt weiter; alsdann erlischt jeder Anspruch von seiner Seite." Eine Großgemeinde in der Provinz Sachsen, die einen Etat von über 30 000 Mark aufzuweisen hat, verwahrt sich kontraktlich ausdrücklich gegen etwaige Pensionsansprüche ihrer Lehrer. Wünschen die Leser noch ausführlichere Zahlen, noch mehr Beispiele? Ich denke, die wenigen genügen; sonst könnte ich noch mit anderem statistischen Material dienen, z. B. über den Stellenwechsel in den jüdischen Gemeinden, könnte Gemeinden anführen, die in zehn Jahren bis zu achtmal mit ihren Lehrern gewechselt haben. Mit stillem Neide blicken oftmals die Lehrer, die sich im Dienste der jüdischen Gemeinden Preußens befinden, auf ihre Kollegen im Staatsdienste, mit deren sozialer und materieller Stellung, — besonders seit dem neuen Lehrerbesoldungsgesetz, — eine Parallele zu ziehen kaum noch möglich ist. Aber eines sollten wir nicht vergessen; die deutsche und besonders die preußische Lehrerschaft hat seit 25 Jahren unausgesetzt um die Besserung ihrer sozialen und materiellen Stellung gekämpft. Auf den üblichen Wegen durch Artikel in der Tages- und Fachpresse, durch Petitionen an die betreffenden Ministerien und gesetzgebenden Körperschaften haben sie vor der breiten Oeffentlichkeit die ganze Unhaltbarkeit der bestehenden Zustände nachgewiesen, und das alles mit Hilfe einer großartig angelegten Organisation von Vereinen und Verbänden, die in ihrer Art fast einzig dasteht. Der endliche Erfolg dieser Bemühungen konnte denn nicht auSbleibeu; er mußte schließlich zum Siege führen. Was aber hat die jüdische Lehrerschaft bis jetzt gethan, um aus ihren traurigen und elenden sozialen und materiellen Zuständen befreit zu werden? Die große Menge derselben — leider nichts. Es ist wohl wahr, wir haben vor etwa drei Jahren uns;u einem Verband zusammengethan, und die zur Führung der Geschäfte dieses Verbandes Berufenen haben in dieser Zeit eine bienenhaft emsige Thätigkeit entwickelt; aber die große Menge der jüdischen Lehrer steht leider noch immer in lässiger Unthätigkeit abseits. „Aus den Reihen der jüdischen Lehrer fehlt es an jeglicher Anregung, an jeder Mitthätigkeit; da wird nur von uns gefordert, aber nichts gegeben.-Wir sind Offiziere ohne Truppen", so klagte mir jüngst der sich im Dienste unserer Sache aufreibende Vorsitzende unseres Verbandes. Ja, noch mehr; nicht einmal die Vereinigung aller Lehrer unter unserer neutralen Flagge, die nichts weiter will, als für das Wohl der jüdischen Lehrer, für die gedeihliche Entwickelung des jüdischen Schulwesens zu kämpfen, ist möglich gewesen. Der unmittelbare oder auch nur mittelbare Einfluß einzelner Elemente, die nicht einmal unserem Stande angehören, hat es zuwege gebracht, daß in den Lehrervereinen der beiden Hessen eine Spaltung eingetreten ist, und nur ein kleiner Theil dieser Lehrer sich bis jetzt uns angeschloffen hat. Wie immer bei solchen Quertreibereien, muß eine zur Schau getragene Frömmigkeit den Vorwand hergeben. „Ich lasse mir meinen Schabbes kaudesch nicht nehmen", soll ein frommer Herr aus dem Provinzialrabbinat Fulda gerufen haben, als es sich um die Frage des Anschlusses der hessischen Konferenz an den Verband handelte. Wunderbarer Heiliger! Wie schlecht muß es um Deine Heiligkeit bestellt sein, wenn Du fürchtest, daß der herrliche Sabbathgedanke bei Dir schon durch die Thatsache ins Wanken geräth, daß der deutsch-israelitische Gemeindebund den Verband der jüdischen Lehrervereine jährlich mit 1500 Mark subventionirt und ihn dadurch lebensfähig macht, oder daß an den Berathungen des Verbandsvorstandes Herr Oberlehrer Dr. Blaschke als Vertreter des Gemeindebundes theilnimint, nebenbei gesagt, ein Mann, der für die Interessen der jüdischen Lehrerschaft schon mehr gearbeitet hat als alle scheinorthodoxen Heißsporne zweier Provinzen zusammengenommen. Woher erwarten denn diejenigen jüdischen Lehrer, die heute noch unseren Bestrebungen fernstehen, eine Besserung der herrschenden Zustände? Von den Gemeinden oder den Gemeindeverbänden? Thörichter Gedanke! Die einzige Körperschaft, die seit Jahren mit Eifer unser Interesse vertritt, ist thatsächlich der Gemeindebund, aber dessen Einfluß versagt, wie ich aus eigener Erfahrung bestätigen kann, leider oftmals den Gemeindevertretungen gegenüber.