Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 21 (27.5.1898)
- Date
- 1898-05-27
- Page
- Seite 244 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3224737-3228257-3228279--54617-3290769- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
- 244 an deren Stelle treten. Die Mitglieder des Rathes, die städtischen Bertretnngen, die Gerichts- und Verwaltungsbehörden haben ihm zugestimmt. Die Maffe der europäischen Bevölkerung Algeriens aber scheint noch schlimmere Erfahrungen machen zu müssen, ehe ste einsteht, daß nicht blinde Gehäfstgkeit, Straßentumulte und Plünderungen das Heil bringen, sondern nur Gesetzlichkeit, Nüchternheit und ehrliche und ausdauernde Arbeit. Wenn diese Erkenntniß sich nicht bald geltend macht, so wird Algerien nur die große Zahl kolonisatorischer Mißerfolge vermehren, die die Geschichte Frankreichs ohnehin zu verzeichnen hat." Sehr interessante Mittheilungen über die Juden in der centralamerikanischen Republik Nicaragua verdanken wir der Güte eines Freundes unseres Blattes. Bis jetzt ist darüber wenig oder nichts bekannt geworden; um so dankbarer werden die nachfolgenden Mittheilungen ausgenommen werden: „Ein Gemeindeleben giebt es hier nicht, und rituell leben die Leute hier durchaus nicht. Wir fühlen uns alle als Juden und freuen uns, wenn wir uns treffen und uns unterhalten — aber das ist alles. Wir sind auch zu sehr übers Land vertheilt, um ein Gemeindeleben organisiren zu können. Der erste Jude kam 1856 ins Land, und zwar war er einer der 600 Piraten, welche unter Walker Nicaragua eroberten. Er soll ein sehr verwegener und herkulischer Mann gewesen sein, wovon man heute allerdings wenig mehr merkt. Er wurde gefangen und sollte erschossen werden, als ein General Martinez sich seiner annahm und ihn begnadigte. Zum Dank vertauschte er seinen Namen T(efel) mit dem seines Protektors, ließ sich dauernd hier nieder und verschrieb sich in der Folge aus seiner Heimathsstadt Bromberg eine ganze Wagenladung armer Glaubensgenossen. So erklärte er mir neulich die Sachlage. Die Leute sind hier meist reich geworden. Einer derselben, Teodora T(efel), reist nächstens nach Hamburg; er ist auch Inhaber der Firma Seippel in Hamburg." Aus der Berliner Gemeinde. Berlin, 22. Mai. oeben ist Nr. 4 der „Mittheilungen des Liberalen Vereins für die Angelegenheiten der jüdischen Gemeinde" zur Versendung an sämmtliche Mitglieder der Gemeinde gelangt. Diese Nummer ist von besonderer Wichtigkeit, da sie neben einigen einschneidende Tagesfragen behandelnden Aufsätzen von Oberlehrer Dr. Blaschke und Benas Levy auch den Wahlaufruf der liberalen Partei enthält, die somit anläßlich der im Herbst stattfindenden Repräsentantenwahlen als die erste auf dem Platze erscheint. Es scheiden diesmal folgende Repräsentanten aus: Hermann Landsberger, Geheimer Sanitätsrath Dr. Marcuse, Justizrath Dr. Tiktin, Julius Bodenstein, Sanitätsrath Dr. Jastrowitz, Moritz Manheimer, Rudolf Mosse, Leonhard Sachs, Louis Sachs, Stadtrath Dr. Max Weigert, Maurermeister Joseph Fränkel. Schon aus dieser Zusammenstellung ist zu ersehen, in welcher Richtung sich der nächste Wahlkampf bewegen wird. Der liberale Wahlaufruf hat nun folgenden Wortlaut: „Die Wahlen zur Repräsentantenversammlung der jüdischen Gemeinde finden Ende dieses Jahres statt. Da ist es Pflicht des liberalen Vereins, frei und offen zu bekennen, welche Grundsätze er vertritt und von seinen Kandidaten vertreten wissen will. Wir wollen eine ruhige, gleichmäßige Fortentwickelung der jüdischen Gemeinde und ihrer Verwaltung, keinen Rückschritt. Wir stnd liberal, das heißt in erster Reihe: wir sind tolerant. Aber wir verlangen auch Toleranz von und für Jedermann. Sowohl den Anforderungen der Strenggläubigen als auch denen der freier Denkenden hat die Gemeindeverwaltung zu genügen. Wir wollen Aufrechterhaltung des Sabbath und seiner gottesdienstlichen Feier. Wenn aber 8800, d. h. fast ein Drittel aller, Gemeindemitglieder eine Ausgestaltung des Gottesdienstes am Sonntag fordern, so darf die Gemeindeverwaltung dieses Verlangen nicht einfach abweisen. Auch wir wollen die Helligkeit des Sabbath nicht antasten, aber wir können in der zweckentsprechenden Ausgestaltung des bereits bestehenden Gottesdienstes am Sonntag kein Aufgeben des Sabbath erblicken. Wenigstens in einer der Gemeindesynagogen sollte versuchsweise dem Anträge von 5800 Gemeindemitgliedern entsprochen werden. Wir verlangen Toleranz auch für uns! Wenn eine gleich große Anzahl Gemeindemitglieder in einer Synagoge eine größere Berücksichtigung der deutschen Sprache bei den gottesdienstlichen Verrichtungen wünscht, so soll die Gemeindeverwaltung diesem Wunsche entgegenkommen. Es wird Niemandem verwehrt, sich ebenso wie bisher in größtem Umfange der hebräischen Sprache beim Gottesdienst zu bedienen. Die Synagogen hierzu sind vorhanden und reichen aus; steigt das Bedürfniß, so können ste vermehrt werden. Deshalb aber muß auch der großen Anzahl von Gemeindemitgliedern, die zu ihrer Erbauung eine Erweiterung der deutschen Gebete verlangt, die Möglichkeit gegeben werden, in ihrer Muttersprache zu ihrem Gotte zu beten. Die gleiche Toleranz verlangen wir bei der Einrichtung ausreichenden Religionsunterrichts für die Heranwachsende Jugend. Dieser Unterricht muß in harmonischem Zusammenwirken von Schule und Haus unseren Kindern Liebe zum wahren Wesen des Judenthums einpflanzen. Wir verlangen Toleranz für alle Gemeindemitglieder! Eine jede Richtung unserer Glaubensgenossen muß Platz haben unter dem großen, schützenden Dach der Gemeinde. Wie wir die nach rechts abgesplitterte Separatgemeinde mit der Hauptgemeinde gern vereinigen möchten, so wünschen wir auch, daß die Reformgemeinde sich nicht von uns abgliedere. Sie alle beten mit uns zu dem einen Gotte Israels. Sie alle gehören zu unserer Glaubensgemeinschaft. Wir verlangen Toleranz von unserer Gemeindeverwaltung und für unsere Gemeindeverwaltung, vonunseren Beamten und für dieselben. Die Verwaltung soll' allen Gemeindemitgliedern gerecht werden. Sie arbeitet am besten für die ganze Gemeinde, wenn sie über den Parteien steht. Alle unsere Beamten wollen wir gleichmäßig behandelt sehen, die oberen wie die unteren; diejenigen, die strenggläubig stnd, und diejenigen, die freier denken. Nach Leistungen und Fähigkeiten sollen ste angestellt, nach Leistungen und Fähigkeiten, nicht aber nach ihrer Angehörigkeit zu einer Parteirichtung, sollen ste behandelt werden. Wir verlangen Toleranz von und für Jedermann. Wer gleichen Strebens ist, wer mit uns eine ruhige, gleichmäßige Fortentwickelung der jüdischen Gemeinde und ihrer Verwaltung wünscht, der schließe sich uns an und suche in festem Zusammenhalten mit uns das ersehnte Ziel zu erreichen, zum Hell und Segen für unsere Gemeinde, zum Heil und Segen für das Judenthum. Wir werden siegen, wenn alle Diejenigen, die liberal denken und fühlen, sich uns anschließen und bei den nächsten Wahlen gemeinsam mit uns ihre Pflicht erfüllen. Berlin, im Mai 1898. Der Vorstand und Ausschuß des liberalen Vereins für die Angelegenheiten der jüdischen Gemeinde. Wir können diesem Wahlaufruf nur unsere volle Zustimmung geben, und wir meinen, daß kein Billigdenkender innerhalb der Gemeinde, welcher Richtung er auch immer angehören mag, diesen Ausführungen seine Zustimmung versagen könne. Die liberale Partei verlangt keine Sonderrechte für sich, obwohl sie doch notorisch die religiösen Ansichten der Majorität der Berliner Gemeinde vertritt. Sie verlangt nur gleiches Recht für Alle, sie fordert nur Toleranz auch für ihre berechtigten religiösen Anschauungen über die Ausgestaltung des Gottesdienstes, über die Einrichtung des Religionsunterrichts, über die Verwaltung der Gemeinde. Eine solche Forderung, so sollte man meinen, wird auch vom extremsten Standpunkt aus nicht unbillig genannt werden können. Wird doch fast