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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1898-05-27 · Heft 21 (27.5.1898) · p. Seite 243

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
62 (1898)
Issue
Heft 21 (27.5.1898)
Date
1898-05-27
Page
Seite 243 (sequence 3)
Language
German
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243 sein. Schon die Feststellung, der Vergleich sei geeignet, die Israeliten, somit eine ganze Bevölkerungsklasse, einen nicht begrenzten Personenkreis zu belästigen, bei ihm Aergerniß zu - erregen und ihn zu beunruhigen, genügt, weil die Belästigung eine unmittelbare ist. Gleiches ist bei der weiteren Feststellung der Fall, daß jeder anständig denkende christliche Leser stch beunruhigt und belästigt fühlen muß, wenn er gleichberechtigt neben ihm lebende Mitbürger in dieser Weise bloßgestellt und herabgewürdigt steht, und daß jene Aufforderung geeignet sei, verschiedene Bevölkerungsklassen gegen einander aufzuhetzen und Unfrieden in weite Kreise zu tragen." * Gladstone, der „große alte Mann", ist todt, und die ganze Welt feiert seine Bedeutung. William Ewart Gladstone war eine tiefreligiöse Natur; seine religiösen Anschauungen; beherrschten ihn so vollständig, daß sein ganzes staatsmännisches Wirken, seine Lebensführung und seine Geistesarbeit ganz von ihnen beeinflußt wurden. Sein Leben lang kämpfte er für Humanität und Freiheit. Demgemäß war auch seine Stellung zu den Juden überhaupt und zu den Juden Englands, die seinen Verlust lebhaft beklagen, im Besondern. Es ist unzweifelhaft, daß die Letzteren ihm die Sicherstellung ihrer Lage, ihre völlige politische Gleichberechtigung zu verdanken haben. Von dem Tage an, wo Gladstone in das Haus der Gemeinen eintrat, trat er unermüdlich für die Aufhebung aller Beschränkungen, für die Anerkennung der staatsbürgerlichen Rechte der Juden ein, aber bei seiner humanen Gesinnung empörten ihn auch nicht weniger die Verfolgungen und Angriffe gegen die Juden in Rumänien und in Rußland, und er scheute nicht davor zurück, seiner Empörung unverhohlen Ausdruck zu geben. Unvergeßlich bleiben seine Worte anläßlich des großen Meetings für die russischen Juden in Marion house im Februar 1882 und seine Aeußerung über den Antisemitismus im Jahre 1890. Damals sagte er zu dem Stiftsprobst Ignatz von Döllinger: „Die fast unglaublichen Leiden dieser Rasse entehren Europa mehr, als die Leiden Irlands England entehrt haben." Und gegenüber den Verfolgungen, welchen die Juden in Rußland ausgesetzt waren und noch immer sind, appellirte er an die menschliche Humanität und Gerechtigkeit, die schließlich doch zum Siege kommen müßten. Diesen Sieg des Rechtes hat Gladstone allerdings nicht mehr erlebt, aber sein ganzes irdisches Wirken war sicher eine Etappe auf dem Wege zu jenem Ideal der Humanität und der Gerechtigkeit, das er ersehnte und erstrebte. & Das englische Oberhaus hat nun doch am 23. d. Mts. mit 81 gegen 19 Stimmen die zweite Lesung der von Lord Hardwicke beantragten Bill angenommen, welche die Einwanderung fremder Personen verbietet, die dem Staate zur Last fallen könnten. Lord Salisbury selbst sprach für die Vorlage und erklärte, die steigende Zahl von Ausländern, die dem Staate zur Last fielen, mache gesetzgeberische Maßnahmen nothwendig. Daß sich diese Maßnahmen zunächst gegen die armen russischen Juden wenden, die doch eigentlich dem Staate wenig oder gar nicht zur Last fallen, braucht wohl nicht erst gesagt zu werden. Seit 1893, seit dem Antrag Mr. Lowthers, steht diese Fremden-Bill auf der Tagesordnung, und selbst Gladstone trat für dieselbe ein. Aber er vermied es sorgfältig, die fremden Einwanderer als Juden zu bezeichnen. Die Frage war für ihn eine politische und ökonomische, keine religiöse. Daß sie nun aber jetzt gerade in diesem Sinn ausgebeutet werden wird, erscheint ziemlich selbstverständlich. Die Lage der Juden in Algier bietet natürlich den Blättern jetzt reichen Stoff zu Betrachtungen. In einer langen Artikelserie kommt die „Kölnische Zeitung" zu dem Schluß, daß nur der Erlaß des Cremieuxschen Naturalisationsedikts von 1871 die Schuld an den gegenwärtigen Zuständen trage. Von einem höheren Gesichtspunkte und aus eigener Anschauung schildert Prof. Dr. Martin Philippson die Dinge in einem Aufsatz für die „Nation", in dem der Antisemitismus der algerischen Bevölkerung auf die schlechte wirthschaftliche Lage vor allem zurückgeführt wird. Dann heißt es weiter: „Nur eine Klaffe befand sich in günstigeren Umständen: die Juden. Die Unduldsamkeit und der Fanatismus der Mauren hatten die Juden vom flachen Lande vertrieben und in die engen Ghetti der Städte gebannt. So ist aus ähnlichen Ursachen wie in Europa auch in Algerien der Israelit so gut wie ausschließlich Städtebewohner geworden. Als solcher beschäftigt er stch hauptsächlich als Handwerker. Die Schneider, Weber, Sticker, Schuhmacher, Goldarbeiter find zu weit überwiegendem Theile Juden. Daneben besitzen sie auch die meisten Ladengeschäfte. Durch Nüchternheit, Fleiß und Familiensinn zeichnen sie sich vor der Mehrzahl der sonstigen städtischen Bevölkerung aus, und, verbunden mit ihrer Intelligenz und Betriebsamkeit, brachten jene Eigenschaften ihnen einen Wohlstand, der grell von der kläglichen Lage der Menge der europäischen Bevölkerung absticht. Wirklicher Reichthum findet fich dort beinahe allein unter den Juden. Solche Verhältnisse mußten den Neid und die Abneigung, die aus den früher erwähnten politischen Umständen ohnehin gegen die Juden herrschten, beträchtlich steigern. Dazu kam, daß die letzteren mit ihrem relativen Reichthum die einzigen Geldverleiher waren — also Leute, die man nur im Augenblick des Borgens liebt, sonst aber mit Haß und Schimpf bedenkt. Unzweifelhaft haben auch manche jüdischen Geldleute ihre wirthschaftliche Überlegenheit zu gewissenlosem und grausamem Wucher mißbraucht; und je mehr man den Juden ihre Stellung mißgönnt, desto eifriger verallgemeinerte man solche Einzelfälle gegen eine ganz fleißige und nützliche Gesellschaftsklasse. So begannen die antisemitischen Unruhen in Algerien bereits im vergangenen Jahre. Halbsozialistische Radikale übernahmen die Führung. Der aus ihren Reihen hervorgegangene Generalgouverneur Cambon hat diese Richtung nach Kräften gefördert. Das Wiederaufleben der Dreyfus-Angelegenheit, der Zola-Prozeß regten dann im Beginn des jüngsten Winters die Leidenschaften noch mehr auf und umkleideten die Gehässigkeit mit dem Mantel des Patriotismus. Eine wüste Presse entstand, die auf alle schlechten Eigenschaften des Pöbels spekulirte und diesen durch Lügen, Verleumdungen und Brandreden jeder Art bis zu wahnsinniger Wuth aufstachelte. Diese Schandpreffe trägt die Hauptschuld an den schmachvollen Vorgängen in Algier, auch an den Mord- und Plünderungsszenen, die die Hauptstadt der Kolonie im vergangenen Januar erfüllten. Zum Glück wurde Cambon durch einen aufrichtig liberal und gerecht denkenden Generalgouverneur, Löpine, ersetzt, der einsah, daß die Unruhen, an denen stch die beutegierige einheimische Bevölkerung reichlich betheiligte, für diese geradezu eine Generalprobe zu einem neuen Aufstand gegen die französische Herrschaft wurden. Der Hauptleiter der Mordbuben, Max Regis, der Sohn eines naturalisirten Italieners, ein junger Mensch, der bisher in jeder von ihm versuchten Laufbahn Schiffbruch gelitten hatte, sitzt nun seit zwei Monaten hinter Schloß und Riegel. Herr Lepine, den die Antisemiten noch grimmiger hassen als selbst die Juden, erkannte klar den unberechenbaren Schaden, den die wüsten Unruhen der ohnehin armen Kolonie zufügen. In der Thüt sind die wohlhabenden jüdischen Familien in Masse nach Frankreich ausgewandert und haben ihren Reichthum dem algerischen Lande entzogen. Jetzt beklagen stch die Kolonisten bitter, die Juden richteten sie zu Grunde, indem sie ihnen kein Geld mehr vorschießen wollten diese selben Juden, die man soeben noch, als sie die gewünschten Darlehen gewährten, als Wucherer brandmarkte und todt schlug! Der Handel stockt, die finanziellen Unternehmungen gehen zu Grunde, die Fremden vermeiden Algier, die Gasthöfe, Theater und Konzertsäle stehen leer, die Wohlthätigkeitsanstälten entbehren schmerzlich die Gaben, mit denen zumal die jüdischen Frauen sie reichlich bedacht hatten. Herr Lupine hat bei Eröffnung des großen Rathes der Kolonie ein umfassendes, systematisches und von jedem Einsichtigen mit Freuden begrüßtes Programm wichtiger und einschneidender Reformen aufgestellt; aber er hat nicht verhehlt, daß solches nur unter der Bedingung verwirklicht werden kann, daß die bösartige Agitation aufhört, und wieder geordnete und sichere Zustände

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