Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 21 (27.5.1898)
- Date
- 1898-05-27
- Page
- Seite 242 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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-- 242 - über jüdische Institutionen urtheilt; wir lesen cs mit Staunen, welchen Unsinn sonst gut unterrichtete und gut unterrichtende Schriftsteller des klassischen Alterthums über Lehre und Leben Israels erzählen; dies sollte uns zur Vorsicht mahnen, nicht täppisch hineinzugreifen in die Heiligthümer Anderer; und zumal in dieser Zeit, die gegen uns so nervös geworden ist und hinter den gleichgiltigsten Worten etwas sucht, ist für den Israeliten in diesen Fragen Schweigen der bessere Theil der Weisheit. Aber wenn wir auch die ernste Pflicht haben, im Interesse des sozialen Friedens, aus Rücksicht auf die eigene Wohlfahrt und vor allem aus Ehrfurcht und Scheu vor dem, was dem Nächsten ein Gegenstand der Verehrung ist, Niemand in seinen heiligsten Gefühlen zu stören, die Heiligthümer Andersgläubiger nur wie glühend Eisen zu berühren, so haben wir doch nicht das Recht, die gleiche Schonung zu verlangen und ungehalten zu werden, wenn die Sonde der Kritik recht tief in das Judenthum sich versenkt. Das thut weh, aber kann uns gar nicht schaden, sondern zwingt uns, alles Kranke und Morsche auszuscheiden und den gesunden Kern unserer Lehre immer klarer und schärfer herauszuschälen. Mose hat nun einmal ausgesprochen: „Die Thora ist eure Weisheit und eure Einsicht in den Augen der Völker"; da ist die Aufgabe gestellt: Ihr müßt das Judenthum nicht nur so gestalten und ausbilden, daß Ihr damit zufrieden seid, sondern daß auch die Völker, d. h. das unbefangene Urtheil der Draußenstehenden in euren Lehren und Satzungen Wahrheit und Einsicht erkennen. Unsere Alten sagen: Alles, was ein später Lehrer Neues auf religiösem Gebiete vorträgt, ist schon dem Mose auf dem Sinai gelehrt worden. Das heißt: alle neuen Zusätze müssen im Zusammenhang stehen, wüsten emporgewachsen sein aus den Kerngedanken des Mose, aus diesen weisheitsvollen Gesetzen, die auch von den Völkern der Erde anerkannt werden; aber wie viele Ordnungen, die gegelp wärtig in Geltung sind und uns beschwerlich werden, sind unhaltbar, wenn dieser Maßstab angelegt wird. Die Frommen in Israel beklagen sich über ungehörige Neuerungen; sind nicht auch das ungehörige Neuerungen, die ein Mose, wenn er in unsere Schlachthäuser, in unsere Küchen käme, nimmermehr als zu der von ihm verkündeten Religion gehörig anerkennen würde! Der Talmud erzählt eine Legende. Ben Asai saß und lehrte, und Feuer sprüheauf seine Umgebung; da fragte ihn Rabbi Akiba: Hast du das Geheimniß der Schöpfung aufgedeckt, daß dein Wort so wunderkräftige Wirkung ausübt? O nein, so tief vermag ich nicht einzudringen, aber ich reihe die Worte des Mose an die der Propheten und beider Lehren an die der späteren Weisen, ich suche das einende Band im Geiste der Zeiten, ich suche die Beziehung zwischen dem, was die Gegenwart Gutes und Wahres gefunden und der alten Lehre des Sinai, und wie das Feuer die spröden Stoffe löst und sie sodann zu neuen Verbindungen zusammenführt, so verbindet das Feuer der Forschung alte und neue Gedanken, und wir glauben selbst vor dem lohenden Sinai zu stehen, d. i. was geschrieben steht: „Der Berg Sinai loht noch heute im Feuer bis zum Herzen des Himmels." Wenn nun heute das Feuer des Ben Asai die stattlichen Bände des jüdischen Ritualgesetzes durchdränge, wer zweifelt, daß vieles bestehen, sich als Geist vom Geiste des Mose erweisen, ja im Feuer der Forschung, des religiösen Geistes und der religiösen Begeisterung nur noch heller leuchten würde, sehr vieles aber, das heute noch gilt, würde vergehen, und das Judenthum würde nichts dabei verlieren. Von der Thora, die doch das Erbe der Gemeinde genannt wird, heißt es im Talmud: sie ist euch nicht zum Erbe gegeben; denn der Vater kann für den Sohn nicht lernen, jeder Einzelne muß für sich den mühevollen und beseligenden Weg zur Wahrheit suchen und finden, gerade dadurch wird die Thora das Erbe der Gemeinde Jakobs, bleibt sie jedem Geschlechte neu, wird sie uns zur Weisheit und Einsicht vor den Augen der Völker; das Feuer der Prüfung zerstört nicht, sondern belebt und erneut. Der Einzelne erhöht sich nicht, wenn er den Anderen schmäht und herabsetzt, sondern er veredelt sich nur durch Selbstprüfung, und der Gelastene und Verständige lau» auch vom Feinde lernen. Diese Erwägung bestimmt auch unsere Beziehungen zu anderen Glaubensbekenntniffen und zu unserem eigenen. Kümmern wir uns nicht viel, auf welchen Wegen man in anderen Kreisen zur religiösen Wahrheit vordringt, vergesten wir nicht, daß auch Schweigen Weisheit ist. Aber unser eigenes religiöses Bekenntniß, welches das Feuergesetz genannt wird, soll und wird sich im Feuer erst recht bewähren; mag auch dies Feuer der Forschung manches Veraltete verzehren, um so eher wird sich die Thora zeigen auch als unsere Weisheit und unsere Einsicht in den Augen der Völker. Berlin. 25. Mai. u den interessantesten Momenten des gegenwärtig etwas lebhafter werdenden Wahlkampfes sind diejenigen zu zählen, in denen die Parteien die Geheimniffe der Gegner oder auch ihre eigenen ausplaudern. So erfahren wir durch den Bruderzwist zwischen Bündlern und Konservativen von der Existenz einer „kleinen, aber mächtigen auchkonservativen judenfreundlichen Hofpartei", gegen deren „Quertreibereien" der Bund der Landwirthe Front machen will. Die Antisemiten kündigen sogar für den Fall, daß die „judenfreundliche Hofpartei" in ihren Quertreibereien nicht Nachlasse, diesen Auchkonservativen offene Fehde an, die es dahin gebracht hätten, daß Herr v. Manteuffel, also der Vertreter der schneidigeren reinagrarischen Tonart, den Vorsitz in der konservativen Reichstagsfraktion an den höfischeren Herrn v. Levetzow abtreten mußte. Es ist hübsch, daß es gerade jetzt, unmittelbar vor den Wahlen, herauskommen muß, daß dem agrarischen Treiben der Landbündler eine „auchkonservative, judenfreundliche Hofpartei" entgegenarbeitet, umsomehr, da die Bündler nunmehr offen für antisemitische Kandidaten vorbehaltlos eintreten, für Freikonservative und Deutschkonservative aber nur nach näherer Prüfung der Kandidaten. Konservativen Strebern oder Leisetretern wollen sie die Unterstützung versagen, die Deutschsozialen oder die Radauantisemiten aber unter allen Umständen unterstützen. 4t Jahrelang hat die Rechtsprechung alle Schmähungen gegen das Judenthum wegen Mangels einer Kollektivlegitimation abgewiesen, da weder der einzelne Jude noch eine Mehrheit von ihnen als antragsberechtigt angesehen wurde. Jetzt soll auch hier der Grobe Unfug-Paragraph aushelfen. Ein süddeutscher Redakteur hatte in einem Artikel die Juden mit Wanzen verglichen und daraus verschiedene Konsequenzen zu ziehen für gut befunden. Die dieserhalb gegen ihn ergangene Verurtheilung wegen groben Unfugs hat nun das Oberlandesgericht in München in der Revisionsinstanz bestätigt. In dem Erkenntniß heißt es: „Ein Zeitungsartikel, in welchem die Juden mit Wanzen verglichen und auf eine Stufe gestellt werden, die christliche Bevölkerung aber aufgefordert wird, ihre mosaischen Mitbürger auszuhungern und auf diese Weife zu vertreiben, kann nach § 360 Ziffer 11, St. ©. B. strafbar