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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1898-05-27 · Heft 21 (27.5.1898) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
62 (1898)
Issue
Heft 21 (27.5.1898)
Date
1898-05-27
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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62. Jahrgang. Nr. 21. Allgemeine Berlin» 27. Mai 1898. eitung öes Audenthums. Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich.! Abonnements-Preis: Durch Buchhandel, I Post oder direkt von der Expedition in Berlin! unter Streifband bezogen Vierteljahr!.3 M. I Redacteur: Gustav Karpeles.! Begründet von Rabbiner Lu-Wjg Plhilippson-Sonn Verlags-Expedition: löerlin, Lerufalemerstr. 48/49. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judenthums", Berlin SW., Jerusalemer Straße 48/49 zu richten. Verlag von Rudolf Moffe, Berlin. Leitartikel r Schabuot. — Die Woche. — Aus der Berliner Gemeinde. — Auf, zu den Lehrerkonferenzen! Von M. Steinhardt.— Zum Schabuot-Feste. Von M. Klein. — Generalversammlung des Vereins jüdischer Lehrer der Provinz Brandenburg. — N. I. Pirogow über das Christenthum und über die Juden. Von Dr. B. Münz. — Feuilleton: Der Narr. Erzählung von Ida Oppenheim. (Forts.) — Literarische Mittheilnngen. — Sprechsaal. Der Gemeindebote. Korrespondenzen nnd Nachrichten: Berlin, Aus Westpreußen, Schwersenz, Breslau, Magdeburg, Hannover, Norden, Siegen, Vom Rhein, Köln, Frankfurt a. M., ZweibrüÄen, Wien, Budapest. — Von Nah nnd Fern. — Geschäftliche Notizen. Kchabuot. Berlin. 25. Mai. s giebt ein weises Dichterwort: „Nichts ist zarter als Vergangenheit, rühret sie an wie glühend Eisen, und sie wird euch sogleich beweisen, ihr lebt selbst in heißer Zeit." Das gilt besonders von dem Ursprung und der Geschichte der großen religiösen Gemeinschaften, in deren Mitte wir leben. Ueber Vieles in der Welt gewinnen wir Klarheit durch Vergleiche, wir werden uns der Vorzüge unseres Vaterlandes deutlicher bewußt, wenn wir die Sitten und Rechte anderer Länder kennen lernen; so lüge es nahe, durch Vergleiche unseres Glaubens mit den Lehren, die von den Kanzeln anderer Bekenntniffe verkündet werden, durch einen Rückblick auf den Ursprung anderer Religionen und der sinaitischen Wahrheit das Wesen und den Werth unserer Grundlehren klarer zu erkennen und bester zu würdigen. Aber wir möchten nicht rathen, mit solchen Versuchen an die Oeffentlichkeit zu treten; es läßt sich zuletzt auch ohne solche Vergleiche auskommen. Jeder Israelit sollte es sich zur Regel machen, nicht nur keine wohlfeilen Scherze über die Geschichte und Entstehung anderer religiöser Bekenntniffe vorzubringen, sondern überhaupt alle derartigen Betrachtungen aufs Aeußerste einzuschränken. Die Vergangenheit ist zart; mancher unserer Landcsgenoffen scheut selbst nicht, kecken Spott gegen die religiösen Anschauungen, in denen er erzogen ist, zu schleudern; auch dann sollen wir schweigend zuhören oder noch eher uns entfernen; wir sollen nicht einstimmen in diesen Ton, denn diese herabsetzende und spöttische Rede, die uns nicht zukommt, würde aus unserem Munde selbst Dem nicht recht sein, der selbst solche rücksichtslosen Worte nicht spart. Wer solche Fragen berührt, der rührt an glühendes Eisen und wird bei aller Vorsicht nicht verhindern können, daß er sich verbrennt. Ein alter Lehrer hat den bekannten Spruch gethan: Alle meine Tage wurde ich groß unter Weisen und habe nichts Besseres gefunden als Schweigen. Der Spruch ist bekannt und doch nicht so ganz einfach. Was hat nur der Vordersatz zu bedeuten: Alle meine Tage wuchs ich heran unter Weisen? Welche Beziehung hat er zum Preise des Schweigens? Nun, wie erst die Frage gestellt wird, so ergiebt sich die Antwort von selbst. Der Preis der Schweigsamkeit ist leicht für Einen, der unter Thoren lebt; aber unter Weisen, deren Reden leuchtende Wahrheit spenden, da ist wohl das Schweigen nicht angebracht. Jedoch um den klugen Leuten einen heilsamen Schrecken einzuflößen, meint der Talmudlehrer, er habe allezeit unter gescheidten Männern gelebt und doch das Lob des Schweigens nicht überflüssig gefunden. Maimonides erzählt: Ein verständiger Mann sei in einem Kreise, wo Alle laut und lebendig ihre Meinung zu Markte trugen, wegen seines ruhigen Verhaltens aufgefallen. Nach der Ursache seines Benehmens gefragt, gab er folgende Antwort: er möchte die Menschen nach dem Werthe ihrer Aeußerungen in vier Klaffen theilen; da giebt es eine Schaar, die hinter schimmernden Worten schlimme Pläne verbergen, denen die Worte nur eine Hiille und keineswegs die Offenbarung ihrer Gedanken seien, denen die Wahrheit sehr wenig und ihre Macht und ihr Nutzen gar sehr am Herzen liegen. Andere wieder haben die beste Absicht und Gesinnung, nur haben sie das Unglück, für eine gute Sache die schlechtesten Gründe ins Feld zu führen; eine dritte Gattung rede über die wichtigsten Vorgänge aus Zeitvertreib, ohne inneren Drang, ohne Begeisterung für das Gute; ihnen sei alles, das Größte wie das Kleinste, nur ein Stoff der Rede, sie wollen sich unterhalten, sich zerstreuen, nichts weiter; die Vierten endlich, das seien die, welche mit Herz und Geist bei dem Gegenstände sind, von dem sie sprechen, aber diese Letzten werden selten angetroffen, so daß, wer nur am Gespräch mit diesen Gefallen finde, leicht zu ewigem Schweigen verurtheilt scheine. Wer wollte leugnen, daß so Viele, die im religiösen Streite das große Wort führen, nur zu den drei ersten Gattungen gehören! Wie viel falscher Eifer, wie viel eifrige Falschheit werden da nicht kund, wie oft treibt böser Sinn oder Lust an leerem Gerede zu thörichten Worten; sollte nicht Schweigen das beste Theil sein, wenn so leicht durch ein unüberlegtes Wort edle und heilige Gefühle verletzt werden? Ein Gesetzgeber des Alterthums erklärte Den für ehrlos, der im politischen Streit nicht Partei ergriffe, aber dieser Grundsatz verdient sicherlich eine Einschränkung in allen religiösen Fragen, so sehr sie auch das öffentliche Leben der ganzen Nation bestimmen; hier klingt das kecke Wort des Unbetheiligten fast wie Verhöhnung, es erbittert und verletzt ohne Noth die Gemüther und vermehrt den Zündstoff der schon ohnedies in großer Menge die Gegenwart erfüllt. Es ist auch nicht so leicht, sich in die religiösen Vorstellungen eines Andersgläubigen zu versetzen; was dem Fremden leer erscheint, das hat für Den, der in diesen Uebungen und Grundsätzen erzogen ist, durch Gewohnheit und Einbildungskraft einen reichen Inhalt. Wir erfahren es alle Tage, wie der Nichtisräelit irre geht, wenn er

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