Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1898-05-20 · Heft 20 (20.5.1898) · p. Seite 240

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
62 (1898)
Issue
Heft 20 (20.5.1898)
Date
1898-05-20
Page
Seite 240 (sequence 12)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3224737-3228257-3228278--54608-3290759
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

240 war sein Schweigen. Nur in den Augen glühte es manchmal sonderbar auf und verrieth, daß der Geist in ihm wach und rege war. Er, der sonst mit seinen groben Späßen, seinen komischen Geberden und seinen lauten, dreisten Reden Aller Aufmerksamkeit, Aller Spott und Aerger erregte, er zeigte nach außen hin für nichts Jntereffe. Selbst die letzten grauenhaften Vorgänge in der Gaste schienen ihn nicht zu berühren. Niemand ahnte, wie es in seinem Innern gährte, wie ihn Tag und Nacht ein Gedanke verfolgte, der eigentlich noch keine rechte Form und Gestalt angenommen, ganz unklar und verworren in seiner Seele vorhanden war. Es quälte ihn etwas, wovon er sich selbst kaum Rechenschaft zu geben wußte. Der Schlaf floh ihn, und in seiner dunklen Kammer lag er oft Stunden lang wach, auf seinem dürftigen Lager sich wälzend, bang stöhnend und seufzend. Nirgends schien er Ruhe zu finden. Wenn er in das Haus des Rabbi kam und von fern auf das kleine Kämmerchen blickte, in welchem Lea auf ihrem Schmerzenslager dahinwelkte, fand er Ruhe. Seine geringen Dienste, die er ihr so eifrig geweiht, sie wurden nicht mehr beansprucht. Draußen war alles öde und leer. Nicht einmal eine Blume konnte er ihr bringen. Oft harrte er Stunden lang in seiner stillen Ecke Abends am Fenster aus, bis er ihre Stimme vernahm. Dann bebte der große starke Mann am ganzen Körper, dann theilte ein trübes, schmerzliches Lächeln seine Lippen. Er hielt den Athem an, um besser lauschen zu können. Wenn ihre Stimme verhallt war, stand er leise auf und schlich sich fort. Ein kalter, dunkler Wintermorgen sah ein junges Weib mit wahnsinniger Hast auf das Haus des Rabbi zustürzen. „Helft mir!" schrie sie verzweifelt. „Rettet mein Kind! Es darf ja jetzt nicht sterben, nicht kalt, nicht todt sein. Hier, hier trage ich den Lebensquell in mir für meinen Knaben. O, laßt ihn mir, daß er am Mutterbusen erwärme und seine Seele zurückkehre! Mein Glück, meine Wonne war er. Wie Hab' ich ihn sorgsam gehütet und gepflegt! Wie sah ich ihn erblühen und erstarken an meiner Brust. Wozu athme ich, wenn er todt ist! O, habt Erbarmen, rettet mein Kind!" Dabei raufte sie ihr Haar, das sie gleich einem dunklen Mantel umfloß, und schlug ihre Brust wund. Sie war das junge Weib eines fleißigen, braven Mannes; sie wähnte sich die Glücklichste in ihrer jungen Mutterwürde. Nun hatte eine tückische Krankheit ihr den Liebling entristen. Ihr Schmerz war grenzenlos. Sie ließ die kleine Leiche nicht aus den Armen und liebkoste den starren Körper. Bergebens suchte man ihr ihn zu entreißen; wie eine Löwin hütete sie ihren Schatz und wehrte sich mit der Kraft einer Wahnsinnigen. Unheimlich klang ihr irres Lachen durch das öde Haus. „Ihr dürft mir mein Kind nicht nehmen, es nimmt's ja die Erde nicht auf! Es muß bei mir bleiben!" Mit List entfernte man das Kind. Sie aber saß fort und fort an der Wiege und sang ihren Liebling in den Schlaf. Nach einigen Monaten schien es, als wäre die Pest, das große Sterben, im Ghetto eingekehrt. Die Armen gewöhnten sich daran, mit ihren Todten zusammen zu sein, und ertrugen in Geduld ihr hartes Loos. Schon fünf Todte zählte man in der Gaffe. (Forts, folgt.) Sprechsaal. Sehr geehrter Herr Redakteur! (Zufolge einer mir durch den Verbands-Vorsitzenden des deutsch-israe- <35 litischen Lehrer-Vereins, Herrn Dr. S. Adler-Berlin, zugegangenen Mittheilung tagt der Verein israelitischer Lehrer der Provinzen Posen und Schlesien als Sektion der allgemeinen deutschen Lehrer-Versammlung am Montag, d. 30. d. M., 10 Uhr Vormittags, in Breslau (Versammlungsort: Hotel Weißer Storch, Wallstraße). — Jedenfalls wird die Tagesordnung nebst den Thematen der zur Diskussion gestellten Vorträge noch rechtzeitig in dieser Zeitung bekannt gegeben werden, was in betheiligten Kreisen allgemein gewünscht wird. Hochachtungsvoll Beuthen, O.-S., 8. Mai. A. Brann, Lehrer. «4r Sehr geehrter Herr Redakteur! s ist allerdings nun erwiesen, daß der Verfasser des NV2V rbftl selbst ein Sabbathianer gewesen sein muß, jedoch meine Anfrage betr. weiterer Mittheilungen von Editionen des Druckers XJri Phöbos ben Ahron halewi in Amsterdam, die vielleicht den Messias-tz-iQ tragen, ist nicht beantwortet. Wenn er kein Sabbathianer gewesen ist, so fällt natürlich der *2^2 in der ersten Ausgabe des -pp zum dem Schwiegersohn des Verfassers, der das Werk nach dem Tode des -pp edirt, zur Last. Ein bibliographisches Werk, das die hebräischen Werke nach Orten sowohl wie nach den Druckern rubrizirt, wie es Steinschneider angelegt und im 28. Bd. von Ersch und Gruber Encyklopädie veröffentlicht hat, fehlt an allen Ecken. Ein berufener Gelehrter würde der Wissenschaft mit dieser Arbeit einen großen Dienst leisten. Erwähnen will ich noch, daß auch der bekannte Proßniher Rabbiner Jechiel Michel Epstein aus Lemberg, der Herausgeber der .TltP*’ ‘"p‘7 r6arb in der Vorrede zu seinem n"btP seine sabbathianische Zugehörigkeit dargethan hat. Dort hebt er die Worte JTttffc niö1 sowie VlÖKn rPWÖ* beide an Zahlenwerth gleich ‘OJ£ VDW/ durch Apostrophe heraus. Die Editio princeps ist 1683, also nach dem Tode des §abb. Zebi edirt. Hamburg, 6. Mai. S. Goldschmidt. Geehrte Redaktion! meinem Artikel der vorigen Nummer „Zur Religionsunterrichtsfrage" muß es heißen: These 3. Der Lehrstoff umfaßt die Kenntniß der Religionsquellen der Bibel, der Geschichte und Litteratur und des Kultus lanstatt der Kultur) der Israeliten. Hochachtungsvoll Hamburg, 13. Mai. Dr. D. Leimdörfer. Sehr geehrter Herr Redakteur! ie Dänemark betreffenden Auszüge aus dem Reisewerk des Baron Korff, die in Ihrer geschätzten Zeitung (S. 226) mitgetheilt werden, bedürfen der Berichtigung. Unbestreitbar ist es allerdings, daß die dänische Stadt Roskilde mit den Rothschilds nichts zu thun hat. Roskilde heißt nämlich nicht „ebenso viel wie Rothschild", sondern die Rosenquelle (dänisch Rosenkilde) hat der Stadt ihren Namen gegeben. Ein ganz kurioses Mißverständniß ist es, daß der Antisemitismus deshalb in Dänemark nicht zu Hause ist, weil Christian VIII. „Geld von einem holländischen Juden Gedalje, dessen Familie noch in Dänemark angesehene Juden sind, sich pumpte". Korff denkt vermuthlich an den hier vor 6 Jahren verstorbenen Baron G. A. Gedalia. Dieser war kein Holländer, sondern Enkel des Kopenhagener Oberrabbiners R. Abraham, Urenkel und Namensträger dessen, aus Polen stammenden, Amtsvorgängers R. Gedalia. Bon Geldverlegenheiten Christians VIII. ist nichts bekannt. Unter allen Umständen konnte er von G. A. Gedalia nichts „sich pumpen", denn dieser war noch beim Tode des Königs weder Baron noch Bankier, sondern nur ein armer Sattlergeselle. Uebrigens habe ich nie gehört, daß das Geldentleihen der Könige ein Präservativ gegen den Judenhaß der Völker sei. Eher das Gegentheil. Jedenfalls müssen die Gründe dafür, daß meine Landsleute keine „Partei der Antisemiten bilden", anderswo gesucht werden, als wo Baron Korff sie findet. Hochachtungsvoll Kopenhagen, 13. Mai 1898. Oberrabbiner D. Simonsen. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.