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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1898-05-20 · Heft 20 (20.5.1898) · p. Seite 239

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
62 (1898)
Issue
Heft 20 (20.5.1898)
Date
1898-05-20
Page
Seite 239 (sequence 11)
Language
German
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239 Erst widersetzte er sich dem Befehl und wurde von den Aufsehern gepeitscht. Als das Werk vollendet und die heiße Sonne auf den nun kahlen Platz brannte, und die letzten gefällten Stämme fortgeschafft wurden, warf er sich mit fürchterlich gellendem Lachen zur Erde. Wie ein Wahnsinniger schlug er um sich und wühlte in dem gelockerten Erdreich. Niemand wagte ihn zu berühren, noch sich ihm zu nähern. Lea hörte von seinem wilden Treiben und ging, gestützt auf Gitel, zu dem Unglücklichen. Furchtlos trat sie an den sich im Staube Wälzenden heran. „Steh auf, Nathan!" sagte sie ernst und laut. Beim Klang ihrer Stimme ging ein Zucken durch seine Glieder. Er hob das Haupt, und in wenigen Augenblicken stand er neben ihr. „Wohin soll ich Dich tragen, wenn die Bäume fehlen und der Wald zerstört ist?" fragte er mit zitternder Stimme. „Kein Plätzchen gönnt Dir der Elende!" „Nicht mir, uns allen nicht. Tröste Dich!" „Ich bleibe bei schönem Sonnenschein vor der Thür, da Hab' Noth und Mühe mit mir. Um meinetwillen sorge Dich nicht. Gieb mir Deine Hand und komme heim." Die Leute auf der Gaffe wichen Beiden aus. Lange sahen sie dem sonderbaren Paar nach und schüttelten die Köpfe. „Was hat Lea mit dem Narren? Er gehorcht ihr wie ein kleines Hündchen. Wahrlich, sie ist ein kluges Mädchen, „behört" und erfahren. Gott gebe ihr Gesundheit und erhalte dem alten Mann diese letzte Erdenfreude." Als sie daheim angelangt war, ließ Lea die Hand ihres Begleiters los und sagte streng: „Geh' an Deine Arbeit, daß Dein Meister Dich nicht schelte, und füge Dich dem Gewaltigen. Er ist, wie alles, ein Werkzeug Gottes, und wir müffen, so ist wohl der Wille des Höchsten, aus dieser Hand alle Strafen empfangen. Wir müffen auch diese neue Prüfung ertragen und Gott bitten, uns ferner vor herberem Leid zu behüten." Sie ging ins Haus, und Nathan sah ihr lange nach. Dann lief er die Gaffe hinab zu seiner Tagesarbeit. Im kleinen dunklen Wohnzimmer war Lea in den Lehnstuhl gesunken. Sie war einer Ohnmacht nahe. Ein heftiger Hustenanfall nahm ihr den Athem. Gitel bemühte sich um sie. Nach einer halben Stunde völliger Bewußtlosigkeit erwachte sie und fuhr jäh in die Höhe. „Gitel," rief sie. „es ist Zeit, das Mahl zu rüsten; der Vater darf nicht wissen, daß ich mich schwach fühle. Beeile Dich, wir haben viel versäumt." Wochen waren seit jenem Tage vergangen. Lea saß still am offenen Fenster. Sie war zu schwach, um hinaus auf die Gasse zu gehen. An jedem Morgen grüßten sie Blumen, die im offenen Fenster lagen. Nathan sah sie selten. Er konnte ihr ja jetzt nicht dienen, so blieb er ihr fern. Der Herbst war zum zweiten Male ins Land gezogen. Die sonnenhellen Tage schwanden. Welkes Laub jagte der Wind auf der staubigen Landstraße. Die heiligen Festwochen waren vorüber. Still und freudlos rüstete man sich zum beginnenden Winter. Nirgends leuchtete den armen Verlaffenen ein Hoffnungsstrahl auf. Sie waren fast all ihrer Habe durch die willkürlichen Ausbeutungen des Tyrannen beraubt. Schwere Lasten, drückende Steuern waren ihnen auferlegt. Dennoch begannen sie immer von Neuem, ihr elend kümmerlich Dasein durch herbe, schwere Arbeit zu fristen. Galt cs doch die Erhaltung ihrer Lieben. Sie durften ja um ihretwillen nicht verzweifeln. Immer von Neuen begannen sie zu schaffen und zri ringen mit der Noth und erhielten sich, trotz des herben Geschickes, das ihnen zugetheilt. Der älteste Mann im Ghetto, Reb David genannt, ein stiller, weltfremder Gelehrter, der schon seit langen, laugen Jahren gelähmt gewesen und sein ganzes Leben ausschließlich dem Studium des Talmuds gewidmet halte, während seine rüstige Gefährtin einen kleinen Handel unterhielt, erlag seinem Leiden. Tags darauf rüstete man sich zur Bestattung des alten Weisen, der von der ganzen Gemeinde geliebt und verehrt worden war, als der Befehl vom Grafen kam, daß kein Jude auf dem Friedhof begraben werden dürfe. Schreck und Bestürzung lähmte anfänglich die ganze Gemeinde, und es vergingen Stunden, bis die Armen, so schwer vom Schicksal Heimgesuchten sich in die neue grausame Verordnung finden konnten. Die Lebenden hatten dem Tyrannen jeden Tribut gezollt, nun sollten noch die Todten das Opfer seiner Unmenschlichkeit werden. Die Armen, Beklagenswerthen eilten zum Rabbi, der gleich ihnen von dieser beispiellos harten Verordnung niedergeschmettert war. Es war ihnen nicht einmal gegönnt, die heiligste Pflicht an ihren theueren Todten zn erfüllen und der Erde das wiederzugeben, was ihr eigen war. In laute Klagen brachen sie beim Rabbi aus, der selbst gebeugt und muthlos vor ihnen stand. Im kleinen Kämmerchen drüben litt sein Kind, und sein ahnend Herz fühlte, wie kurz die Spanne Zeit sein würde, in der sie noch ihm, noch zu den Lebenden gehörte. Die Aeltesten der Gemeinde beschlossen nun, im Verein mit dem Rabbi zum Grafen zu gehen mit der Bitte, den grausamen Befehl zurückzunehmen. Schweren Herzens rüsteten sich die Gebeugten zu diesem Gang, gefolgt von den weinenden, wehklagenden Frauen und Kindern. Bis zur Gasse dursten die Letzteren ihnen das Geleit geben, dann kehrten sie heim, gedrückt und geängstigt, in Schrecken vor deir kommenden, bösen Stunden. Auf dem Gutshof wurden diej Armen mit Spott und Hohn empfangen und mit Stockschlägen davongejagt. Tiefe Trauer und Muthlosigkeit herrschte im Ghetto. Man betete und fastete, man berieth hin und her, wie man der heiligen Pflicht genügen könnte. Es fand sich kein Ausweg. Schließlich ergaben sich die Beklagenswerthen in ihr Loos. Täglich stiegen heiße Gebete zu Gott empor um Leben, nur um Leben. Man bangte vor dem kommenden Tag, der neue traurige Kunde bringen könnte. Lea lag still und klaglos auf ihrem Schmerzenslager. Das heitere, seit Jahren so mühsam erzwungene Lächeln, es irrte selten um die bleichen Lippen, und die glänzenden großen Augen, die oft stundenlang auf einen Punkt starren konnten, erzählten von viel durchwachten Nächten, in denen des Fiebers Gewalt den siechen Körper zu vernichten drohte. Nathan arbeitete mit rastlosem Eifer. Der Meister staunte über die Arbeitskraft und den Fleiß des jungen Mannes und mehr noch über sein stilles seltsames Wesen. Er war riesenstark und groß geworden, der größte Mann im Ghetto, im ganzen Städtchen. War er sonst lustig, zu allen Späßen aufgelegt, so konnte er jetzt Tage lang einhergehen, ohne ein Wort zu sprechen. Unheimlich

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