Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 20 (20.5.1898)
- Date
- 1898-05-20
- Page
- Seite 238 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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238 schließen sich im diesjährigen SalonGustavEberleinundNikolaus Geiger an. Wenn wir den Landesausstellungspark durch den großen Kuppelsaal betreten, so bemerken wir im Saal 1a die große Gruppe G. Eberleins „Gott Vater haucht Adam den Odem ein", (Nr. 1278 des Katalogs). So ergreifend uns hier gerade die Erinnerung an die schlichte Sprache der Bibel erfaßt, so peinlich wird den religiösen Juden diese wie jede anthropomorphistische Darstellung berühren. Unter den Werken Eberleins im diesjährigen Salon, welche uns hier interessiren, sind noch zu nennen: Die Bronzedarstellungkn „Adam und Eva" und „Nach dem Sündenfalle" (Nr. 1279 und 1280), „Adam findet Abels Leiche", ein sehr ergreifendes Werk, und „Adam und Eva am Ende ihres Lebens" (Nr. 1281 und 1282). In der mit Saal 1a korrespondirenden langen Halle Id bemerken wir neben der von dem bekannten Schöpfer des Heinedenkmals herrührenden Bismarckstatue rechts eine liegende „Eva" von Hundrieser (Charlottenburg). In dem anstoßenden Saal 2, dem sogenannten „Ehrensaal", fesselt uns auf der linken Seite ein großes Gemälde des bekannten in München lebenden Malers Joseph von Brandt, das einen „Pferdemarkt zu Balta in Bessarabien" sehr eindrucksvoll schildert. Im Vordergründe sehen wir die schön aufgeschirrten Pferde vor den adligen Herren paradiren, während vor den Zelten Kazappen mit Knüppeln ihre wilden Pferde vorübertreiben, im Hintergründe sieht man Händler und Käufer um Pferde feilschen. Ist es Zufall oder Absicht des Malers, selbst bei peinlichster Prüfung haben wir auf dem Bilde keinen jüdischen Pferdehändler entdecken können. Doch die wüsten, halb thierischen Fratzen der Pferdeknechte und Kazappen rufen uns in Erinnerung, daß sich Balta durch eine schaudervolle Judenverfolgung unter Alexander III. einen traurigen Namen gemacht hat. Das edle Hilfswerk, welches damals ganz Europa einmüthig für die Vertriebenen ins Leben rief, hat Manchem, dem der Progrom Hab und Gut geraubt hatte, ermöglicht, sich und seinen Kindern jenseits des Ozeans eine neue Heimstätte zu schaffen. Brandt, der durch seine poetischen Bilder aus der russischen Steppe bekannt ist, hat sicher in dieser naturalistischen Darstellung nicht übertrieben, — es muß nicht gut sein, mit diesen Halbasiaten in Balta als armer Jude eine Luft zu athmen. — In den sich an Saal 7 segmentartig anschließenden Sälen 12 und 40, die mit einander korrespondiren, finden wir die Fortsetzung unserer Skulpturengalerie. Hugo Rheinholds in der 3. Abtheilung des Saales 12 rechts in der Ecke stehende Gruppe „Kampf" wird großes Aufsehen machen und feffelt schon jetzt viele Zuschauer. Namentlich der Gesichtsausdruck des tiefernst über den ihm aufgenöthigten Kampf nachsinnenden Mannes ist ganz hervorragend, er hat die Linke aufs Herz gelegt und wendet sich schon mit der Rechten nach der an der Seite flehenden Waffe, doch er sinnt und grübelt noch, und wenn man mit dem Seelenschmerz des ersichtlich Herausgeforderten alle Sympathie hat, so weiß doch kein Beschauer, ob der Mann vor lauter Grübeln wirklich zum Kämpfen kommen wird. — In dem mit Saal 12 korrespondirenden Saal 40 hat Rheinhold eine den Eindruck großer Naturtreue machende Porträtbüste seiner Mutter ausgestellt. Warum fehlt diese Nummer im Katalog? In Saal 12 finden wir auch die Separatausstellung des im November vorigen Jahres gestorbenen Berliner Bildhauers Profeffor Nicolaus Geiger, darunter „Adam und Eva nach dem Sündenfall", 2 mal in Terracotta und 2 mal in Bronze ausgeführt. Eva blickt einmal aufrecht stehend, mit erhobenen Augen gleich der Niobe, in tiefem Schmerze zum Himmel, in einer anderen Ausführung krümmt sie sich in Schmerzen am Boden, die Schlange windet sich um ihren Leib, — sehr beachtenswerthe Schöpfungen, auf die wir noch zurückkommen. Ein Schüler Begas, I. Götz, stellt eine Bronzebüste „Eva" aus; in der Mitte des Saales 37 bemerken wir eine Bronze von Netzer, eine liegende „Eva" mit der Schlange. Wenn bei diesen sämmtlich hervorragenden Künstlern die Bezeichnung „Eva" mitunter nur die Etiquette für einen wohlgelungenen Akt darstellt, so bietet uns W. Jacobi (Berlin) mit seinem „Verlorenen Paradies" (Nr. 1366), eine dem Miste der Bibel schon mehr entsprechende Gruppe mit ergreifender seelischer Wirkung, der auch ein moderner Gemüthsion nicht fehlt, denn Eva sucht und findet als liebendes Weib hier Trost bei dem mit tiefem Schmerz in die düstere Ferne blickenden Adam, der eben das Wort vernommen: „Im Schweiße Deines Angesichts sollst Du Dein Brod effen". Suchen wir unsere heutige Wanderung mit einem heiteren Eindruck zu schließen, und verweilen wir am Eingänge von Saal 3 bei Max Levis äußerst ansprechender Büste Agnes Sormas. Der Künstler, der uns vor einigen Jahren mit seinem „David mit dem Haupte des Goliath" erfreute, hat hier ein Werk von sympathischem Liebreiz und großer Natürlichkeit geschaffen. Arthur Lewin sandte als Reminiscenz an seinen Aufenthalt in Rom einen „Cesare" (Nr. 1434), ferner eine vortreffliche kleine Marmorgruppe „Verzweiflung" und ein Zinnrelief „im Zwielicht". Die Sonderausstcllnng des Direktors der Brüffeler Kunstakademie, van der Stoppen, ist eine Woche nach Eröffnung der Ausstellung dem Publikum zugänglich gemacht worden und Herr van der Stappen aus Anlaß seiner persönlichen Anwesenheit in Berlin sehr gefeiert worden, dg er einer der hervorragendsten Bildhauer der Gegenwart ist. Diese Sonderausstellung enthält auch ein Bildniß unseres unvergeßlichen Ludwig Philippson, des Altmeisters der modernen jüdischen Publizistik und Begründers dieser Zeitung. Die in jeder Beziehung ausgezeichnete Büste (Nr. 1526 des Katalogs), ein hervorragendes Kunstwerk in dunkler Bronze, wurde während eines Besuches ausgeführt, den Ludwig Philippson seinem damals an der Brüsseler Universität lehrenden Sohne Professor Martin Philippson abstattete. Sie ist für uns jedenfalls das intereffanteste Stück des diesjährigen Salons. EUILLETOIJ Aer Narr. Erzählung von Jda Oppenheim. (Fortsetzung.) *or dem Pfingstfest kam der Befehl des Grafen, das kleine Wäldchen in der Nähe der Judengaffe ausholzen zu lassen. Mit Thränen in den Augen und schweren Herzens mußten die armen Juden allein ihre einzige Erholungsstätte zerstören und vernichten. Wie hatten sie sich in den wenigen Stunden des Ausruhens unter dem Schatten der alten Bäume so wohl gefühlt und sich an dem munteren Spiel ihrer Kinder draußen erfreut und erquickt! Wie gern hätten sie dem Grausamen irgend ein anderes Opfer gebracht, um nur das kleine, stille grüne Fleckchen zu erhalten, das ihnen so lieb und werth geworden, das den ganzen Inhalt ihrer Erholung und Zerstreuung gebildet. Nathan mußte auch mit seinen starken Armen zu dem Vernichtungswerke beitragen.