Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 20 (20.5.1898)
- Date
- 1898-05-20
- Page
- Seite 235 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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235 so schnell hat drucken lassen und warum er nach dem, was ihm Lessing von mir gesagt hat, mir überall von der Sache etwas gemeldet hat." Und auf Reichardts Antwort, Jacobi sei empfindlich gewesen, daß Mendelssohn über Lessing etwas geschrieben habe, was Jacobi für unbegründet gehalten, antwortete Mendelssohn: „Ein Mann von Jacobis Geist hätte es Lcssingen bald ansehen müssen, was ihm Ernst und nicht Ernst war. er mußte auch von mir schon hinlänglich wissen, daß es mit mir zu spät wäre, mich mit ihm auf neue Wege und Lehren einzulassen; ich bin in Leibnitz'scher und Wölfischer Philosophie alt geworden und kann platterdings mit Keinem einen Schritt vorwärts thun, der mit mir in neuer Sprache und —" Hier habe sich der Weise unterbrochen, man holte Friedländer ab, der lustig von Nicolais silberner Hochzeit erzählte. Man habe das eigentliche Thema verlassen und über England und Archenholtzens Beschreibung dieses Landes geredet. Mendelssohn habe versprochen, an einem der nächsten Abende zu R. zu kommen. Als Reichardt an dem verabredeten Abend Opernprobe gehabt, habe er Mendelssohn zuni Sonntag eingeladen. Am Tage vorher habe dieser Thee und Chokolade geschickt und gemeldet, er könne nicht kommen, weil Sonntags seine Familie Lesegesellschaft hätte, die er nicht gern versäume. Ein paar Tage darauf sei er ganz unerwartet gestorben. Bei einem Besuch, den Reichardt der Wittwe gemacht, habe er von ihr gehört,' Mendelssohn habe seinen Freunden schon vor Jahren gesagt, es ginge mit ihm so sachte zu Ende. Er fühle sich täglich merklich schwächer und werde gewiß bald auslöschen. Er habe an einem kalten Tage das Manuskript zu Voß gebracht, und als die Frau ihn hindern wollte, ohne Ueberzieher über die Straße zu gehen, habe er gesagt: „Du bist mir eine wunderliche Frau. Wenn es trüb ist, soll ich nicht ausgehen, weil ich naß werden könnte, und wenn es friert, soll ich nicht ausgehen, weil ich mich erkälten könnte." Er habe sich aber trotzdem erkältet und sei darüber gestorben. Noch an demselben Morgen habe er mit gutem Appetit und recht munter gefrühstiickt. Dieser Bericht widerstreitet so ziemlich allem, was wir von Mendelssohns Tod und von seiner Stimmung in den letzten Wochen wissen. Er blieb daher nicht unbeantwortet. Ja, es entspann sich in jener Hamburger Zeitung ein Schriftwechsel, der die ungeheuere Bedeutung illustrirt, welche man damals Mendelssohn schenkte. In den Beiträgen zum gelehrten Artikel ist Stück drei, Beilage zu der Nummer vom 11. Februar, ganz angefüllt von Erklärungen der Berliner gegen Reichardt. Den Reigen beginnt Engel mit einem Berlin, 7. Februar datirten Schreiben, in dem er seinen Vorbericht zu Mendelssohns Schrift mit dem darüber von Moritz erschienenen Artikel in der „Vossischen Zeitung" nicht identifizirt wissen wollte. Er lehnt es ab, behauptet zu haben, daß Jacobis Schrift die unmittelbare Ursache von Mendelssohns Tode gewesen sei, und setzt ausführlich aus einander, daß Spottlachen und Jronisiren, die Reichardt in seiner Erzählung als wesentliche Eigenschaften des Mendelssohn'schen Wesens bezeichnet, ihm durchaus ferngestanden hätten. Darauf folgt ein längerer Artikel von Marcus Herz, der Reichardts Bericht, insbesondere über den plötzlichen Tod Mendelssohns, als eine grobe Lüge bezeichnete und auf seine eigene Erzählung, die der letzten Schrift Mendelssohns vorgedruckt ist, hinweist. Er betheuert als Arzt, daß nichts in Mendelssohns Leben so viel oder vielmehr überhaupt eigentliche Gemiithskränkung verursacht zu haben schien als die Sache seines Lessing, und daß er, der sonst nie sich geärgert, nach der Lektüre von Jacobis Schrift häufig gesagt habe: „Dies ärgert mich, kränkt mich." Endlich protestirt Friedländer dagegen, daß er die Unterredung mit Reichardt unterbrochen, daß er von einer lustigen Feier erzählt habe, und betheuert seinerseits, daß die Art, wie Mendelssohn zu ihm über die Jacobi'sche Sache gesprochen, durchaus seine Empfindlichkeit, ja seine Indignation gezeigt habe. Auf diese Kollektiv-Erklärung antwortete Reichardt in der Nummer vom 14. Februar mit einer Notiz, daß er mit seinem Bericht nichts weiter habe bewirken wollen als die Wahrheit an den Tag zu bringen. Auf einen öffentlichen Federkrieg laffe er sich nicht ein und beantworte daher nicht das. was Engel, Herz, Friedländer in der „Hamburger Zeitung" und Moritz in der „Vossischen Zeitung" wider ihn geschrieben hätten. Nachdem in den folgenden Nummern Berichte über Moldenhauers und Claudius' Schrift gegeben wurden (nicht die erstere abgedruckt ist, wie es bei Kayserling heißt), ergreift am 22. Februar Moritz das Wort, wendet sich aber viel weniger gegen Reichardt, sondern polemisirt gegen Engel, indem er ausführt, daß er in der „Vossischen Zeitung" im Grunde nur das paraphrasirt habe, was Engel in seinem Vorbericht dargethan, daß nämlich Lavaters Zudringlichkeit dem Leben Mendelssohns den ersten Stoß gegeben, und daß Jacobi das Werk vollendet habe. Damit war diese Polemik zu Ende. Das Interesse, das der „Hamburger Correspondent" Mendelssohn gegenüber bezeugte, geht aber daraus hervor, daß am 11. März ein Aufsatz aus der Berliner Monatsschrift „Was verdankt Deutschland dem verstorbenen Mendelssohn vorzüglich?" abgedruckt ist, und daß in der Nummer vom 15. März aus Moritz' „Denkwürdigkeiten, ausgezeichnet zur Beförderung des Edlen und Schönen" ein Paar Mendelssohn betreffende Anekdoten mitgetheilt werden. Zur Geschichte der Juden in Westpreujjen. Bon Gymnafialoberlehrer Dr. R. Stoewer in Könitz. (9^?^ährend der polnischen Herrschaft hatten sich die Juden sehr zahlreich in Westpreußen verbreitet. Unter besonderen Privilegien durften sie in den Städten wohnen, und sie hatten besonders in den kleinen Städten den Handel fast ausschließlich in ihre Hände gebracht. Im Jahre 1772 kam Westpreußen nebst dem Ermeland und dem Netzedistrikt durch die erste Theilung Polens an Preußen. An die Stelle des verlodderten polnischen Regiments trat die feste, historisch und volksthümlich entwickelte Ordnung der preußischen Königsherrschaft und ihres Beamtenthums. Auch die Juden hatten in diesem Staate ihre bestimmte, fest geordnete Stellung. Trotz vieler Verfolgungen hatte man schließlich das jüdische Element in den brandenburgisch - preußischen Ländern doch nicht entbehren mögen; aber es war an Zahl und Rechten gewaltig eingeschränkt; die Juden bildeten gewissermaßen einen minderwerthigen Staat im Staate. In der neuen westpreußischen Erwerbung war die Zahl der Juden eine bedeutend stärkere als in den anderen preußischen Ländern; die Regierung ließ es sich deshalb angelegen sein, gleich nach der Erwerbung die ganze Summe der historisch entwickelten, mittelalterlichen Gesetze auf die westpreußische Judenschaft anzuwenden, um vor allem dadurch eine Regeneration unter dem immerhin nur geduldeten Volke zu bewirken. Die Verwaltung der kleineren Städte stand vor der Stein - Hardenberg'schen Gesetzgebung vonr Jahre 1808 viel unmittelbarer unter der Regierung. Die Städte eines oder mehrerer Landkreise bildeten einen Stadtkreis, der, untex einem Steuerrath als Kommiffarius der Regierung stand.