Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 20 (20.5.1898)
- Date
- 1898-05-20
- Page
- Seite 234 (sequence 6)
- Language
- German
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234 Er hatte zu seiner Zeit aber auch als Schriftsteller durch seine litterarischen, kritischen und politischen Zeitschriften eine große Bedeutung erlangt. Der betreffende Brief lautet: Bester, theuerster Mann! Daß Sie mich doch gerade zu einem Schmause «inladen, dem ich ohne Gefahr nicht beywohnen kann! Gegen Abend ist jede lebhafte Empfindung für mein kränkelndes Nervengebäude von schlimmen Folgen und eine angreifende Mustk vollends ein tödtliches Gift. Sollte es nicht möglich seyn, Ihre Composttion des Psalms einst des Vormittags bei Ihnen zu hören? Ich bin sehr auf die Ausführung begierig und möchte des Vergnügens, das ich mir davon verspreche, nicht gern völlig beraubt seyn. Gehet es auch itzt nicht an, so ist es vielleicht nach geendigten Winterlustbarkeiten Ihrer Freundschaft möglich. Ich will mich gern so lang gedulden. Aber meine Familie nimmt Ihre gütige Anerbietung mit Dank an, und genießet so lange für mich mit, bis ein besseres Schicksal mich in den Stand gesetzet, die unschuldigen Vergnügungen mit ihr zu theilen. Leben Sie wohl und bedauern Sie Ihren nervenschwachen Freund B. 14. Dec. 1784. M. Mendelssohn. Der vorstehende Brief ist mir in Abschrift von Herrn Oberstlieutenant Hönig in München zur Verfügung gestellt worden. Er gehört, wie viele andere an Reichardt gerichtete Schreiben, zu der Autographensammlung des Herrn Georg Arnold in Nürnberg, welche Ende des Jahres 1894 verkauft wurde. Der Brief ist wichtig besonders deswegen, weil er eine ziemliche Intimität nicht blos Reichardt-Mendelsohns, sondern auch der beiderseitigen Familien zeigt, und weil er außerdem die Thatsache erkennen lehrt, daß Mendelssohn, sobald sein Gesundheitszustand ihm dies erlaubte, christliche Gesellschaften besuchte. Sonst ist nur Folgendes zur Erklärung des Briefes zu bemerken: Es läßt sich ziemlich genau feststellen, welcher Psalm gemeint ist. Unter Reichardts Werken zählt Reichardts Biograph Schletterer (Bd. 1, Reichardt als Musiker, Augsburg 1865) S. 389 den 65. Psalm und „den 165. Psalm nach Moses Mendelssohns Uebersetzung mit Chören und großem Orchester 1784" auf. Daß dies ein Jrrthum ist, braucht wohl nicht erst lange aus einander gesetzt zu werden. Ein 165. Psalm existirt nicht. Gemeint ist also offenbar der 65., über den Schletterer ziemlich ausführlich handelt. Er konstatirt seinen großen Erfolg, der nach seiner Meinung „auf der außerordentlichen Einfachheit und Klarheit und auf dem hohen Wohlklange des ganzen Werkes" beruhte. Doch meint er, daß sich der Komponist nicht durch ein langes Stück hindurch auf der gleichen Höhe zu erhalten wußte. Den Grund des letzteren Mangels sieht der Verfaffer nun auch in der Uebersetzung und stellt zu diesem Zweck die Mendelssohn'sche und Lutherische Uebersetzung einander gegenüber. Wenn er aber meint, daß die erstere der Aufklärungszeit ihren Tribut zahle, daß sie durch Korrektheit sündige und sich weniger als die Lutherische zur Musik eigne, so kann ich diesem Urtheil nicht beistimmen (vergleiche, was ich über Mendelssohns Bibelübersetzung gesagt habe, Geistiges Leben Berlins 1, S. 390 fg.). Die Gegenüberstellung eines Paffus wird mir, hoffe ich, in den Augen der meisten Leser Recht geben. Mendelssohn: Der Du mit Deiner Macht der Berge Grund gelegt, mit Allgewalt Umgürteter, Du stillst der Meere Brausen, das Brausen ihrer Wogen sowie der Meere Ungestüm. Ob Deiner Zeichen staunen die Einbewohner ferner Zonen. Luther: Der die Berge erst setzet mit seiner Kraft und gerüstet ist mit Macht. Der Du stillest das Brausen des Meeres, das Brausen seiner Wellen und das Toben der Völker, daß fich entsetzen, die an denselben Enden wohnen. Bedarf nun auch der vorstehende Brief keiner weiteren Erklärung, so verlangt das Thema Reichardt-Mendelssohn noch eine kurze Erörterung. In dem dicken Buche von Schletterer, einem Buche von 662 Seiten, in dem es sehr schwer ist, sich zurecht zu finden, da es weder Register noch Jnhaltsverzeichniß hat, heißt es S. 428: „Reichardt gab zunächst im „Hamburger Correspondenten" am 29. Januar 1786 einen Bericht über eine Unterredung, die er kurz vor dem am 13. Dezember 1785 erfolgten Tode Mendelssohns mit ihm gehabt zu haben behauptete. Der Philosoph hatte ihm auf das Bestimmteste versichert, „daß er weder seinen Gegnern (es handelte sich um Jacobi und deffen Genoffen) zürne, noch durch sie beleidigt sei". In dieser Stelle ist freilich manches falsch. Mendelssohn ist nicht am 13. Dezember 1785, sondern am 4. Januar 1786 gestorben. Reichardts Bericht bezieht sich auf eine Unterredung, die er mit dem Berliner Philosophen am 13. Dezember 1785 gehabt hat und fleht in der halbmonatlichen Beilage zu dem gelehrten Artikel des „Hamburger Correspondenten" vom 1. Februar. *) Der Artikel beginnt mit einer redaktionellen Notiz, die auf einen Bericht der „Vossischen Zeitung" hinwies, der im „Hamburger Correspondenten" vom 27. Januar wiederholt worden war; darauf folgt der lange Artikel Reichardts, unterzeichnet „Hamburg, 29. Januar 1786". Er wendet sich gegen den Bericht Engels, die Vorrede zu der letzten Mendelssohn'schen Arbeit, und gegen den dort erhobenen Vorwurf, daß Jacobis Schrift über die Lehre des Spinoza an Mendelssohns Tode schnld gewesen sei. Zu dem Zwecke giebt Reichardt Mittheilung von einer Unterredung, die er mit Mendelssohn am 13. Dezember, Nachmittags 5 Uhr, gehabt und von der er eine Darstellung noch an demselben Tage an Jacobi nach Düfleldorf geschickt habe. Er erklärt, beeiden zu können, daß kein wesentliches Wort hinzugefügt oder weggelassen sei. Mendelssohn habe gemeint, Jacobi stecke niit Lavater unter einer Decke, Beide wollten ihn bekehren; Reichard leugnete dies und erklärte, die Schrift von Jacobi sei nur zur Ehrenrettung des so viel verleumdeten Lavater geschrieben. Reichardt richtete sodann den Auftrag Jacobis aus, Mendelssohn hätte ihm lieber direkt alles mittheilen sollen, was er gegen ihn gehabt, als in einer Druckschrift dies auszuführen, und hätte nicht nach Art der Berliner Aufklärer, ihm, Jacobi, über alles, was sie frommen Betrug nennen, zu Leibe gehen sollen. Darauf sagte Mendelssohn: „Sie können versichert sehen, daß dieser Auftrag mich ebenso wenig beleidigt hat als Jacobis Schritt. Von dem ersten Theil Ihres Auftrages habe ich schon so etwas geahndet und habe letzt schon zu meiner Familie gesagt: es wird in dieser Sache wol wieder eintreffen, was mir einer meiner Freunde schon längst gesagt, ich hätte keinen rechten Begriff von Ehre und xoint d’honneur in meiner ersten gemeinen Erziehung erhalten." Unterdeß kani die Frau und ihr dreijähriger Sohn und erinnerten Mendelssohn an seinen abendlichen Spaziergang, worauf er sagte: „Lieber Reichardt, schreiben Sie nur an Jacobi, ich hätte bereits einige Bogen aufgesetzt, die ich nächstens als eine Beylage zu seinem Buche drucken laffen würde; so bald das geschehen wäre, sollt er sie haben, und ich hoffte, er würde damit zufrieden seyn und mir ebenso wenig böse darüber werden, als ich ihm seines Buches wegen böse bin, wenn ich gleich nicht begreifen kann, warum er es 9 Als jener angeführte Artikel in dem „Hamburger Correspondenten" erschien, war Reichardt gerade in Hamburg, (vgl. Schletterer a. a. O. S. 351), woraus jedenfalls hervorgeht, daß am 24. Januar 1786 Rcichardt nach Hamburg unterwegs war. Den betr. Band des Corr. habe ich aus der Hamb. Stadibibliothek benutzen dürfen, wofür ich auch an dieser Stelle der Verwaltung besten Dank sage.