Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 20 (20.5.1898)
- Date
- 1898-05-20
- Page
- Seite 233 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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233 rabbinische Wissen herausträgt, das jene Orthodoxen an ihre alten Rabbiner-Koryphäen erinnern könnte. Der junge Mann, der eine Mittelschule und eine Universität zu absolviren hat, kann sich auch nicht in dem Maße und mit diesem Fleiße — ich möchte sagen: auch nicht mit der naiven Anhänglichkeit — dem Talmudstudium hingeben, wie die Alten es konnten, die eben weiter nichts zu thun hatten. Auch jene alte heilige Scheu vor dem Schulchan-Aruch läßt sich bei einem modern gebildeten Rabbiner nicht voraussetzen. Und der Orthodoxe ahnt diese Irreligiosität des Rabbiners, und dieser, sofern er ehrlich ist, wird sie ihm ohne Weiteres zugestehen, wenn er auch freilich diese bitterböse Bezeichnung nicht acceptiren wird. Jedenfalls besteht eine unüberbrückbare Kluft zwischen dem modernen Rabbiner und dem orthodoxen Gemeindemitglied, sowie es andererseits keinerlei Berührungspunkte zwischen dem fortschrittlichen Gemeindemitglied und seinem orthodoxen Rabbiner giebt. Daraus ergiebt sich die unabweisbare Konsequenz, daß mit einer einheitlichen Lösung der auf der Tagesordnung stehenden Rabbinerfrage nichts mehr auszurichten ist. Und nun ist es klar: wo der Monismus nicht mehr ausreicht, da greift man zum Dualismus. Das ist auch der einzig mögliche Ausweg aus allen diesen Schwierigkeiten : man muß einfach den Orthodoxen ihren Rabbiner lassen und den Fortschrittlichen den ihnen entsprechenden geben. Natürlich nur in den größeren Gemeinden, die zwei Rabbiner erhalten können; und solcher giebt es in Galizien nicht weniger als etliche und zwanzig. Die kleineren Gemeinden werden freilich solche Kandidaten suchen müssen, die mit rabbinischem Wissen und orthodoxer Gesinnung doch ein kleines Maß wenigstens von allgemeiner Bildung vereinigen. Dieses dualistische System, das übrigens bis jetzt nur in Lemberg statutarisch festgesetzt ist, betrachte ich nur als Uebergangsstadium. Es würde dann Sache der modernen Rabbiner sein, ihre Institution immer mehr zu festigen und immer weiter an Boden für ihre Richtung zu gewinnen. Dafür läßt sich selbstverständlich keine besondere Methode angeben, es gehört nur eine große Dosis von Charakterfestigkeit dazu und natürlich auch — Takt. Aber um Gotteswillen keine „Taktik", die in Frömmigkeitsheuchelei und sonstigen unsauberen Mitteln besteht. Damit hat sich schon so Mancher in Galizien unmöglich gemacht. Wie gesagt, an der Intelligenz und nur an dieser liegt es, jetzt bei dieser wunderbar günstigen Gelegenheit, einen mächtigen Schritt nach vorwärts zu machen. Selbstredend werden die Herren Orthodoxen mit aller Zähigkeit ihren „Besitzstand" vertheidigen, aber gegen eine wohlorganisirte und zielbewußte Intelligenz werden sie nicht viel ausrichten, besonders wenn diese ihren gerechten Ansprüchen bereit willig entgegenkommt. Eine organisirte und zielbewußte Intelligenz — voilä tout! Besonders aber muß ich den auf Grund der neuen Statuten neugewählten Gemeinderepräsentanzen, die sich zum großen Theil aus den Reihen der Intelligenz rekrutiren, mit aller Energie und allem Nachdruck zurufen: Caveant cousules! Bemerkungen;n Andermanns „Johannes". Bon Dr. S. Fried mann in Lnblinitz. n der ersten Szene deS ersten Aktes sagt Eljakim: „Es steht geschrieben, wer Einen unterbricht, der da liest im Gesetz, der hat das Leben verwirkt". Die Formel, „es steht geschrieben", kann doch nur auf das schriftliche Gesetz oder die Thora Hinweisen. Wo aber findet sich da eine solche Bestimmung? In der vierten Szene des ersten Aktes sagt Eljakim: „Und meine Thephillim (übrigens richtiger mit n als m am Ende zu schreiben!) sind die schönsten Thephillim, die ein Sohn Abrahams hat je getragen beim Morgengebet." Ich glaube nicht, daß zu „jener" Zeit die Thephillin nur beim Morgengebet getragen wurden. Vielmehr galten sie als ein Schmuck gleich dem „Ziz" des Priesterswelcher beständig seine Stirn schmückte (Exod, 28, 38 vergleiche Pachad Jizchak). Wie dies wohl auch die Septuaginta bestätigen dürften, die dafür daaXevrov haben, und Aquila mit seinem unhuxra. Richtiger also bleibt „beim Morgen gebet" fort. Die Belehrung Eljakims in I, 5, daß wegen Sabbathschändung des Todes schuldig sei, wer am Sabbath einen kranken Fuß heile, selbst wenn durch die unterlassene Heilung Lebensgefahr eintreten würde, ist gegen die Lehre des Judenthums. Die Thorath Kohanim zu Lev. 18, 5 und Talm. Joma 851) lehren ausdrücklich, daß zur Lebensrettung eine Gesetzesübertretung geboten ist, und daß also auch dann die Beobachtung des Sabbaths zurücktritt. Darum ist auch die Redewendung des „Ersten Galiläers" in III, 11, mit welcher er über Jesus von Nazareth urtheilt: „daß er Kranke heilt, nun, das mag ja wohl sein, aber das Schlimme ist, er thut es auch am Sabbath", nicht zutreffend. In II, 5 sagt Herodes: „Sie haben dem eigenen König einst ihre Opferspenden an die Stirn geschleudert". Damit ist jedenfalls Alexander Jannai gemeint, der, als er am Hüttenfeste als Priester im Tempel fungirte, vom Bolle mit Etrogim beworfen wurde. Aber die Etrogim waren doch keine Opferspenden! In II, 9 stünd statt „Homer" richtiger „Omer". In III, 1 giebt Jasl keine Antwort auf die Frage, weshalb Johannes bei der Abendfeier des Pessachfestes den Segen über den vierten Becher nicht gesprochen hat. Ihr Schweigen soll wohl bedeuten, daß Johannes in seinem bestimmten Wissen vom nahen Erscheinen „dessen, der da kommen muß", den vierten Becher nunmehr für überflüssig halte, weil dieser der Messias-Hoffnung gewidmet sei. Aber damals hatte ja im Judenthuni der vierte Becher noch gar nicht diesen Sinn, er war doch nur der Becher nach dem Schlußgesang des großen Halle!! In III, 11 berichtet der „Erste Galiläer" von Jesus von Nazareth, daß er lehre: „Wir sollen unsere Feinde lieben". Aber die Feindesliebe war ja keine nagelneue Lehre, die den Johannes so sehr überraschen mußte; sie war im Judenthum längst vorhanden! Vergl. Exod. 23, 5-6. Ps. 109, 28. Spr. 20, 22; 24. 29; 25, 21-22. Jjob 31, 29. Sirach 28, 1 und aus der biblischen Geschichte das Berhalten Davids gegen Saul sowie die Aeußerung 1. Kön. 20, 31. Gin unbekannter Brief Mendelssohns. Von Prof. Ludwig Geiger. eit folgenden Brief darf ich ganz gewiß als unbekannt bezeichnen, höchstwahrscheinlich ist er auch ungedruckt. Der Name des Adressaten, I. Fr. Reichardt, kommt in den zugänglichen Werken über Mendelssohn so gut wie gar nicht vor. Bei Kayserling, 2. Auflage, Leipzig 1880 fehlt er im Register. Der Adressat war ein als Musiker und Journalist wohlbekannter Mann, dessen Hauptruhm noch heute in seinen Kompositionen Goethescher Lieder besteht. (Vergl. z. B. die von Max Friedländer herausgegebene, als 11. Band der Schriften der Goethegesellschaft erschienene Sammlung.)