Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 20 (20.5.1898)
- Date
- 1898-05-20
- Page
- Seite 231 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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MWWMWWW 231 Amerika bei Personen, die es wissen können, anzufragen, wie es um die Abstammung des Chicagoer Spekulanten steht. Und siehe da, heute ist die Kabelantwort gekommen: „Garantiren Vollblntarier von reinstem Wasser". Das ist für die agrarische Gesellschaft eine schmerzliche Enttäuschung. Aber sie wird sich mit Würde in ihr Schicksal fügen, und die Antisemiten werden fortfahren, Lewis (Louis) Josef Leiter auch ferner zum Juden zu machen oder wenigstens geistvoll zu bemerken, er sei Judengenosse und könnte Jude sein. Unter guten Kameraden ist das ganz egal. In Rußland scheint mau nunmehr mit der Gründung eines Rabbinerseminars Ernst zu machen. Die gegnerische Agitation ruht freilich auch nicht — und wer den Sieg davontragen wird, das hängt in diesem Lande von Faktoren ab, die wohl nicht erst angedeutet zu werden brauchen. In jedem Falle ist aber der erste Schritt geschehen, denn das Komitee der Gesellschaft zur Verbreitung der Aufklärung unter den Juden Rußlands hat beim Ministerium der Volksaufklärung ein Gesuch eingereicht, die Errichtung eines gut organisirten theologischen Instituts zur Heranbildung von Rabbinern, Predigern und Lehrern zu genehmigen. Dem Gesuch ist ein umfangreiches motivirendes Memorandum beigelegt, in dem auf die Rothwendigkeit der Errichtung eines solchcn Instituts, nach dem Muster ähnlicher Anstalten im Auslande, hingewiesen wird. <$• Die ersten authentischen Nachrichten über die Betheiligung von Juden an dem Kriege Amerikas gegen Spanien sind jetzt erst eingetroffen. Es ist interesiant, daß nicht nur die amerikanischen Juden, sondern auch die eingewanderten Ruffen mit Heller Begeisterung in den Krieg ziehen. Sie sind ja aus einem zweiten Spanien in ein Land der Freiheit gekommen, das ihnen gastlich seine Thore öffnete. Und nun haben sie den heißen Wunsch, ihrem neuen Vaterlande Dienste zu leisten. In einem Freiwilligen-Regiment. das sich zu Bowery gebildet, besteht, die überwiegende Majorität der Rekruten ans Juden; außerdem hat sich in New-Aork ein jüdisches Freiwilligen-Bürean (Hebrew American Volunteer Bureau) gebildet, dessen Führer — auch das ist charakteristisch — fast durchweg Zionisten sind, und die einen sehr begeisterten Aufruf an ihre Landsleute gerichtet haben, mit Gut und Blut für ihr Adoptivvaterland einzutreten. Im russischen Ostend New-Aorks haben sich 70 russische Husaren, sämmtlich Juden, zum Eintritt in den Heeresdienst gemeldet, und fortwährend werden neue Rekruten eingestellt. Auch die russischen Farmer der Baron Hirsch'schen Kolonie in Woodbine (New-Jersey) haben sich dem Gouverneur von New-Jersey für den Kriegsdienst zur Verfügung gestellt, und die Meisten, die schon im russischen Heere gedient haben, werden wahrscheinlich in die Armee ausgenommen werden. Auch viele Zöglinge der jüdisch-russischen Haudwerkerschule in New-Aork haben sich freiwillig gemeldet. Und wie in New-Aork, so haben sich auch in Chicago, Baltimore und Philadelphia Freiwilligen-Kompagnien von russischen Juden gebildet. Der Kopfzahl nach hätten die Juden Amerikas nur 2000 Mann zum ersten Kontingent zu stellen gehabt. Tie Anzahl der Freiwilligen in New-Nork und Cincinnati allein übersteigt aber schon diese Zahl sehr bedeutend. Eine Subskription zum Zwecke, aus den Kreisen der russisch-jüdischen Emigranten die Mittel zur Ausrüstung eines Kriegsschiffes zu sammeln, hat ebenfalls guten Fortgang. Viele Vereine und Geschäfte haben ihren Mitgliedern, die in den Krieg zogen, Fortbezug des vollen Gehalts und ansehnliche Pensionen in Aussicht gestellt. Eine jüdische Gesellschaft hat für die tapfersten Krieger eine Medaille gestiftet. Alle diese Mittheilungen dürften wohl geeignet sein, den Gegnern der russisch-jüdischen Einwanderung in Amerika ein anderes Bild zu geben von dem Charakter jener unglücklichen Menschen, die ihr Vaterland, das sie liebten, verlassen mußten, und die nun auch dem neuen Vaterlande in Dankbarkeit und Treue zu dienen bereit sind. Iur Uabbinerfrage in Galizien. Bon N. Lemberger. alizien — eine Gänsehaut überläuft den kultivirten jüdischen Philister, der den Vorzug hat, in Deutschland geboren zu sein. Das ist ja dort unten, „Halbasieu" nennt es die civilisirte Welt. Schon bei der Nennung dieses Namens kann sich der genannte Herr Philister eines gewissen Gruseins nicht erwehren. Nun, so schlimm liegen die Dinge ganz und gar nicht. „Man mißt die Höhe einer Kultur nach ihren höchsten Zinnen", sagt irgendwo Georg Brandes. Wir müffen hier aber gar nicht einmal nach den sogenannten höchsten Zinnen schauen. Es wird genügen, sich blos das Verhältniß zwischen Intelligenz und — allerdings nicht ganz civilisirter Masse anzusehen. Es wurde in diesen Blättern von einem Berichterstatter eine statistische Zahl hervorgehoben, die sehr beredt erzählt, daß die Juden in den Mittelschulen im Verhältniß zu ihrer allgemeinen Einwohnerzahl einen sehr bedeutenden Prozentsatz bilden. Diese Mittelschüler gehen nun weiter. Sie absolviren Hochschulen oder repräsentiren eine intelligente Gruppe innerhalb des Kaufmannsstandes. In der That giebt es keinen edlern Beruf, in dem die Juden nicht zahlreich vertreten sind oder jedenfalls, wenn nur ihre Qualifikation für ihr Fortkommen genügen würde, vertreten sein könnten. Wir finden sie als Aerzte, Rechtsanwälte, Apotheker, Ingenieure, Offiziere, Mittelschul- und Universitätslehrer, sogar als Beamte, freilich soweit sie nicht ganz brutal von ihren geliebten Mitbürgern verdrängt werden. Wie gesagt: „Halbasien" ist eine furchtbare, eine entsetzlich ungerechte Benennung, die zunächst die sehr zahlreiche Klasse der Intelligenz mit Entschiedenheit zurückweisen muß. Diese ist obendrein — wohlgemerkt! — in stetem Wachsen begriffen. Wir erleben hier alltäglich — nach einem bekannten bon mot — ein Stück Darwinismus, wenn wir den Sohn des fanatischen Chassid Doktor werden sehen. Eine ganz „bildungsreine" Familie giebt es heutzutage in Galizien wohl nur in vereinzelten Fällen und auch das nur in den kleinsten Nestern. Und noch mehr: Die jüdische Intelligenz hier zu Lande ist auch nicht bester und nicht schlechter, als sie etwa in Deutschland oder Frankreich ist. Nicht schlechter in Bezug auf Bildung und sonstige Qualitäten, ist sie leider auch nicht besser in ihren Beziehungen zum Judenthum. Derselbe gottesjämmerliche Jndifferentismus, dieselbe schläfrige Gleichgiltigkeit für alles, was die jüdische Gesammtheit angeht. Warum ich alles das gerade in einem Aufsatze über die „Rabbinerfrage in Galizien" hervorhebe? Weil ich eben von hier aus der jüdischen Intelligenz speziell in dieser Frage den Kreis ihrer Rechte und Pflichten zeichnen möchte. Es läßt sich nämlich mit Leichtigkeit beobachten, daß sich jene selbst »och nicht recht der Macht ihrer Zahl und der besonderen Stärke ihrer sonstigen Qualitäten innerhalb des jüdischen Gemeindelebens bewußt geworden. Wohl erhebt sich das eine oder andere intelligente Individuum — freilich nicht immer gerade das entsprechendste, wie überall! — bis zur Höhe eines Kultuspräsidenten, aber in ihrer Gesammtheit übt die Intelligenz bei Weitem nicht den ihr zukommenden Einfluß aus,