Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 20 (20.5.1898)
- Date
- 1898-05-20
- Page
- Seite 230 (sequence 2)
- Language
- German
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230 Antrag auch die Stimmen der konservativen Partei hat, die ja 1895 selbst mit einer ähnlichen Forderung aufgetreten ist. Obwohl nun die Fabel von einer jüdischen Maffeneinwanderung durch die statistischen Arbeiten von Dr. S. Neumann u. A. längst gründlich widerlegt ist, so erscheint es doch für die gegenwärtige Wahlagitation dringend nothwendig, noch einmal auf diese Angelegenheit zurückzukommen. Neumann hat unwiderleglich nachgewiesen, daß seit dem Jahre 1843 die Auswanderung der Juden ans Preußen die Einwanderung erheblich übersteige. Für das halbe Jahrhundert von 1843—90 beträgt dieser Verlust rund 72 000 Seelen, ferner ist aus der amtlichen Statistik nachgewiesen worden, daß in Preußen im Ganzen 19304 fremdbürtige Juden leben, gegenüber einer fremdbürtigen andersgläubigen Bevölkerung von insgesammt 401554 Seelen, also nur ein kleiner, gar nicht ins Gewicht fallender Bruchtheil derselben. Von diesem Theil aber bilden die russischen Juden ihrerseits wiederum noch nicht einmal die Hälfte, nämlich 8264 Seelen. Man kann mit Bestimmtheit behaupten, daß im Durchschnitt seit einem halben Jahrhundert nicht mehr als 600 Juden pro Jahr eingewandert sind, in den letzten Jahrzehnten sicher aber noch viel weniger. Und darum Räuber und Mörder! Glaubt wirklich Jemand im Ernst, daß die Millionen deutscher Handwerker sich von den paar Hundert russischen Juden den goldenen Boden wegnehmen lasten? Als der russische Handelsvertrag 1894 zur Diskussion stand, erstreckte sich die Debatte in der Kommission auch auf diesen Punkt, und alle Parteien waren darin einig, daß die Regierung schon jetzt genügende Machtbefugnisse habe, um eine starke Einwanderung zu verhüten, daß also ein ausdrückliches Verbot überflüssig sei; gleichwohl wurde ein Jahr darauf doch ein diesbezüglicher Antrag eingebracht. Es genügt, darauf hinzuweisen, daß derselbe den Namen Hammerstein trug. Die Abstimmung ergab nach sehr aufregenden Debatten die Ablehnung des Antrags mit 157 gegen 61 Stimmen. Das war am 12. März 1895; nichtsdestoweniger wurde der Antrag auch in den folgenden Jahren wiederholt, obwohl auch die letzte Volkszählung wieder nachgewiesen hat, daß die Einwanderung russischer und galizischer Juden in Preußen eine geradezu minimale sei. Es ist also, wie jeder Unbefangene zugeben wird, die Aufnahme dieses Punktes in den Wahlaufruf nichts weiter als ein Agitationsmittel der antisemitischen Partei. Gar nicht von den Juden zu reden, das geht doch auch nicht an; so hat man wenigstens die ausländischen Juden herangezogen, um durch sie zu beweisen, daß die Partei ihren Ursprung und ihre eigentliche Aufgabe doch noch nicht ganz vergesten habe. Für unsere Glaubensgenossen aber erwächst aus diesem Vorgehen die Pflicht, in der Wahlagitation, wo immer es sich als nothwendig erweisen sollte, jedem Angriff auf diesen Punkt mit aller Entschiedenheit auf Grund des leicht zugänglichen statistischen Materials entgegenzutreten. Berichte aus verschiedenen Gegenden beweisen, daß die Antisemiten in der That an jeden Kandidaten die Forderung stellen, sich für diesen Antrag ausdrücklich auszusprechen. Ja, in einem Wahlkreise haben sie sogar beschlossen, gegen die Wahl eines freikonservativen Kandidaten zu stimmen, blos weil derselbe erklärte, für diesen Antrag nicht eintreten zu können. Es wäre deshalb ein mehr als verhängnißvoller Jrrthum, wenn man sich auf unserer Seite damit beruhigen wollte, daß es sich blos um ausländische Juden handle. Wir kämpfen für unsere eigene Existenz, wenn wir gerade diesen Antrag bekämpfen. Wer sich bis jetzt noch nicht davon überzeugt haben sollte, dem werden die Kommentare der antisemitischen Blätter zu dem Wahlaufruf der deutschsozialen Reformpartei nunmehr wohl die Augen öffnen. Die Woche. # Berlin, 18. Mai. err B l ü m k e aus Danzig tritt noch einmal auf den Schauplatz der Begebenheiten, und zwar mit folgender Erklärung : „Aus einer zu meiner Kenntniß gelangten Broschüre „Die Juden als Soldaten" habe ich ersehen, daß auch jüdische Soldaten an dem Kriege 1870/71 sich betheiligt haben. Indem ich hiervon gern Akt genommen, berichtige ich meine auf persönlicher Antheilnahme an dem Kriege 1870/71 beruhende und in Nummer 100 dieser Zeitung aus Anlaß einer konservativen Wählerversammlung wiedergegebene gegenseitige Annahme sowie die aus dem Alten Testamente hierbei gezogene Schlußfolgerung „des Unbrauchbarseins der Juden zum Soldaten". Es hat mir bei jenem Vorfall überhaupt fern gelegen, den zu unserem Vaterlande, zu unserer Dynastie und zu unserer nationalen Institution haltenden Theil der Juden angreifen oder verletzen zu wollen. Ich habe nur meiner Entrüstung Ausdruck geben wollen, daß die Sozialdemokratie hauptsächlich von Juden geleitet und durch jüdische Geldmittel genährt wird." Wir glauben, daß Herr Blümke etwas spät zu der Erkenntniß gekommen ist. daß seine Ausführungen über die Juden als Soldaten grundfalsch seien. Er hätte sich, bevor er über die Sache sprach, genau informiren sollen. Im Uebrigen hat der Herr Verwaltungsgerichtsdirektor in dieser Erklärung wieder eine Behauptung aufgestellt, für die er auch nicht den Schatten eines Beweises beibringen kann, nämlich die, daß die „Sozialdemokratie durch jüdische Geldmittel genährt wird". Das ist eine vollständig aus der Luft gegriffene Behauptung, und wer sie aufstellt, hat auch die Verpflichtung, sie zu beweisen. Wir sind neugierig, was der streitfertige Herr nun sagen wird. £ Wer ist Lewi Josef Leiter? Unsere Leser kennen den Namen wohl gar nicht. Die „V. Z." behauptet aber, er sei der berühmteste Mann in zwei Welten. Bis vor wenigen Tagen habe sie allerdings nicht das Vergnügen gehabt, die Vornamen dieses großen Chicagoer Getreidejobbers zu kennen. Aber die „Kreuzztg." hat die Freundlichkeit gehabt, diese höchst verdächtigen, alttestamentlichen Namen männiglich kund und zu wiffen zu thun. Und der ganze antisemitische Troß ist alsbald darüber einig, daß die „Weltschwänze" in Getreide, der abscheuliche Brodwucher, nichts als ein Unternehmen des Judenthums ist. Wenn die Getreidepreise getvaltig gestiegen sind, wer trägt die Schuld? Auch nicht zum kleinsten Theile der Junker, sondern der Jude. Der arme Junker hat ja angeblich sein Getreide zu billigen Preisen verkaufen müffen, und dieses Getreide haben die Händler aus besonderer Bosheit zum Lande hinausgetrieben, um die Bevölkerung der Hungersnoth zu überliefern. Und deshalb stimmen alle Agrarier jetzt das rührsame Lied von dem bösen Lewi Josef Leiter an, der den armen Leuten die nothwendigste Nahrung vertheuere. Der Jude wird verbrannt. Lewi Josef — das genügt. Man braucht die Vornamen nur mit der nöthigen Betonung auszusprechen, und Jedermann versteht, wer die Brodwucherer sind. Freilich, Lincoln hieß mit Vornamen Abraham, und in England wie in Amerika ist es alltäglich, daß gute Arier und Christen auf Namen aus dem alten Testament getauft werden. Aber was thut das? Für die Antisemiten reiner wie konservativer Observanz ist und bleibt Lewi Josef Leiter ein Jude. Es wird auch dabei bleiben angesichts der Auskunft, die jetzt aus Amerika kommt. Einige Leute, die zwar keinen Unterschied zwischen jüdischen, arischen und semitischen Jobbern und Wucherern machen, aber neugierig waren, ob Herr Lewi Josef Leiter wirklich der ist, wofür ihn die deutschen Agrarier ausgeben, haben sich die Mühe nicht verdrießen taffen, in