Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 20 (20.5.1898)
- Date
- 1898-05-20
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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'r^”‘ '"^'^.yv-*Bgr 62. Jahrgang. Nr. 20. ^[((^CDtCtttC ^vlinf 20. Mai 1898. eitung des Zudenthums. Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Begründet von Rabbiner D*- Ludwig PHNippson-Vonn. Verlags-Crpeditwn: Lerlin, Zerufalemerstr. 48/49. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judenthums", Berlin SW., Jerusalemer Straße48/49 zu richten. Verlag von Rudolf Mosfe, Berlin. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: Durch Buchhandel, Post oder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen Vierteljahr!. 3 M. Redakteur: Gustav Karpeles. Leitartikel: Der antisemitische Wahlaufruf. — Die Woche. — Zur Rabbinerfrage in Galizien. Von N. Le mb erg er. — Bemerkungen zu Supermanns „Johannes". Von Dr. S. Fried mann. —- Ein unbekannter Brief Mendelssohns. Von Prof. Ludwig Geiger. — Zur Geschichte der Juden in Westpreußen. Von Dr. R. Stoewer. — Der Salon 1898. Von M. Friedeberg. — Feuilleton: Der Narr. Erzählung von Ida Oppenheim. (Forts.) — Sprechsaal. Der Gemeindebote. Korrespondenzen und Rachrichten: Berlin, Aus der Provinz Posen, Posen, Hannover, Dresden. Wien, Budapest, Amsterdam. — Bon Nah und Fern. — Miscellen. — Geschäftliche Notizen. Der antisemitische Mahtaufruf. Berlin. 15. Mai. ls der letzte von allen Wahlaufrufen ist der der antisemitischen Partei erschienen. Es versteht sich von selbst, daß wir nicht das geringste Jntereffe an dem haben, was diese Partei über die gegenwärtige und zukünftige Politik des Deutschen Reiches denkt und spricht, sondern nur an dem, was in diesem Schriftstück über Juden und Judenthum enthalten ist. Da ist denn zunächst eine Beobachtung von Jntereffe. Während die früheren Wahlmanifeste der deutsch-sozialen Reformpartei von Angriffen gegen Juden und Judenthum förmlich strotzten und ein ganzes Bouquet der tollsten Anträge in Aussicht stellten, ist der diesmalige Wahlaufruf in dieser Beziehung äußerst zurückhaltend. Mit Ausnahme der einen Phrase von den Hemmungen, die der versprochenen Mittelstandspolitik von dem Großkapital und dem Judenthum bereitet worden sein sollen, findet sich nur ein einziger Paffus in dem ganzen Schriftstück, der sich auf die Juden bezieht. Es heißt dort nämlich: „Bei dem Neuabschluß von Verträgen mit auswärtigen Staaten werden wir zugleich unser Hausrecht gegen ausländische Juden zu wahren haben. Es war eine beschämende Thatsache, daß der Antrag auf Verbot der Judeneinwanderung vom Regierungstische als mit den bestehenden Handelsverträgen nicht vereinbar erklärt werden konnte." Woher diese Zurückhaltung, diese Schüchternheit und Selbstbeschränkung? Die Sache ist einer gründlichen Untersuchung werth, denn da die Partei auf der von ihr vorgezeichneten Kampfeslinie und im Vertrauen auf ihre eigene Kraft zahlreiche Wahlsiege zu erfechten hofft, so leuchtet es doch von selbst ein, daß sie diesmal ihren Wahlaufruf so abgefaßt hat, um zahlreiche neue Anhänger zu gewinnen. Wenn sie nun den Kampf gegen das Judenthum dabei in den Hintergrund gerückt hat, so muß sie doch wohl annehmen, daß jene Schlagworte keine Anziehungskraft mehr für die breiten Massen des Volkes besitzen. Der reine Antisemitismus zieht nicht uiehr! Das ist die erste Folgerung aus diesem Wahlaufruf. Aber wir lernen daraus noch etwas Anderes, für uns nicht minder Wichtiges. Die deutschen Antisemiten, die früher wilde Heißsporne und Agitatoren gewesen, sind jetzt nur noch ruhige Während sie früher das Unmögliche verlangten, beschränken sich jetzt auf das Erreichbare. Sie wollen sich mit kleinen Erfolgen begnügen und schrittweise vorwärts kommen, weil sie wissen, daß auch ein Tropfen einen Stein auszuhöhlen im Stande sei. Darin liegt aber für uns eine große Gefahr. Das wilde Haßgeschrei eines Ahlwardt, eines Lueger, eines Drumont kann nur wenig schade». Die bedächtige und ruhige Politik der deutsch-sozialen Reformpartei birgt Gefahren in sich, denen gegenüber wir das Auge nicht verschließen dürfen. Es ist ja für das Vorgehen dieser Partei von großem Interesse, zu verfolgen, mit welcher Konsequenz sie die Forderung jenes Verbots der Einwanderung ausländischer Juden unablässig und unermüdlich wiederholt hat. Es kann ihr wohl unmöglich soviel daran liegen, dieses Verbot durchzusetzen, daß sie den dahinzielenden Initiativantrag in jeder Parlainentssession einbringt und allen anderen Anträgen voranstellt. Wahrscheinlich aber ist den Führern irgendwo und irgendwann die Möglichkeit nahe gelegt worden, daß ein derartiger Antrag Aussicht auf Annahme seitens des Parlaments und der Regierungen haben könnte, während sie genau wissen, daß sie bei weitergehenden Anträgen keine Gegenliebe finden würden. Ist es ihnen aber erst einmal gelungen, einen ihrer Anträge durchzubringen, dann ist die Bahn frei, und sie können rüstig vorwärts schreiten. Das ist die ziemlich durchsichtige Politik der deutschsozialen Reformpartei, deren Ziele ihr hiesiges Hauptorgan in ziemlich unverblümter Weise enthält: „Bei dem Neuabschluß von Handelsverträgen verspricht der Aufruf von Neuem die Forderung einer Sperrung der Grenze gegen ausländische Juden zu verlangen. Dieser Antrag ist nicht neu. Er enthält das Mindestmaß antisemitischer Forderungen. Der Wahlaufruf beschränkt sich nur hierauf, um die Bedingung scharf zu bezeichnen, unter der allein der deutsch-sozialen Reformpartei die Unterstützung anderer Kandidaten erst möglich ist. Nur diejenigen Kandidaten sollen auf die Unterstützung der Antisemiten rechnen dürfen, die dem Verbot der Einwanderung ausländischer Juden zustimmen. Es wäre zu wünschen, daß dieser Punkt des antisemitischen Wahlaufrufes überall beachtet würde. Nur so ist es möglich, der ersten, aber ungeheuer wichtigen antisemitischen Forderung die Annahme im Reichstage zu sichern. Auf ihr läßt sich allein weiterbauen. Ist erst der Zuzug ausländischer Juden abgeschnitten, so darf man hoffen, auch der inländischen mehr und mehr Herr zu werden." Man begreift es nach diesen Auseinandersetzungen, warum die Partei gerade diesen Antrag seit mehr als einem Jahrzehnt unablässig wiederholt, während sie andere, wie z. B. den, daß alle Schulden an Juden einfach gestrichen werden sollen, und mehrere ebenso plausible Vorschläge, einfach fallen gelaflen hat. Sie weiß, daß sie für diesen