Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1898-05-13 · Heft 19 (13.5.1898) · p. Seite 228

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
62 (1898)
Issue
Heft 19 (13.5.1898)
Date
1898-05-13
Page
Seite 228 (sequence 12)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3224737-3228257-3228277--54591-3290741
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

klang- und wirkungsvolle und die Ausarbeitung der zufammenwirkenden Tonreihen, die sogenannte Stimmführung, musikalisch gediegen und interessant Ebenso hat die Orgelbegleitung wieder jene reichere Form, welche das großartige Begleitinstrument entsprechend zur Geltung kommen läßt. Die Harmonisation, welche der Autor seinen Melodien giebt, ist vornehm, oft fein. Bei wiederholtem Auftreten derselben Melodie pflegt er kleine Aenderungen in den Harmonien vorzunehmen, wobei er stets geschmackvoll vorführt und die hier naheliegende Uebertreibung und Ueberfeinerung vermeidet. Die Gemeinde-Melodien, deren dies zweite Heft eine große Zahl enthält, sind einfach, ohne ins Banale zu verfallen. In einigen Stücken zeigt sich etwas Besonderes: ein „Leitmotiv". Es wäre seltsam, wenn der Verfasser, unter den Einwirkungen der neuen Musikrichtung aufgewachsen, von dieser Spezialität unberührt geblieben wäre. Das Leitmotiv kann — nach des Referenten Ueberzeugung — bei vereinzeltem Auftreten sehr schöne, geistreiche Wendungen veranlassen, während es in jener Massenhaftigkeit, in der die Häupter der neudeutschen Schule es ausnützen, Schwulst und hohle Rhetorik statt innerlichen Gehaltes erzeugt und das eigentlich Musikalische verdrängt. Unser Autor hält es glücklicherweise mit dem ersteren Prinzip, welches die Leitmotive nur als Würze, nicht als Speise betrachtet. Wir führen einen der betreffenden Züge an. Im Waj’hi biassoa wird das w’jofura oj’wecho u. s. w. durch ein höchst energisches Unisono des Chores nebst einer wilden Figur der Orgel charakterisirt; dieselbe Musikstelle tritt nachher im L’cbo adonoj hagg’dulloh zu den Worten ki chol baschomajim uwoorez auf. Dies erweckt in dem Hörer eine schöne Gedankenbeziehung der letzteren Textstelle zu der früheren: chol, Alles ist Gottes, selbst seine vorher erwähnten Widersacher beugen sich unter seiner Macht. Zugleich knüpft diese musikalische Reminiscenz das letzte Stück des Aushebens an das erste (Waj’hi binossoa) und schließt so die Musiksätze des Aushebens zu einem Ringe zusammen. Eins der großen Musikstücke, die Nussapb-Xedusebab, ist leider nicht in gleichem Grade wie die anderen gelungen, obwohl der Autor offenbar auch hier bestrebt war, sein Bestes zu geben. Der Ursachen sind mehrere. Zunächst hat jenes Verfahren, welches wir in unserer Recension des ersten Heftes bezüglich des Tow-l’hodoss zu erwähnen hatten — der häufige Wechsel des Tempos —, den einheitlichen Fluß der Musik verhindert. Verstärkt wird diese Wirkung durch das Fehlen verbindender Uebergänge zwischen den vielen einzelnen Sätzen der Keduschah, welche sich alle mit festen Abschlüssen, also als vereinzelte hinstellen. Endlich hat der Autor einen weichen Stimmungston anstatt des zu erwartenden glänzenden angeschlagen — infolge einer an sich anerkennenswerthen, denkenden und tieferen Erfassung des Textes, die aber in letzter Instanz (nach unserer Meinung) nicht das Richtige trifft. Er wollte der Anbetung des „heiligen" Gottes einen wahreren Ausdruck, als gewöhnlich geschieht, geben und hat daher die Worte in getragene, andachtsvolle Melodien gekleidet. Mit dem Dreimalheilig ist aber gewiß nicht nur das Sittlich- Heilige des Gotteswesens, sondern seine gesammte überweltliche Majestät gemeint, es ist ein Huldigungsruf, und der Ledusebab entspricht daher nicht sowohl eine Versenkung des Gefühls als ein Aufschwung desselben. — Demgegenüber haben wir ein anderes großes Stück als ein besonders gelungenes zu bezeichnen: das L’dowid boruch. Die traditionelle Melodie, eine ziemlich trivial-lustige Weise, ist hier entschieden veredelt, durch das ruhigere Tempo sowohl wie durch die treffliche, an Feinheiten und Abwechselungen reiche Harmonisirung in der Orgelstimme und durch die Einflechtnug frei erfundener Kantor- und Chorsätze, die sehr schön, charaktervoll sind. Durch diese Elemente und durch das wechselvolle Zusammenwirken von Solo, Chor und Gemeinde erhält das Stück etwas Hymnisches, Großes, es stellt einen schönen, vollen Nachklang der Gemüthserhebung dar, die der scheidende Sabbath bot. Ein spezielles Lob verdient die Partie pzerü w’hazzileni, welche die traditionelle Melodie in fugirter Form — und zwar mit bestem Geschmack — behandelt und dadurch den hymnischen Schwung des Ganzen wesentlich fördert. Wir können mithin die Besprechung dieses zweiten Heftes, gleich derjenigen des ersten, mit dem Wunsche schließen, daß dasselbe reichliche Verwendung in unseren Gemeinden finden möge. William Wolf. Sprechsaat. Geehrte Redaktion! & dem Leitartikel der Nr. 18 Ihres geschätzten Blattes wird mir <3$ das Bestreben zugeschrieben, „ein einheitliches Gebetbuch für alle jüdischen Gemeinden Deutschlands zu schaffen". Eine derartige Absicht liegt mir durchaus fern. Wenn nur die schon jetzt der fortschrittlichen Richtung huldigenden Gemeinden mit ihrer bunten Musterkarte von Gebetbüchern sich zusammenschließen wollten, um ein mustergiltiges gemeinsames Gebetbuch zu schaffen! Aber gerade Berlin verhält sich gegenüber diesem Gedanken kühl und ablehnend. Karlsruhe, 7. Mai. Hochachtungsvoll Dr. Mayer, Regierungsrath. * Geehrter Herr! tollen Sie die Freundlichkeit haben, Herrn Dr. H. Lewy mit Bezug auf seine Bemerkung über den von mir entdeckten jüdischen S charf richter zu Byzanz aus dem Jahre 1870 — auf den ich mir übrigens nichts zu gute thue — auf die Anmerkung zu verweisen, die ich zur Stelle gemacht: „Ich brauche wohl nicht zu bemerken, daß mit der Zulassung zu diesem als „unehrlich" geltenden Gewerbe eine Auszeichnung der Juden nicht beabsichtigt war." Hochachtungsvoll Breslau, 8. Mai. Professor Dr. Badt. * Geehrter Herr! ^hinsichtlich des in Nr. 17 dieses Blattes (29. April 1898) diskutirten (^y Ausspruches des Simon benJochai, der da lautet: jvn 27A erlaube ich mir zu bemerken, daß derselbe von Salomon ibn Verga (lebte gegen 1500) in seinem historischen Buche „Schevet Jehuda" im Namen eines anonymen jüdischen Gelehrten folgendermaßen übersetzt und erklärt ist: „Das Beste (i, e. bk beste Einrichtung) unter den Nationen ist nämlich ihr Recht, den Schuldigen mit dem Tode zu bestrafen." Das Wort jj'pn wäre demnach als Definitiv und nicht als Imperativ zu nehmen, welcher Umstand dem fraglichen Ausspruch eine ganz neue Deutung giebt. London, im Mai. Dr. Chotzner. * Sehr geehrter Herr Redakteur! dem Artikel „Briefe aus England" von Rev. Dr. Chotzner <3i (Nr. 14 d. Bl.) behauptete der rühmlichst bekannte Gelehrte mit Recht, daß eine größere und ausführliche Behandlung der rabbinischen Approbationen, die jetzt von Seiten jüdischer Gelehrter fast gar nicht berücksichtigt worden seien, manche wissenschaftlichen Resultate zu Tage fördern dürfte. Hoffentlich ist diese Anregung nicht auf unfruchtbaren Boden gefallen. Insoweit nun aber bei der Behandlung dieses Themas auch die Zeitangaben in Betracht kommen, gestalte ich mir, auf meinen Artikel „Ueber den Plan zum Index der Approbationen" in Rahmers „Litteraturblatt" 1890, Nr. 17 und 22 hinzuweisen. In diesem habe ich 64 Fälle nachgewiesen, in welchen nach Angabe des von dem sel. M. Roest sehr sorgfältig gearbeiteten Katalogs der Rosenthal'schen Bibliothek zu Amsterdam das Datum der Approbationen auf einen Sabbath fällt, also auf Zuverlässigkeit keinen Anspruch erheben kann. Bei einer etwaigen Behandluug des Themas dürfte daher die Prüfung der Zeitangaben zu den ersten Erfordernissen gehören. Die in dem Artikel angeführte Notiz des Herrn Professor Kaufmann in der Januar-Nummer „der Jewish Quarterly Review", resp. die Bemerkung des sel. Dr. Perles, daß eine jüdische Approbation schon lange v or 1592 existirt hat, findet ihre Unterstützung auch im vorerwähnten Katalog, welcher 3 Werke enthält, deren Approbationen vor 1592 datirt sind, und zwar 1. von Jakob Baruch den Juda Lands, Nimini 1526 (im 3. Regierungsjahre Papst Clemens' VII); 2. ftMn Dpll pon Moses Pesanti, Salönik 1596 und 3. von Elias Tschelebi genannt Puki, Karäer, Konstantinopel 1581. Rees a. Rh., 17. April. Hochachtungsvoll L. Cohen, Lehrer. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.