Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 19 (13.5.1898)
- Date
- 1898-05-13
- Page
- Seite 227 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3228257-3228277--54590-3290740- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
ppp WWMWWW WMWMMMWMWMMWMMMW 227 nach langen, langen Schmerzensstunden eingeschlafen war, dann schlich der Alte leise an ihr Lager, trocknete ihr die feuchte Stirn und hob in heißen Thränen die Hände zum Himmel, um die Gesundheit für seinen Liebling zu erflehen. Er wußte ja, wie sie um seinetwillen stark und muthig gegen den tückischen Feind in ihrer Brust kämpfte, und je mehr sie litt, desto liebevoller und hingebender zeigte sie sich dem Vater. Es war, als wollte sie Abbitte thun für etwas, das sie selbst nicht verschuldet, und das nun dem alten Mann Angst und Sorge verursachte. Das sonst so ernste Mädchen scherzte und lachte und küßte dem Vater die Falten von der Stirn, wenn er nach ihrem Ergehen fragte. Sie schalt sich faul und schwerfällig und begann von Neuem, ihre Tagesarbeit aufzunehmen. Bald aber sanken die Hände müde in den Schooß, und eine heiße Sehnsucht nach Ruhe, nach traumlos süßerquickendem Schlummer bemächtigte sich ihrer. Das kleine Wäldchen, das nahe dem Ghetto lag, suchte sie an warmen, sonnigen Tagen auf und saß dort stundenlang im Schatten der Bäume. Wie wohl that ihr die Ruhe und das Athmen in der freien, reinen Luft. Nach solchen Stunden der Erholung hoffte sie von Neuem auf Genesung. Nathan hatte sie oft ins Wäldchen gehen sehen und bereitete ihr auf ihrem Lieblingsplätzchen aus Moos einen weichen Sitz. Die alte Linde breitete ihre weitverzweigten Aeste schützend darüber. Von fern hatte er am nächsten Tage auf ihr Kommen gewartet und sich an ihrer Ueberraschung erfreut. Als sie aufschaute und ihn hinter den Bäumen erblickte, rief sie ihm einen herzlichen Dank zu. Er aber war hastig davongelaufen, ohne ihre Worte zu verstehen. In der Gaffe neckten sie ihn noch immer und machten mit ihm ihre Späße; er achtete ihrer wenig. Seit dem Vorfall, der Lea Gesundheit und Frohsinn geraubt, war auch Nathan stiller und in sich gekehrter als je. Er schien das Lachen und Tollen verlernt zu haben. Immer und immer wieder kehrten seine Gedanken zu dem Mädchen zurück, das er damals nicht retten, dem er nicht hatte beistehen können. Wenn er ihr ernstes, blasses Gesicht sah, dann packte | ihn wilde Verzweiflung. Er fand dann nur Ruhe und Gleichmuth wieder, wenn er hart arbeiten durfte, so daß er Abends todtmüde auf sein Lager sank, um in wenigen Minuten tief und traumlos einzuschlafen. Wenn er früher zu allerlei Späßen und ttbermüthigen Streichen aufgelegt war, so arbeitete er jetzt emsig, und sein Meister konnte sich über ihn nicht beklagen. Nur manchmal stand er plötzlich still und sah starr ins Leere. Da konnte ihn kein Machtwort, kein derber Faustschlag zu seiner Thätigkeit zwingen. Es war, als lähmte eine plötzliche Starrheit Körper und Geist. Nach Minuten gewann er wieder Herrschaft über sich und arbeitete eifrig fort. Man gewöhnte sich an sein eigenartiges Wesen. Er war ja ein Narr, ein armes, vernachlässigtes Geschöpf, nicht ganz im Besitz seiner vollen Geistesgaben. Dafür aber wuchs er schnell empor und überragte an Größe und körperlicher Kraft all seine Altersgenossen. Ja, er wurde mit der Zeit der größte und stärkste Mann des ganzen Ghettos. Auf dem gräflichen Gute wurde er auch zu schwerer Arbeit herangezogen. Da mußte er manche Schmähungen und herben Spott erdulden. Wohl fügte er sich Anfangs ruhig, doch wenn man ihn zuviel neckte und hänselte, dann stieß er sein gellend Lachen aus, und Alles floh ihn. In seinen kargen Freistunden schlich er stets ins Häuschen des Rabbi. Er spähte erst lange durch die geöffnete Thür, dann stand er Plötzlich, zuin größten Schrecken Gitels, im Rahmen derselben. Wenn sie ihn dann ärgerlich nach seinem Begehr fragte, dann sah er sie so seltsam an, daß sie geängstigt sich mit einem ärgerlichen Brummen zurückzog. Gewöhnlich trat dann Lea herzu und bat ihn freundlich, ins Zimmer zu kommen. Er folgte ihr stumin mit brennend rothen Wangen und setzte sich still in seine Ecke am Fenster, dem Mädchen immer mit seinen Blicken folgend. Lea saß im Lehnsessel und lauschte den Gesprächen des Vaters, die er mit seinen Schülern führte. Oft betheiligte sie sich auch lebhaft an den Fragen, die erörtert wurden. Dann glühten die Augen des Narren sie so wundersam a», sein Athem ging schneller, seine Lippen öffneten sich, als vermochte er so besser, das von ihr Gesagte in sich aufzunehmen. Der Vater strich ihr liebevoll über das lockige Haupt. Er war stolz auf ihr Können und freute sich über ihr schnelles Erfassen. Die Zeit verging in stillem Mühen und Sorgen. Immer erfand der Graf neue Qualen und Strafen für die armen unschuldigen Juden, die vollständig in seiner Hand waren. Niemand durften sie in ihrer Noth anrufen, Niemand nahm sich ihrer an. Sie waren der Willkür des Tyrannen preisgegeben. Lea litt im Winter furchtbar und konnte zuletzt nicht das Bett verlassen. An linden, warmen Tagen des Frühjahrs und des beginnenden Sommers trug der Narr sie in den nahen Wald. Dort suchte er ein warmes, sonniges Plätzchen für sie aus und hüllte sie in warme Tücher ein, die Gitel ihm mitgab. Er hatte sie einmal bei ihrem Spaziergang wanken gesehen und war schnell herbeigeeilt, um sie in seine Arme zu nehmen. Seit jenem Tage stand er stets zur bestimmten Stunde in der Küche und fragte, ob er Lea ins Freie tragen dürfe. Sie war ihm dankbar für seine Mühe. Er trug sie so sacht in seinen starken Armen, daß es ihr wohl that. und immer war er bereit, wenn sie in Gedanken den Wunsch hegte, heimzukehren. Es schien, als spannten sich stille geheime Fäden des Verständnisses zwischen ihr und ihm. Nie sprach Nathan ein Wort, und wenn Lea plauderte und sich bemühte, heiter zu sein, dann winkte er mit der Hand, daß sie ruhen sollte. „Warum soll ich nicht mit Dir reden?" fragte sie ihn einmal. „Weil es Dir wehe thut." „Wieso glaubst Du das?" „Ich fühle es," war die leise Antwort. Da hatte das Mädchen seine Hand gedrückt und ihn lange und ernst angcschaut. Seit der Zeit ließ sie sich tragen, ohne mit ihm zu reden. Ihre Augen dankten ihm innig für sein Thun und er verstand sie ohne Worte. (Forts, folgt.) Frtterarifche Mittheilungen. ------ Thilloth l’el eljon, Synagogen-Gesänge für Kantor, Gemeinde und Chor mit Orgelbegleitung, von Emanuel Kirschner, erstem Kantor an der Synagoge in München. Von diesem liturgischen Werke ist das 2. Heft, enhaltend die Gesänge für den Sabbath (Sabbath-Vormittag und Sabbath-Ausgang) erschienen. Wir haben dieser zweiten Abtheilung dasselbe Lob zu spenden wie seinerzeit der ersten (in Nr. 28 des vorigen Jahrganges d. Bl.). Auch hier zeigt sich in der Erfindung eine reiche, warme und edle Melodik und jener intensivere, herzhaftere Stimmungston, der sich von dem mattempfundenen so vieler derartiger Publikationen vorteilhaft unterscheidet. Auch hier ist die Behandlung der menschlichen Stimmen eine i!i i-!