Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 19 (13.5.1898)
- Date
- 1898-05-13
- Page
- Seite 226 (sequence 10)
- Language
- German
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MW» 226 Geschäftseifer und der Rührigkeit der Juden zu verdanken sei, wenn dort der Handel gedeiht und blüht. Mit vernichtenden Worten brandmarkt er den Undank, womit die orientalischen wie die occidentalischen Völker den Juden entgegengekommen sind. „Ihre Klugheit und Handelsgeschick", sagt er wörtlich, „hatte sie in Spanien reich und ansässig gemacht. Bei der Ueberfluthung der Mauren wünschten sie ihren Besitz zu schützen und waren durch ihre orientalischen Wechselbeziehungen den Mauren hilfreich und nützlich. Diese Güte haben ihnen weder die Spanier noch die Muhammedaner vergessen, denn nach dem Abzug der Mauren wurden die Juden aufs Peinlichste durch die Inquisition drangsalirt; schließlich wurde eines Jahres, den 11. März, befohlen, daß am 18. Juni kein Jude mehr im Lande sein dürfe." Korff unterläßt es nicht, auch Dänemark wegen seines früheren Antisemitismus den Text zu lesen. In seiner humoristischen Weise schreibt er bei der Schilderung der dänischen Stadt Roeskilde: „Roeskilde, was ebenso viel wie Rothschild heißt, war lange die Hauptstadt des Landes, Rothschild hat nichts mit dem großen Ebräer zu thun. Christian VIII. brauchte öfter Geld und pumpte sich das von einem holländischen Juden Gedalje, dessen Familie heute noch in Dänemark angesehene Juden stnd. Wie schade, daß den Dänen dadurch ganz der Grund genommen ist, eine Partei der Antisemiten zu bilden- Die Armen haben einen Sport weniger als die Berliner." Baron Korff benutzt jede Gelegenheit, die edlen, selbstlosen Thaten, welche Juden vollführt haben, gebührend hervorzuheben; so sagt er z. B. in dem Abschnitt seines Buches Australien (S. 11 ff.), daß das Berliner Naturhistorische Museum lediglich der Muuificenz des Herrn von Bleichröder es zu verdanken habe, daß es das Skelett eines Archeoptrix (des kasuarartigen Vogels Emu), von dessen Existenz die Welt nur in drei Exemplaren Kenntniß hat, besitze. Der Preis dafür war 22000 Mark, und viele Beschauer mögen gar nicht wissen, weshalb man in der Sammlung dies Rebhuhn so feierlich linier eine Glasglocke gestellt hat. Mit flammenden Worten geißelt unser Weltreisender die unzähligen barbarischen Thaten, welche die Inquisition und sonstige sogenannte christliche Institutionen sich zu schulden kommen ließen. Die Inquisition in Spanien allein habe mehr als 30000 Menschen hingeschlachtet unter dem Vorwand christlicher Liebe, und die Sklaverei bilde einen Schandfleck in der menschlichen Gesellschaft und ein Brandmal an der Stirn der sogenannten civilisirten Völker. Korff erinnert auch an die Zeiten in unserem Jahrhundert, wo man beim Ueberschreiten der Grenze des Kirchenstaates durch Steuerbeamte und Grenzpolizei einer überaus empörenden Vivisektion unterworfen wurde. Es fehlte da weiter nichts mehr, als daß man geräuchert wurde, wenn im Paß zu erkennen war, daß man Jude sei. Amüsant, aber auch erschütternd sind oft seine drastischen Schilderungen des Unheils und Verderbens, welches unter dem Vorwand der Religion Jahrhunderte lang geübt wurde. Man höre nur die nachstehende, gerade jetzt sehr interessante Bemerkung über die einst in Südamerika vollbrachten Schandthaten: „Die allerchristlichste Nation kommt mit dem Kreuz in der Hand, findet eine Supeikultur und paradiesische Zustände des Glücks und der Zufriedenheit, Habsucht und Egoismus fachen alle scheußlichen menschlichen Leidenschaften an, um alles zu rauben, zu zerstören, zu vernichten und nichts als Zwietracht, Lug und Trug zu hinterlassen. Wenn man bedenkt, daß dies Resultat die Arbeit von 400 Jahren gekostet hat, so wäre es vielleicht viel besser gewesen, daß die Azteken Spanien erobert hätten als umgekehrt. Die Rasse, die durch Kreuzungen mit Farbigen fich hier dominirend eingenistet hat, ist viel ärger als die uncivilisirtesten Jndianerstämme. Jeder stttlichen Grundlage bar, ohne Bildung und politisches Urtheil, ist das öffentliche Leben wie zur Versuchsstation, zum warnenden Beispiel geworden und hat auf Menschenalter hinaus jede Ausficht verloren, darin eine läuternde Aenderung zu erfahren.... Die Natur gab den Jncas in Peru unermeßliche Reichthümer von Edelstein und Gold in ihren Bergen, die ihnen fast werthlos erschienen, weil fie ihnen mühelos zufielen. Da kam die wilde Bestie, der Mensch mit dem Kreuz in der Hand und der Habsucht im Herzen, und ruhte nicht eher, bis alles von Grund auf zerstört und vernichtet war. Ungerechtigkeit, Diebstahl, Mord und Marter wurden im Namen des Christenthums und der allerkatholischsten Majestät von Spanien so gründlich ausgeübt, daß es heute ziemlich schwer ist, viele Kulturseiten der alten Peruaner aus Fundstätten zu erforschen." Es wäre lebhaft zu wünschen, daß die Werke des Generals Baron Korff von Denjenigen gelesen würden, welche noch in alten Vorurtheilen befangen sind und sich noch immer nicht zu der Höhe jener Auffaffung hinaufschwingen können, welche in dem Satz ausgedrückt wird : Justitia fundamentum regnorum. Die Gerechtigkeit ist die Grundlage der Staaten! EUILLETON Ver Narr. Erzählung von Jda Oppenheim. (Fortsetzung.) er Frühling zog ins Land. Aller Herzen schwellte die Hoffnung, und auch Lea sog mit Sehnsucht die linden Lüfte ein. hoffend auf endliche Befreiung von den qualvollen Schmerzen, denen sie fast unterlag. Doch je wärmer die hellen Sonnenstrahlen sich über die braune Erde breiteten, desto müder und schwächer fühlte sie sich. Stundenlang saß sie still mit gefalteten Händen am Fenster und sah hinauf zu dem kleinen Fleckchen des blauen Himmels, das sich über die Gaffe wölbte. Den Narren hatte man inzwischen zu dem strengste» Meister, einem Fleischer, in die Lehre gegeben. Von früh dis spät mußte er schwer arbeiten, und Abends konnte er sich erst nützlich machen in den Häusern, in denen er freie Kost hatte. Er mußte Wasser und Holz tragen und andere kleine Dienste im Haushalt verrichten. So oft er an dem Häuschen des?Rabbi vorüberging, sah er iüs Fenster, um Lea zu grüßen, die stets für sein verlegenes Lachen, sein schüchtern gestammeltes „Grüß Gott!" eine freundliche Erwiederung hatte.. Oft blieb er am Fenster stehen und sah die Leidende lange und unverwandt an. Wenn ihn das Mädchen dann fragte, ob er ihr irgend etwas zu sagen hätte oder etwas verlangte, dann lachte er plötzlich wild auf, ballte die Hände und rief: „Du gefällst mir nicht, Lea!" und rannte davon. Sie schüttelte wohl den Kopf und wandte sich traurig vom Fenster. Sie fühlte, wie der Bursche Recht hatte. Er allein schien zu sehen, wie sie langsam dahinschwand. Wie seltsam wars es, daß gerade Dieser, dem Gott so wenig Verstand und geistige Gaben verliehen, sie so scharf und richtig beobachtete, bei ihr alles entdeckte, was den Anderen, die in stetem Verkehr mit ihr waren, die sie liebten und sich um sie sorgten, verborgen blieb. Sie ahnte ja nicht, wie der Vater still und klaglos um sein Kind litt, wie er oft ruhelos hin- und herwanderte und sein lauschendes Ohr an ihre Kammerthür lehnte, wie ihn der Husten ängstigte, der ihr die Ruhe raubte. Wenn sie dann gegen Morgen