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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1898-05-13 · Heft 19 (13.5.1898) · p. Seite 225

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
62 (1898)
Issue
Heft 19 (13.5.1898)
Date
1898-05-13
Page
Seite 225 (sequence 9)
Language
German
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WWW» 225 Selbstverständlich sind wir mit allen Hypothesen und Anschauungen des Verfassers nicht einverstanden, aber man wird doch seiner pietätvollen Auffassung biblischer Vorgänge die Sympathie nicht versagen können. Die Landplagen Aegyptens, von welchen die Bibel redet, verweist er keineswegs in das Land der Fabel, er führt vielmehr (a. a. O., S. 48) aus, daß dieselben noch heute Geltung haben... „Der blutige Strom ist die Lehmfärbung aus dem Artaba, die jedes Jahr im Juni ihren Anfang nimmt. Wie interessant ist es, den Orient mit der Bibel zu bereisen, und wie merkwürdig, aller Orten die Bestätigung von darin angeführten Sachen zu finden!" Nirgends findet man in der exegetischen Kunst des Baron Korff auch nur eine Spur frivoler Auffaffung. Am deutlichsten zeigt, sich dies in seinem Werke: Im hohen Norden, dem 9. Band seines Weltreisebuchs, wo er sich über Jonas und die Walfischgeschichte in nachstehender geistreicher Weise äußert: „Im Jahre 1891 war ich am Mittelmeer. Bon der Jacht des Fürsten von Monaco wurde ein Cachelot (so werden die dort vorkommenden Wale genannt) harpunirt, der unglaubliche Mengen von Tintenfischen und anderen Freßopfern auswarf. Vielleicht bringt folgende Erzählung Licht in das Jonaswunder. Zu der angegebenen Zeit war der englische Walfischjäger „Star ok tbs Lost" in den Gewässern der Malvineninseln, als ein gewaltiger Wal in Sicht kam. Man setzte zwei Boote aus, um ihn anzugreifen, und das Thier wurde mit der Harpune tödtlich getroffen. Bei seinen letzten Zuckungen traf der Fisch das Boot mit einem Schwanzhiebe, so daß die Mannschaft ins Wasser fiel. Sie wurde bis auf zwei Personen gerettet. Den Leichnam der einen fand man im Wasser, die andere, James Bartly, blieb verschwunden. Als das Thier verendet war, zog man es an Bord und brauchte einen Tag und eine Nacht, um es zu zerschneiden. Dann öffnete man, also nach 24 Stunden, den Magen des Walfisches und fand darin den verschwundenen Matrosen James Bartly, ohnmächtig, aber noch lebend. Man hatte viel Mühe, ihn wieder zu sich zu bringen. Endlich erzählte James: Ich erinnere mich sehr wohl des Augenblicks, wo der Walfisch mich in die Lust schleuderte; dann wurde ich verschlungen und fand mich in einer schlüpfrigen Röhre, deren Zusammenziehungen mich nöthigten, immer weiter bis zum Grund zu gleiten. Ich konnte, wenn auch mit vielen Schwierigkeiten, noch athmen, empfand aber den Eindruck unerträglicher Hitze, und es schien mir, als ob ich lebendig gekocht würde. Der Gedanke, daß ich bestimmt sei, im Magen des Walfisches umzukommen, quälte mich, und diese Angst wurde noch durch die Ruhe und das ringsherum herrschende Schweigen vermehrt. Endlich verlor ich das Bewußsein meiner schrecklichen Lage. Der Kapitän der „Star of the East“ versicherte, daß wüthende Walfische häufig Menschen verschlängen, und die Möglichkeit kann bei einem Cachelot, der einen genügend weiten Rachen besitzt, nicht geleugnet werden." Korff schließt nun seine Bemerkungen mit den Worten: „Dos Jonaswunder bestand also nicht darin, daß der Prophet verschlungen wurde, sondern daß er drei Tage im lebende» Walsischniagen gesund blieb, ohne das Bewußtsein zu verlieren wie James Bartly, und daß er nach dreitägiger Fahrt von Joppe nach der syrischen Küste die Barmherzigkeit Gottes anrief, worauf der Walfisch Befehl erhielt, den Propheten wieder auszuspeien." Wie Korff der Bibel und den von uns verehrten Gestalten derselben gerechte Würdigung zutheil werden läßt, so zeigt er sich auch in der Betrachtung der Judenfrage, d. h. in seinem Urtheil über die Juden in den jeweiligen Ländern, welche er durchstreifte, als ein humaner Geist, deffen edles Herz jede Gehässigkeit verabscheute. In seinem Reisewerk über Nordostafrika erzählt er (S. 135 ff.) mit Entrüstung, daß die Austreibung der Juden aus Spanien eine so gründliche gewesen sei, daß er, als er vor 20 Jahren von Mogador nach Cadix gekommen sei, es gesehen habe, wie die Anwesenheit eines Juden auf dem Schiffsdeck solches Erstaunen hervorgerufen habe, daß sich rasch eine Menschenmenge versammelte, die mit Fingern auf den ärmsten Mann gewiesen und unaufhörlich: „Ein Jude! Ein Jude!" gerufen habe. Die Marokkaner haben damals zwar die Juden in ihrem Lande ausgenommen, ihnen jedoch keine Bürgerrechte gewährt. Sie wohnen in abgeschloffenen Stadttheilen, müssen sich die Schuhe ausziehen, wenn sie bei einer Moschee vorübergehen, dürfen im Orte nicht reiten, sondern müssen ihre Pferde oder Esel führen, dürfen nicht den rothen Fez tragen, kein Amt bekleiden, bei Gericht gelte ihre Aussage nicht, und noch eine Menge anderer Demiithigungen sei ihnen auferlegt. „Trotzdem aber," sagt Baron Korff, „hat die Beharrlichkeit und Anspruchslosigkeit den Juden im Orient zu einem wichtigen Faktor des Verkehrslebens gemacht." Zugleich giebt er seiner Entrüstung darüber Ausdruck, daß das Sultanat von Tanger, wenn ein Jude todtgeschlagen werde, sich nicht immer beeile, den Reklamationen der Konsulate Folge zu geben. Ja, wenn es ein englischer Unterthan wäre, dann hüteten sich die marokkanischen Behörden, der Gerechtigkeit in den Arm zu fallen! „Wer erinnert sich nicht mit Befriedigung," schreibt Baron Korff weiter, „als in den sechziger Jahren ein Engländer in Djedda ermordet wurde, wie augenblicklich das Nest 36 Stunden lang bombardirt wurde. Solche Antwort wurde im Orient so schnell begriffen, daß für ein Menschenalter unter dem fanatischen Gesindel absolute Sicherheit für Europäer, vorztigsweise für Engländer, zu finden war. Jede Verhandlung mit diesen Vätern der Lüge ist ein Zeichen der Schwäche, schädigt das Ansehen der Nation und bringt jedem einzelnen Reisenden Lebensgefahr." Generalmajor Baron Korff ist natürlich ein galanter Mann und hat ein feines Verständniß für weibliche Schönheiten. Es ist daher ganz natürlich, daß er sich über die marokkanischen Jüdinnen in überschwenglichster Weise äußert, wie dies schon das nachstehende Pröbchen beweist: „Die Jüdin in Marokko überrascht durch gottbegnadete Schönheit. An Pracht und Glanz der Augen, rosigem Teint, kleinen weißen Händen und Füßen kann man kaum etwas Vollkommneres sehen." Ihre Moral, meint Korff, lasse freilich manches zu wünschen übrig, indem ihr kleidsamer Anzug, ihre elegante Haltung und ihre raffinirte Koketterie sie nur zu häufig zur Siegerin im Kampf mit der Tugend mache. Traurige Schilderungen entwirft unser Globetrotter von der Lage der etwa 6000 Juden zählenden Ghettoviertel Marokkos, welche dort in Unterdrückung und Schmutz verkommen. Es sei daher ganz natürlich, wenn Marokko, ebenso wie Ninive und hundert andere Weltstädte, welche im Laufe der Zeit zu Grunde gingen, ebenfalls seiner Vernichtung entgegengehe. Es tverde nicht lange dauern, und die Residenz Marokkos werde gänzlich eine Wüste werden, und kein Schakal werde sich erinnern, daß es da noch etwas zu holen gebe. Vont Sultan voit Marokko selbst entwirft Korff eine nichts weniger als schmeichelhafte Porträtskizze, indem er meint: „Die ganze Regierungskunst des Sultans und seiner Machthaber besteht darin, Geißeln zu nehmen, Juden zu drangsaliren, vorlaute Unzufriedene zu vergiften und die eigenen Unterthanen nächtlicherweise zu überfallen und zu schänden. Wenn ein Tribus drei Jahre keine Steuern bezahlt hat, wird die Armee mobil gemacht, wie ein Blitz auf ihn geworfen, ein Blutbad angerichtet, alles, was nur möglich ist, zerstört, geplündert und mit dem Raub der Heerden siegreich heimgezogen." Aehnliche interessante Skizzen entwirft der Verfasser auch von den Juden und Jüdinnen in Tunis und Tripolis, welche an die entzückenden Bilder in 1001 Nacht , erinnern; doch würde ein näheres Eingehen ans dieselben hier zu weit führen. Hervorheben will ich nur, daß der Verfasser überall betont, daß es lediglich dem

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