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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1898-05-13 · Heft 19 (13.5.1898) · p. Seite 224

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
62 (1898)
Issue
Heft 19 (13.5.1898)
Date
1898-05-13
Page
Seite 224 (sequence 8)
Language
German
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224 der charakteristische und ethisch-tiefe Zug des Volksbewußtseins, daß, wenn wirklich ein schwerer Fehltritt, ein Verbrechen von einem Einzelnen begangen ist, dieses, wenngleich als des Einzelnen, so doch als eine, „Sünde in der Gemeinde" (ein EN in der mit Gewisienspein und Büßfertigkeit empfunden wird. Der sittliche Bestand der Gesammtheit erscheint Jedem als verringert. *) § 74. Dies also sind die Gründe, weshalb ich glaube, daß man —neben und nach allem Schriftthum — den lebendig, historisch fortgeerbten und fortbewegten Gesammtgeist des jüdischen Stammes als Quelle der Belehrung über den ethischen Gehalt des Judenthums betrachten darf und muß. — Wie sehr es dabei für den Darsteller seiner Sittenlehre des innigen, hingegebenen Einlebens in den Gesammtgeist, wie sehr es des festen und klaren Verzichtes bedarf, anderweitig entlehnte und auch eigene Gedanken hinein zu tragen, das liegt auf der Hand. Aber auch bei der lautersten und strengsten Spannung des Geistes allein auf das objektiv Gegebene wird hier ein gewisses Maß von Subjektivität, von persönlicher Bedingtheit nicht zu vermeiden sein. Zwar der rabbinische Geist selbst gewährt, wie ich gezeigt habe, auch diesem Zuge nothwendiger Individualität sein volles Recht. Ich aber will am Schluß dieser Betrachtung über die Quellen, aus denen man die Abfaffung der jüdischen Sittenlehrc zu schöpfen hat, vor Gott und aller Welt nur erklären: daß ich hier keinen Gedanken Vorbringen will, von dem ich nicht nach meiner innersten Ueberzeugung weiß, daß er dem Gesammtgeiste des Judenthums entstammt. Was ich von Griechen und Römern und aus der philosophischen oder sonstigen Litteratur der modernen Völker gelernt habe, mag in meiner Darstellung sich als formgebende Kraft geltend machen: den Inhalt habe ich nach bestem Wißen und Gewissen lediglich aus dem Judenthuin und dem jüdischen Gesammtgeist geschöpft. Aus dem Tagebuche eines Meitreifenden. Von Dr. Adolph Kohut. nn muß sich vor dem Verallgemeinern hüten — auch in ^NjL Fragen des Antisemitismus. So wird von gewisser Seite hier und da der Vorwurf ausgesprochen, daß unsere Aristokratie gleichsam von dem Hauche der Judenfeindschaft durchseucht, während der Philosemitismus in den breiten Schichten der bürgerlichen Kreise zu Hause sei. Nichts ist gefährlicher, als solch eine allgemeine Charakteristik, welche in einzelnen Fällen vielleicht zutreffen mag, aber im Großen und Ganzen nicht stichhaltig ist. Jedenfalls sollte man sich hüten, wenn hier und da ein hoher Aristokrat Aeußerungen thut, welche die Juden verletzen, daraus zu schlußfolgern, daß alle die Edelleute, Barone, Grafen rc. von der Pest des Antisemitismus ergriffen seien. Ein leuchtendes Beispiel in dieser Beziehung bietet uns der bekannte Generalmajor Baron Korff, der Schwiegersohn Giacomo Meyerbeers, dar. Dieser Sproß eines uralten Adels hat, trotz seines hohen Alters, in den letzten Jahren weit ausgedehnte Reisen durch Amerika, Asien, Afrika, nach dem Nordpol u. s. w. unternommen und diese seine Streifzüge in neun handschriftlich gedruckten, höchst i) Im deutschen Volke hat man dergleichen in den 70er Jahren bei den beiden Attentaten auf Kaiser Wilhelm mit Entsetzen gefühlt; die allgemeine Liebe zu dem edlen Monarchen und die patriotische Verzweiflung ob der drohenden Verwilderung waren mitwirkende Elemente. intereffanten Werken geschildert. Wie er als Offizier und Kommandeur sich durch seinen scharfen Blick rühmlich hervorthat. so zeichnen sich auch diese seine Schriften durch geistreiche Beobachtung und schlagende Urtheile aus. Er gehört zu den wenigen internationalen Reiseschriftstellern, welche unbefangen und ohne Vorurtheil an die Kenntniß von Land und Leuten herantreten, welche an das Fremdartige und Eigenthümliche nicht den Maßstab vorgefaßter Meinungen anlegen, und die vor allem trotz aller Schneidigkeit nie jenen junkerhaften Hochmuth und Dünkel verrathen, welcher zuweilen so sehr verletzt. . In seinem umfangreichen Weltreisetagebuch befaßt er sich auch wiederholt mit den Juden und dem Judenthum, und es wird unsere Leser gewiß fesseln, die Meinungen und Anschauungen des Generalrnajors Korff kennen zu lernen. Der interessante Weltreisende beschäftigt sich in seinem Kolossalwerk vielfach auch mit der Bibel und den biblischen Erzählungen, und es macht einen wohlthuenden Eindruck, zu sehen, wie objektiv und voruriheilslos er jenen weltgeschichtlichen Ereignissen gegenübersteht. So sagt er z. B. über Moses im 4. Band seines Weltreisetagebuchs, Seite 20, Folgendes: „Etwa 1700 vor Christi erzog die Tochter des Pharao einen Knaben, den sie am Ufer des Nils gefunden haben wollte. Es war Moses. Aus dem wüsten Palästina, wo es mühevoll war, den Unterhalt zu sichern, war eine Uebersiedelung von Juden nach dem Lande Gosem, bei dem heutigen Zagazig, geschehen, wo ihre Gewerbgeschicklichkeit, namentlich bei den Stauungsarbeiten des Nilwassers, geschätzt wurde. Diese Geschicklichkeit im Wasserbau war auch der Grund, daß, als die Assyrer Jerusalem eroberten, 70 000 Juden nach Ninive und Babel geführt wurden, um die Quaiarbeiten am Euphrat und Tigris auszuführen, mit denen man dort nicht fertig wurde. Trotzdem man eine Menge Gewandtheiten bei dem jüdischen Volke stets anerkannte, hat es doch eine gleichberechtigte bürgerliche Stellung in der Gesellschaft nicht erringen können, und der Philanthrop Moses beschloß, diesen Zwiespalt in der Stellung der Juden dadurch aufzuheben, daß er sie aus Aegyptem ihrem Heimathlande wieder zuführte. Der verweichlichende Reichthum, fremde Lebensweise und unwillkürliche Vermischung ihres Glaubens mit ägyptischen Religionsgebräuchen, wie z. B. die Anbetung des heiligen Apis, des goldenen Kalbes rc., hätten bei dem unmittelbaren Uebertritt nach Palästina bei diesen Juden nur Unzufriedenheit und bei den dort angesessenen Stämmen nur Verwirrung hervorgerufen. Deshalb beschloß Moses, schon um sich vor Verfolgung zu sichern, nicht direkt über el Cantera zurückzukehren, sondern seine Getreuen zuerst in die Berge Sinai zu führen, zum Schutz, zur Prüfung, zur Erläuterung. In der Bibel steht: der Rauch des heiligen Feuers, das sie mitführten, zeigte ihnen den Weg — also war zu der Zeit Nordwest-Mousoom, wohl im Monat März unserer Zeitrechnung. Sie passirten das Wasser, wo es am schmälsten, bei dem heutigen Schaluf, und als ste alle hinüber waren, schlug der Wind um, und der Rauch wurde nach dem Lande Gosem zurückgetrieben. Es trat also der Südost - Mousoom, vielleicht am 22. März, ein, der die Wasser des Rothen Meeres bei Schaluf mit dem losen Wüstensand, wie alljährlich, zu einem Sumpf verband, der die Verfolgung der Juden unmöglich machte. Moses erreichte also ungefährdet die Halbinsel Sinai, litt aber bei der Unrvirthlichkeit der Berge Noth, und so war die Auffindung einer Quelle und das Reifen der Früchte des Johannisbrodbaums (Manna) ein rettendes Ereigniß. Einige sehr alte Ruinen beweisen, daß die Halbinsel nicht immer so ganz unbewohnbar gewesen sein kann als jetzt. Auch findet man in Felswänden Inschriften in dem Sinaitisch genannten Alphabet, wo manches noch nicht hinreichend aufgeklärt ist. Der interessanteste Punkt ist das Katharinenkloster, 4000 Fuß hoch, in engem Thal am Mosesberg. . . . Der Leipziger Professor Tischendorff fand hier die älteste überhaupt existirende Bibel, welche für mehr als 100 000 Rubel für die kaiserliche Bibliothek in Petersburg angekauft wurde. Hier zerbrach Moses die Gesetztafeln, hier sah er den brennenden Busch, die Tradition zeigt hier ein Loch, in dem das goldene Kalb gegossen wurde, den Ort, wo Korach versank u. a."

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