Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1898-05-13 · Heft 19 (13.5.1898) · p. Seite 223

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
62 (1898)
Issue
Heft 19 (13.5.1898)
Date
1898-05-13
Page
Seite 223 (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3224737-3228257-3228277--54586-3290736
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

223 den Juden war es alte Vorschrift, das Gesetzbuch regelmäßig in Abschnitten zu verlesen und zu erklären. 8 70. Dieser Sinn für die Erkenntuiß und die Würdigung derselben reicht hier in frühe Zeiten hinauf. Liest man die homerischen Dichtungen, die auch in ethischer Beziehung manches Schöne enthalten, von Anfang bis Ende durch, so findet man nirgends, daß auch das Wissen, die Erkenntniß der Wahrheit, zu den Bedürfnissen der Menschen, zu den Uebungen und zu den Idealen auch nur der Besten gehört hätten. Aus dem biblischen, vollends aus dem späteren jüdischen Schriftthum aber tönt uns fort und fort die Ermahnung entgegen: ny-pi „du sollst wissen", erkennen, einsehen; schon für de» Propheten besteht das höchste Ideal der Zukunft darin, daß die Erde voll sein werde von Erkenntniß, wie die Gewässer den Meeresgrund bedecken" (Jesaias 11, 9 und Jerem. 31, 34). — Gewiß, nur um ein religiös-sittliches Wissens handelt es sich dabei; aber auf eben dieses kommt es an, um das Volksgemüth selbst als Quelle seines ethischen Jdealgehalts zu betrachten. Von der rabbinischen Sorge für die Vorbereitung dieses Wissens durch den Unterricht der Kinder und die Verbreitung bei den Erwachsenen, wodurch ein leuchtendes Vorbild für die spätere Kulturwelt aufgestellt wurde, wird weiterhin in der Ethik selbst gehandelt werden. An dieser Stelle mag es genügen, an das im Anhang zu ß 64 bereits citirte Talmudwort zu erinnern, welches als die „Gesalbten" (Ps. 105, 15) die „Schulkinder" bezeichnet; diese „dürfen (Sabbath 119 b) selbst für den Wiederaufbau des Tempels — gewiß das heiligste Anliegen der Juden — nicht gestört werden." Die Mütter sind von den meisten Pflichten des Ceremonialdienstes losgesprochen, weil es genügt, „daß sie die Kinder zur Schule anhalten". - Die Hochschätzung des Studiums hat für die rabbinische Welt den dreifachen Grund, daß das Wissen als das höchste und reinste Element der Seligkeit gilt, deren man schon hienieden theilhaftig werden kann; sodann, daß es Quelle der geläuterten und befestigten Gesinnung, und daß es drittens deshalb selbst ein wichtiges Moment der ethischen Aufgabe des Menschen ist; es ist die eminent ethische Beschäftigung des Geistes. 8 71. Hier aber muß noch auf die überaus wichtige Thatsache zurückgegriffen werden, daß diese Ausbreitung der sittlichen Erkenntniß in unmittelbare Verbindung mit dem Gottesdienste selbst gebracht wurde; was sage ich: in Verbindung! sie ist der eigentliche Mittelpunkt des Gottesdienstes früh und vollends nach Zerstörung des Tempels allgemein geworden und bis heute geblieben. Und damit hängt wiederum aufs Innigste zusammen, daß schon früh und dann mehr und mehr alles Studium, alle Beschäftigung mit Wissen und Erkenntniß nicht blos als allgemeine ethische Pflicht, sondern zugleich als höchste und edelste religiöse Uebung angesehen wurde.') ‘) Wenn später gerade in Griechenland der Wisfenstrieb erwacht ist, so energisch gewirkt und eine solche Meisterschaft der Forschung erzeugt hat, daß diese zum Vorbild und Führer für die ganze spätere Kulturwelt geworden, so ist das bekanntlich doch der Hebung und Befestigung gerade des ethischen Volksbewußtseins nicht zu Gute gekommen. Die historische Erörterung und Begründung dieser Thatsache gehört hier nicht her; nur einen Hauptpunkt aus derselben werden wir weiterhin noch hervorheben. Jedenfalls ist dadurch das Nationalbewußtsein der Griechen, die Vorstellung eines ethischen Volksberufes und dadurch der Bestand des Volkes selbst allmälig aufgelöst worden, während alles dies stch bei den Juden — trotz aller politischen Zerstörung und Zerstreuung durch die kriegerischen Uebermächte — immer mehr befestigt hat. s) Daß die religiöse Würdigung nicht ohne erhebenden und stärkenden Einfluß auf den Inhalt des Studiums bleiben konnte, ist eine leicht begreifliche psychologische Thatsache. 8 72. Damit aber stehen noch zwei bedeutungsvolle Thatsachen in Verbindung. Im Jahre 444 vor Ehr., am 1. des 7. Monats, hat der ans Babylon zurückgekehrte Esra zum ersten Male wieder in Jerusalem auf einem freien Platze vor dem Wafferthor vor einer großen Volksversammlung aus dem Gesetzbuch vorgelesen. Um dieselbe Zeit standen die Kultur Griechenlands und der atheniensische Slaat unter Perikles auf ihrer Höhe. Hier kam Sokrates »nd forderte oie Besinnung auf die ethischen Grundgedanken und ihre Klärung, während Esra das Sittengesetz selbst einfach vortrug und dem Volke erklären ließ (Nehem. 8, 2 und besonders 8); dort wurde die Aufklärung, hier die Befestigung gesucht und eifrig betrieben. Die Reinheit der sokratischen, der Adel und die Hoheit der platonischen Gesinnung stehen außer Zweifel; aber das edle Streben des Sokrates und seiner Schüler und Nachfolger wurde durch die Sophisten besiegt und vernichtet. Die Zersetzung des ethischen Volksbewußtseins war ihr Werk. Dem Esra aber folgten die Männer der großen Synagoge,') und die Erhaltung und Fortbildung der Sittenlehre im Geiste der Propheten war ihr Werk. Man kann die Größe und das Gewicht des einen Gegensatzes gar nicht überschätzen: bei den Juden hat es niemals — auch in den schlechtesten Zeiten nicht — eine verworrene und verdorbene Wissenschaft der Sittenlehre gegeben, wie die Sophistik der Griechen sie erzeugt hat. Während der grundstürzende Subjektivismus bei den Griechen zum wissenschaftlichen Prinzip erhoben ward, kennzeichnet der jüdische Historiker den tiefsten Verfall einer früheren Zeit eben nur durch den Subjektivismus; nicht schlechte und böse Thaten erzählt er, sondern „daß Jeder nur that, was Recht in seinen Augen war" — um den Verfall der Sitten zu charakterisiren. ^) — Inder wirklichen Lebensführung mag ja auch der Abstand zwischen Wissen und Leben, die Statistik der Erfüllung oder der Verletzung des Gesetzes in Jerusalem zuweilen ähnlich gewesen sein wie in Athen; praktisch ist ja auch der Subjektivismus bei den Juden oft sehr groß, und sein Gefolge: Parteigeist, Eigensinn und Eigenwille, Individualismus, Mangel an Unterordnung, verursacht häufig genug Unglück und Niedergang;^) aber zur Theorie ist der Subjektivismus niemals erhoben worden. Die Willkür war imnrer geächtet. 8 73. Hieran mm schließt sich ein anderer charakteristischer Zug im ethischen Bewußtsein der Juden, der sich namentlich in den folgenden Zeiten harter Leiden und Verfolgungen zu ihrem Heile geltend gemacht und sich auch immer weiter entwickelt hat. Wie bei allen, namentlich verfolgten Minoritäten, hat sich hier mehr ethischer Zusammenhalt, mehr gegenseitige Verantwortung entfaltet. Der Gedanke, den wir, als einen in der ältesten Gesetzgebung zu Grunde gelegten, später Nachweisen werden, tritt immer mehr ins wirkliche Leben ein, nämlich, daß alle Ethik nach ihrem innersten Trieb und höchsten Ziel Sozialethik ist. Wo z. B. jede verleumderische Anklage (das bttbs) Alle trifft, wo sie als wetterschwere Wolke am Himmel steht, und Keiner weiß, — auch der Feind nicht, — wen der Blitz treffen wird, da bildet sich auch die ethische Gesammtperson schneller und fester. Daher auch J) Die historischen Berichte über dieselben sind sehr unzulänglich und erzeugen mehr Widerstreit als Einstimmung unter den Historikern, l Vrgl. A. Kuenen, Gesammelte Abhandlungen zur biblischen Wissenschaft. Deutsch von K. Budde 1884. 4. Vortrag.) Aber wer und was diese Männer auch gewesen sind: die Leistung, die ihnen hier zugeschrieben wird, steht außer Zweifel. -) Richter 17, 6—21, 25. ') Brgl. Sabbath 119b und viele Stellen über den ethischen Grund für die Zerstörung Jerusalems.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.