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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1898-05-13 · Heft 19 (13.5.1898) · p. Seite 222

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
62 (1898)
Issue
Heft 19 (13.5.1898)
Date
1898-05-13
Page
Seite 222 (sequence 6)
Language
German
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- 222 Wunder in der Verheißung, und darum wird sie ganz und gar , Phantastisch ausgestaltet. , Maimonides, dessen Anschauungen als typisch für die Rei ligionsphilosophie des Mittelalters gelten können, will das messt- ' anische Zeitalter und das Jenseits gänzlich aus einander gehalten 1 wissen. Das messtanische Zeitalter bedeutet Israels Unabhängigkeit! und nationale Prosperität. Der König des messianischen Reiches wird ein Mensch sein, weise und mächtig, aber nicht mit übernatürlichen Kräften ausgestattet. Hingegen ist das Jenseits eine individuelle Seligkeit idealer Natur, hauptsächlich beruhend ans der befriedigenden Lösung der metaphysischen Räthsel?) Diese Idee wurde vielfach bekämpft, und wenn Wolf Heidenheim mit seiner Erklärung Recht hat, wendet sich der Dichter einer bekannten Synagogenhymne gegen Maimonides mit der entrüsteten Frage: Solltest Du, o Herr, unser Leben erneuern in der Weise des jetzigen? O, Freund Israels, mach' Deiner Herrlichkeit unseren Namen gleich, mach' uns gleich einem stets bewässerten Garten im Thau Deiner Gnade?) Während also die Philosophen bestrebt waren, die messianischen Verheißungen auf eine rationalere Basis zurückzuführen, thaten die Kabbalisten genau das Entgegengesetzte. Nach ihrer Lehre sind; Auferstehung der Tobten, Wiedererrichtung des israelitischen Reiches und dergleichen blos die Mittel zu einem neuen Leben, welches eine durchaus geistige Gestaltung haben und die Frommen auf eine engelgleiche Stufe erheben wird. Ein klares Bild läßt sich von diesen Anschauungen, wie von Theosophie überhaupt, nicht geben, denn die ursprünglichen Vertreter dieser Lehre sind der Klarheit abgeneigt. Ihr System beruht mehr auf dunklem Empfinden als auf klarem Denken. Gerade deshalb aber gewann diese Art der Auffassung des messianischen Reiches die Oberhand. Die Kabbalisten wurden populärer als die Philosophen, denn sie versprachen vollkommene Heilung von allen Uebeln der Welt und zwangen Niemanden zu der mühsamen Arbeit des Denkens. Die Aussicht auf Lotteriegewinn wird sicherlich mehr Leute anlocken als ein noch so verheißungsvolles Kolonisationsprojekt. Das zeigt sich in den messti anischen Bewegungen des 16. Jahrhunderts, noch mehr aber in dem merkwürdigen Erfolg Sabbathai Zebis (1666), der offenbar sich nicht einen Ailgenblick darüber Sorgen machte, wie er das Vertrauen seiner Anhänger rechtfertigen würde. Der schmähliche Zusammenbruch der sabbathianischen Bewegung, noch mehr aber der unwiderstehliche Einfluß der Locke-Leibniz'schen! und später der Voltaire'schen Schule versetzte der Wundergläubigkeit! einen schweren Stoß. Die französische Revolution mit ihrem ganz i revolutionären Staatsbegriff, welcher das Ideal der Besten aller j Völker wurde, entzog dem Feudalwesen jeden Rechtsboden und ] erweckte dadurch in den Juden den Glauben an die praktische Verwirklichung jener Ideale, welche der Mendelssohn'sche Kreis geträumt ] hatte. Das Stein-Hardenberg'sche Edikt von 1812, so dürftig seine l thatsächlichen Vortheile waren, versprach doch etwas, und schließlich ] redete es von den Juden als „Bürgern und Einländern", und das i bedeutete etwas im Staate Friedrichs des Großen, wo ein Menschenj alter zuvor jeder Jude nach seiner Fa^on in der Ehe selig werden! konnte, wenn er für diese Seligkeit schlechtes Porzellan aus der königlichen Fabrik mit theurem Gelde bezahlt hatte. Dieser Optimismus machte sich in einer Revision des messianischen Dogmas geltend, und diese Revision geschah hauptsächlich im ' antinationalen Sinne. Aus dem Gebetbuche sollten die Opfer und Wiederholt in seinen Werken, besonders in der Einleitung zu dem Mischnakomm. Synhedrin C li. 2) Heidenheims Komm, zum Pismon für das Mussaph des ersten Pessachtages. ‘■jjnx fTlX“)*? >n ^12 1 auf die Herstellung des davidischen Reiches bezüglichen Stellen gestrichen werden. Allerdings waren die einflußreichsten Rabbiner Europas Gegner dieser Reform, welche im Hamburger Tempel ihren Ausdruck finden sollte, aber das, worauf es ihnen ankam, war durchaus nicht die Festhaltung des nationalen Gedankens, sondern die Festhaltung der Unveränderlichkeit des Ritus. Sie fürchteten nicht, daß der Glaube a» die nationale Bestimmung Israels verloren gehen würde, sie fürchteten für den Fortbestand des Gesetzes, denn wenn man die Nothwendigkeit der von Gott gebotenen Opfer leugnete, durfte man folgerichtigerweise nicht vor anderen Gesetzen Halt machen. Selbst Rabbi Hirsch Kalischer hat in seinen von den Zionisten so gern citirten ff'L ntePTl den Anfang der Verwirklichung des messianischen Reiches mit der Wiederherstellung des Opferdienstes machen wollen?) Wenn wir also die Ergebniffe unserer Auseinandersetzungen summiren, so sehen wir, daß an die volle Verwirklichung des messianischen Ideals, wie es sich im Mittelalter krystallistrt hatte, Niemand mehr glaubt. Es handelt sich also nur darum: Sollen wir die nationale oder die universalistische Seite desselben festhalten? Darüber können die Meinungen auseinandergehen. Das ist zuzugeben. Wohl aber auch, daß Manchem, wie dem Verfaffer dieses Aufsatzes, das Ideal einer Staatenvereinigung der ganzen Welt höher erscheint als das eines westasiatischen Bulgarien oder selbst einer westasiatischen Schweiz. Von den Onellen der jüdischen Sittenlehre. Bon Prof. Dr. M. Lazarus. X. 8 68. Die ethische Wiffenschaft und die genannte Anschauung der Rabbinen hatten guten Grund, das öffentliche Bewußtsein gerade des jüdischen Volkes mehr als bei irgend einem anderen der älteren Völker als Quelle des ethischen Jdealgehaltes zu betrachten. Es sind historische Thatsachen, welche diesen Grund ausmachen, und es wäre eine falsche und darum unzulässige Bescheidenheit, an dieser Stelle eben diese Thatsachen, welche den speziellen Vorzug des jüdischen Stammes bewirken, zu verschweigen. 8 69. Vor allem nämlich war das ethische Wiffen, die Kenntniß des Gesetzes ganz anders und mit anderen Völkern unvergleichbar verbreitet. Es giebt Thatsachen vom größten Schwergewicht, welche gleichwohl in der landläufigen Betrachtung unbeachtet bleiben, weil sie, allzu geläufig, Jedem von jeher bekannt sind. Eine solche Thatsache ist: daß bei den Juden (und später auch bei den Christen) nicht blos eine heilige Schrift existirt, welche die anerkannte Quelle aller sittlich-religiösen Belehrung ausmacht?) sondern daß regel- und gesetzmäßig der Inhalt der Schrift dem Volke mitgetheilt, aus derselben öffentlich vorgelesen, in vielen Fällen dieselbe auch erläutert wird (in den gottesdienstlichen Vorträgen und später, nach diesem jüdischen Vorbilde, auch in der christlichen Predigt). Bei allen Völkern, auch den modernen, wird die Kenntniß des Gesetzes vorausgesetzt (Unkenntniß des Gesetzes schützt nirgends vor der Bestrafung wegen des verletzten!) aber bei keinem alten oder modernen Volke finden wir irgend eine Vorkehrung angeordnet, die Kenntniß des Gesetzes, die sittliche Lehre zu vermitteln. Einzig und allein bei l) Siehe Polemik darüber in Jakob Etlingers p’jj Nr. 8. Altona 1868. ~) S. Bernhard Stade: Geschichte des Volkes Israel, 1. Band, S. 660, 666 ff.

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