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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1898-05-13 · Heft 19 (13.5.1898) · p. Seite 221

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
62 (1898)
Issue
Heft 19 (13.5.1898)
Date
1898-05-13
Page
Seite 221 (sequence 5)
Language
German
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In der Weise, wie wir das Kaddischgebet kennen, d. h. als ein Gebet um das Seelenheil Berstorbener, von deren Kindern während des ersten Jahres ncich dem Tode und an jedem folgenden Jahrestage des Todes verrichtet, besteht es seit dem Beginn des vierzehnten Jahrhunderts. Zum ersten Male erwähnt Aaron Ha-kohen aus Lime?) diese Sitte, und es ist wahrscheinlich, daß die in Spanien sich ansiedelnden zahlreichen Emigranten aus Deutschland und Frankreich diesen Brauch auf der pyrenäischen Halbinsel einbürgerten, von wo aus die portugiesischen Juden nach ihrer Vertreibung ihn überall hin verbreiteten. Jedoch besitzen wir schon aus dem dreizehnten Jahrhundert das Zeugniß Nachmanides', daß man nach der Beerdigung ein Kaddisch gesprochen habe, worin man den Glauben an die trostreiche Versicherung ausspricht, daß in dem neuen Gottesreiche auf Erden die Todten zum Leben erweckt, die Stadt Jerusalem wiedererbaut, aller Götzendienst verbannt und der wahre Gottesdienst allgemein eingeführt werde. Dabei wird auch um Verschonung von Hungersnoth und Seuchen gebetet?) Wie man sieht, hat dieses Gebet nichts mit der Auffassung des Kaddisch als einer Bitte um das Seelenheil des Verstorbenen zu thun. Diese letztere findet sich jedoch schon sehr früh in einer leider allzu bekannten Geschichte, wonach ein Rabbi, bald ist es Akiba, bald Jochanan ben Sakkai, einen nackten, kohlschwarzen Menschen auf einem Begräbnißplatze antraf, der in größter Hast Reisig auflas, was er, wie er sagte, jeden Tag thun müsse, um sich immer von Neuem verbrennen zu lassen. Auf die Frage des Rabbi, wodurch ihm geholfen werden könne, erwiederte er. daß sein Sohn in der Synagoge den Prophetenabschnitt vorlesen oder das Kaddisch sprechen solle. Der Rabbi führte den Wunsch aus und hatte die Befriedigung, daß der Geist ihm seine Erlösung aus dem Höllenfeuer in einem Traumgesicht melden konnte. Diese Erzählung ist in dem aus dem zehnten Jahrhundert stammenden Midrasch Tana dcbe Elijahu enthalten, jedoch in einem Anhänge,* 3) welcher zweifellos aus späterer Zeit stammt. Bezeugt ist uns diese Geschichte erst durch Citate in Werken des 14. Jahrhunderts.'') Wir werden wohl nicht fehl gehen, wenn wir die Entstehung dieses Glaubens an die erlösende Macht des Kaddisch und anderer gottesdienstlicher Akte in das zwölfte Jahrhundert setzen, als die Leiden der Kreuzzüge die Erinnerungsbücher an die Märtyrer geschaffen und die eschatologischen Hoffnungen neu belebt hatten. Dabei hatte trotz' aller Feindseligkeit ein geistiger Ideenaustausch zwischen Juden und Christen stattgefunden. Beweis dessen ist die »üt den Kreuzzügen auch unter den Juden erwachte Sehnsucht nach dem heiligen Lande, welche in Jehuda Halevi einen so poetischen Ausdruck gefunden hat und offenbar solche Dimensionen annahm, daß die orthodoxen französischen Rabbinen gegen diesen Zionismus protestirten. Ferner muffen die zahlreichen auf jüdische Leser berechneten Schriften in jüdische Kreise gedrungen sein, wie anderseits Maimonides' und Gabirols Werke unter den Scholastikern eifrige Benutzer fanden. Infolge dieser Berührung drang die Idee der Erlösung von büßenden Seelen durch Gebete und fromme Handlungen, welche, obwohl erst im tridentinischen Konzil«) dogmatisch festgestellt, doch schon während des ganzen Mittelalters die herrschende war, in das 'Judenthum ein. Allzu schwierig war es nicht, da auch die rabbinische Litteratur eine zeitliche Beschränkung der Höllenstrafen') kannte und die Sühnebedürftigkeit der Abgeschiedenen«) und die Uebertragbarkeit der Verdienste lehrte?) Die Verbindung dieser y Orchoth Chajim. -) Thorath Ha-adam in Tur Joreh Deah § 876. 3) Sutta Kap. 18, Zunz, Gottesd. Vortr. 119. 4) Jsak ben Scheschet Resp. 118. ■>) Tossafoth ad Kethuboth 110b. «)Sessio23. ') Toffephta Synh. 13,4, ed Zm. p. 434, s. auch Mischna, Synh. 10,3 —10. «) Siphre ad Deut. 21,8, ed. Frdm. 112 b.9) Aboth 5,2 und sonst häufig als ni2X fl»!- Vorstellung mit dem Kaddisch vollzog sich auf dieselbe Weise, auf welche unsere Kinder zu Chanukahgeschenken kamen, und endlich auf dieselbe Weise, wie die Saturnalien zum Geburtstage Christi erhoben wurden. Ursprünglich ist das Kaddischgebet wohl ein an die Predigt sich anschließendes Gebet um die Verwirklichung des messiauischen Reiches. Soviel wir nämlich sehen können, wurden mindestens seit der Hadrianischen Zeit der Predigt messianische Weissagungen zu Grunde gelegt?) Das erklärt uns die Sage, daß die Haphtara zu einer Zeit eingeführt worden sei, als die Vorlesung der Thora verboten war«) und stimmt ferner mit dem Umstande, daß die Segenssprüche nach Verlesung der Haphtara Bitten um die Wiederherstellung Jerusalems und des Davidischen Hauses enthalten. Die Predigt, der Schluß des Gottesdienstes, heißt daher auch „Nechamatha" Tröstung. An die Predigt schließt sich das Gebet um das Kommen des Gottesreiches an, welches das Christenthum schon vorgefunden hat?) Diesem Gebete wird große Wirkung zugeschrieben. Zur Zeit, wenn die Israeliten sich versammeln in Gebet- und Lehrhäusern und im Chorus sprechen: Gepriesen sei sein großer Name, da nickt Gott mit seinem Haupte und sagt: Heil dem Könige, dem man huldigt in seinem eigenen Hause. Was hilft's dem Vater, seine Kinder zu verstoßen? Wehe den Kindern, die verbannt sind von dem Tische ihres Vaters?) Der Zusammenhang lehrt ganz klar, daß hier von einem Gebete, welches der Predigt sich anschließt, die Rede ist, wie die Tossaphisten mit Hinweis auf eine andere Talmudstelle«) angeben. Allerdings kommt in diesen Stellen nur die wesentlichste Stelle des Gebetes, das KN' -p3i2 K2N N'2V vor, während die Bezeichnung „Kaddisch" sich erst in den gaonäischen Sammelwerken aus dein siebenten bis achten Jahrhundert findet?) Das ändert aber an der Thatsache nichts, daß diese Worte Theil eines Gebetes um die Aufrichtung des messiauischen Reiches sind. Ganz deutlich wird im Midrasch Mischle?) einem Sammelwerke aus dem 11. Jahrhundert«) gelehrt: Wenn Israel sich in den Synagogen und Lehrhäusern versammelt und eine Predigt von dem Munde des Rabbi anhört und hernach einstimmt mit den Worten: "pStt iO“l N'vV KN' jöK, da freut sich Gott und ist stolz auf seine Welt und sagt zu seinen Engeln: Kommt und sehet das Volk, das ich mir geschaffen habe in meiner Welt, sehet, wie sie mich preisen. Da hüllen ihn die Engel in Glanz und Herrlichkeit; darum heißt es in der Schrift: In der Menge des Volkes liegt der Ruhm des Königs. Somit sehen wir das Kadischgebet als eine Ergänzung der Predigt entstehen. Aus seinem Inhalt, der Bitte um Aufrichtung des messianischen Reiches, ergiebt sich, daß es mit einigen Zusätzen als Trostgebet nach Beerdigungen, wahrscheinlich auch nach einer Predigt, Verwendung findet, und endlich wird es im fremden Sinne ein Opfer zu Gunsten der Seelen, welche im Jenseits Strafen leiden müffen. Immerhin bleibt die Auferstehung der Todten der eigentlich leitende Gedanke, welcher besonders in der sephardischen Formel N'N'VÜ mp'l mp-is nia2f'1 seinen Ausdruck findet. 4. Die Reform und das messianische Dogma. Religionsphilosophie und Kabbala haben einander in der Zerstörung des herkömmlichen Messiasbildes in die Hände gearbeitet. Der Philosophie war die Messiashoffnung zu übernatürlich, und darum mußte sie in einen irdischen und einen hinimlischen Theil zerlegt werden; für die Kabbalisten war wiederum noch zu wenig ') Lucas 4, 16 f. Abudirrham f. 63 b., Eliah Levita sv- “lÖB- 3) Matth. 6, 9—10. 4) Berakoth 3a. 5 *) Sota 49a. «) Sopherim 10, 7. 7) Zunz, Gottesd. Vortr. 280. S. jedoch Buber in seiner Ausgabe dieses Midrasch S. 9. «) Midr. zu Spr. 14, 28. °! I; l

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