Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 19 (13.5.1898)
- Date
- 1898-05-13
- Page
- Seite 220 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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220 eine Anzahl von Glaubensgenossen als Kandidaten aufgestellt. Es sind 7, nämlich Raphael Bischoffsheim, der gewählt ist, M. Cremieux, Joseph Reinach, der mit 1205 gegen 3778 Stimmen durchgefallen ist, M. Klotz. Leon Cohn, Jean Javal und Elie May. Sowohl in Paris wie in der Hauptstadt des Departements, wo Joseph Reinach kandidirte, haben antisemitische Demonstrationen stattgefunden, und auch aus Algier liegen bedenkliche Nachrichten vor. Die „Libre Parole" jubelt: „Drumont von zwölfunter fünfzehntausend Wählern ausgerufen! Marcham und Morinaud mit großen Mehrheiten in Algerien gewählt! Charles Bernard in Bordeaux, Denis in Paris Sieger! Major Peffauds Wahl am 23, Mai gesichert — das sind unsere Triumphe, Dabei zählen wir die Hunderte von Abgeordneten der Rechten und Linken nicht mit, die in ihren Wahlreden ihren Antisemitismus betheuert haben." Die Zukunft ist also eine trübe in dem Lande, in dem das dreifach gefärbte Banner der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit weht. Die jüdische Legion in Amerika, welche das Reuterbüreau neulich in alle Welt hinaustelegraphirt hat, erscheint jeden Tag in einer anderen Gestalt. Die jüdischen Blätter in Amerika wissen aber noch gar nichts davon. Wahrscheinlich ist nur das Eine, daß Herr Nathan Strauß, ein bekannter Philanthrop, die Mittel zur Bildung einer Legion von 5000 Freiwilligen bewilligt hat. Dagegen benutzt die Presse in Spanien gerade diesen feierlichen Augenblick, um Judenhetze zu treiben und die jüdischen Bankiers, die ja gar nicht dort leben, wegen des Sinkens der Papiere gröblich anzugreifen. Auch die armen Juden aus Marokko, die sich jahraus jahrein in Spanien als Hausirer oder Handwerker (Schuh- und Kleiderflicker) fortbringen, haben jetzt dort viel zu leiden. Irgend eine antisemitische Zeitung hat das Märchen ausgesprengt, daß New-?)orker Börsenmatadore, die Juden sein sollen, und die in Washington großen Einfluß besitzen, zum Kriege mit Spanien drängen, und dieses Märchen wurde auch von einigen spanischen Blättern reproduzirt. So verbreitete sich in Spanien die Ansicht, daß amerikanische Juden die Schuld daran tragen, daß Amerika Spanien den Krieg erklärte. Die genannten marokkanischen Juden haben dadurch ungemein viel zu leiden. In dem jetzt so heiß umstrittenen Kuba leben übrigens nur wenige Juden, die meisten in der Hauptstadt Havana rmd der Rest in der Hafenstadt Matanzas. Sie sind theils aus den Vereinigten Staaten, theils aus der südwärts gelegenen und zu England gehörenden Insel Jamaika dahin gekommen. Kuba und Jamaika zeigen deutlich, welch ein Fluch für ein Land die religiöse Intoleranz ist, und wie schwer sich diese zu rächen pflegt. Während die Bewohner der elfteren Insel, die durchweg Katholiken und noch dazu recht fanatische sind, von ihrer streng katholischen Regierung nichts wissen wollen und sie aufs Lebhafteste bekämpfen, leben auf Jamaika, wo die Königin Victoria herrscht, Katholiken, Protestanten und Juden friedlich neben einander, und fast nie giebt es dort einen Aufstand, während er in Kuba nie aufhört. Zur Neligronsunterrichtsfrage. Von Dr. D. Leimdörfer in Hamburg. fie „Allgemeine Zeitung des Judenthums", die der Pflege der brennendsten Zeitfrage, des religiösen Unterrichts unserer Jugend, stets das Wort geredet, hat in der Nummer 17 die ihr von Herrn Profesior Dr. Tachau, Direktor der Samsonschule, einem trefflichen Pädagogen, zugegangenen 22 Leitsätze ihren Lesern vorgelegt und zugleich dem Gedanken Raum gegeben, daß ein reger Gedankenaustausch von Fachmännern die heilige Sache des Religionsunterrichts fördere. Ohne auf die speziell aufgeführten Unterrichtspläne, die sich doch erst nach der gründlichen Prüfung der Grundthesen im Allgemeinen diskutireu lasten, näher einzugehen, sei mir verstattet, de» ersten 6 Leitsätzen des Herrn Professor Dr. Tachau, die sich eben mit den allgemeinen Grundlagen des Unterrichts befassen, folgende 6 Leitsätze entgegenzustellen: 1. Der Religionslehrer ist nicht nur Lehrer, sondern zugleich Hanptpfleger des religiös-ethischen Bewußtseins. 2. Der Religionsunterricht ist außer Unterricht auch Erziehung zu religiös-sittlichem Judenthum. Mit dem Wissen soll das religiöse Gefühl befruchtet und der sittliche Wille bestimmt und gefestigt werden. 3. Der Lehrstoff umfaßt die Kenntniß der Religionsquellen, der Bibel, der Geschichte und Litteratur und der Kultur der Israeliten. 4. Den« systematisch geordneten Lehrstoff müssen die Quellen zu Grunde liegen. 5. Der objektiv zu behandelnde Lehrstoff muß mehr, als dies bei sonstigen Lehrgegenständen der Fall ist, eine die Psyche des Schülers wohlthuend beeinflussende Wärme und Begeisterung ausstrahlen, damit der lernende und erkennende Geist eins werde mit dem fühlenden und wollenden Ich zur Ausgestaltung einer in sich harmonischen ganzen Persönlichkeit in Beziehung auf die Religion. 0. Lehrmittel sind: die Heilige Schrift, das Gebetbuch, die auf Grund der Quellenforschung verfaßten Lehrbücher der jüdischen Geschichte und Litteratur und die Theilnahme am Kultus und an dem religiösen Leben der Gemeinde. Nur nach diesen Grundsätzen läßt sich nach meinem Dafürhalten ein Spezialplan für die Einzelheiten der Stoffvertheilung für die verschiedenen Klassen u. s. w. aufstellen. Der Unterschied meiner Grundthesen und der des Herrn Professor Dr. Tachau liegt darin, daß hier mit dem Unterricht das erzieherische Moment Hand in Hand geht. In einer Zeit, wo das Haus und die Familie viel weniger Religion und religiöse Gefühle pflanzen als in der Vorzeit, ist außer dem Gotteshause die Schule der Religion, mag sie für jüngere oder höheraltrige Schüler bestimmt sein, berufen, die religiös - ethische Seite mehr in den Vordergrund treten zu lassen. Der Zionismus und das mefsianifche Nogrna. Von Professor Dr. G. Deutsch in Cincinnati. 3. Das Gebet um die Verwirklichung der messianischen Verheißungen. Raddisch. fas Dogma von dem messianischen Zeitalter war schon zu tief in das Volksbewußtsein eingedrungen, als daß theologische oder Zweckmäßigkeitsgründe es hätten eliminiren können. Im Gegentheil trugen die Verfolgungen, welche das zur Staatsreligion gewordene Christenthum über die Mutterreligion brachte, dazu bei, das Vertrauen in ein goldenes Zeitalter der Zukunft zu stärken und diesen Glauben zum Mittelpunkt des religiösen Gefühlsausdruckes zu machen. Das zeigt sich am klarsten in dem Kaddisch-Gebete. Leider verfolgt uns auch hier das ewige Mißgeschick der rabbinischen Litteratur, der Mangel an gesicherter Ueberlieferung im Detail, so daß wir auf hypothetische Darstellung des geschichtlichen Entwickelungsganges angewiesen sind. iiiii