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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1898-05-13 · Heft 19 (13.5.1898) · p. Seite 219

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
62 (1898)
Issue
Heft 19 (13.5.1898)
Date
1898-05-13
Page
Seite 219 (sequence 3)
Language
German
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WWWWWWMWW m MWMWWWW m 219 lichm Schwächen zu bekämpfen, indem sie Charakter, Gesinnung und Gesittung bilden und den Geist warmherziger Nächstenliebe pflegen. Nur die Tüchtigkeit, die Ehrenhaftigkeit des Mannes soll in unserem öffentlichen Leben entscheiden, die Zugehörigkeit zu irgend einer Konfession soll Keinem zum Nachtheil gereichen. Wir wollen dagegen konfessionelle Angriffsorganisationen vom deutschen Boden fernhalten. In diesem Geiste schaaren wir uns um Kaiser und Reich, um zu erhalten und auszubauen, was der große und gute Kaiser und fein genialer Kanzler geschaffen haben." * Wenn man den großen Unterschied zwischen deutschem und österreichischem Parlamentarismus kennen lernen will, muß man die beiderseitigen Reichstagsverhandlungen über die Aufhebung der Getreidezölle mit einander vergleichen. Was da in Wien geleistet wurde, übersteigt einfach alle Begriffe. Man muß es lesen, um es zu glauben. Ein Sumpf von Gemeinheit und Rohheit wurde da aufgewühlt, und selbst noch beim Lesen überkommt einen ein Gefühl physischen Ekels vor diesem Treiben. Gleichwohl können wir unseren Lesern aber doch einen Auszug aus diesen Verhandlungen nicht ersparen. Derartiges muß konstatirt und historisch für kommende Tage festgelegt werden. Der Held des Tages war Herr Gregorig, einer der plötzlich emporgekommenen Retter des neuen Wien. Nachdem er gegen die jüdischen Richter die empörendsten Verdächtigungen ausgesprochen, fuhr er wörtlich also fort: Als ich im Vorjahre hier in einem Zwischenruf den Ruf nach Brod erschallen ließ, da ging ein Hohn durch die Judenpresse, und namentlich die Herren Sozialdemokraten waren es, welche sich über mich lustig gemacht haben. In allen Tonarten wurde der Mann lächerlich gemacht, der es wagte, nach Brod zu rufen und den Bedürfnissen des Volkes Ausdruck zu geben gegenüber einem so notorischen Judenschwindel wie die Sprachenfrage. Wer hat die Preissteigerung verursacht? Die Spekulanten, die Börse, der Terminhandel; also das Ganze ist nur ein Judenschwindel. Das Ganze hängt nur an der Börse, die Börse ist es, das Treiben des Judenthums an der Börse, welche das Volk ausbeutet. Den Juden ist es heute nicht mehr möglich, an der Effektenbörse ihre Säcke mit Goldfüchsen zu füllen. Jetzt gehen sie auf Seide, Spiritus, Mais und nunmehr auch auf das Brod. Abgeordneter Glöckner: Auch im Kunstdünger machen sie schon Kartelle. Abgeordneter Gregorig: Ich möchte gern sehen, daß alle Juden einmal in Kunstdünger vermahlen werden. (Heiterkeit bei den Christlich- Sozialen.) Wenn die Zölle aufgehoben werden, werden nur die Juden davon einen Profit haben. Um zur Brodfrage zurückzukommen, möchte ich nur erklären, daß ich von der Zollermäßigung nicht das Geringste erwarte, wenn die Regierung nicht daran geht, der Unverschämtheit des Judenthums im Handel zu steuern. Wenn Sie hergehen und hängen 3000 Börsenjuden aus, dann ist das Getreide morgen billiger. Thun Sie das, das ist das einzige Mittel. (Lebhafte, andauernde Heiterkeit bei den Christlich-Sozialen.) Glücklicherweise fand sich diesmal ein jüdischer Abgeordneter, der nach dem Grundsatz von dem groben Keil auf den groben Klotz und getreu dem deutschen Sprichwort von den „anderthalben Schelmen" Herrn Gregorig tüchtig abfertigte. Aber die ganze Debatte ist zu charakteristisch, um nicht wörtlich mit allen Zwischenrufen abgedruckt zu werden. Abgeordneter Tittinger (Freie deutsche Vereinigung): In einer Rede, welche ebenso wie die eben gehörte durch Ton und Inhalt jedem unbefangenen Zuhörer die Schamröthe in die Wangen treiben mußte (Zustimmung links, Gelächter bei den Christlich-Sozialen), ein Kollege der Abgeordneten Gregorig und Scheicher genannt werden zu müssen (Gelächter bei den Christlich-Sozialen), hat es Herrn Gregorig beliebt, gegen einen Theil des österreichischen Richterstandes, welcher dem Staate treu, redlich, aufopfernd und zum Theil auch mit ausgezeichnetem Erfolge dient, nur wegen seiner Konfession Anwürfe zu schleudern, welche um so seiger und erbärmlicher sind (Beifall links. Stürmische Unterbrechungen Seitens der Christlich-Sozialen). Abgeordneter Dr. Geßmann: Nicht so frech sein, Jude! Abgeordneter Bielohlawek: Das traut er sich unter dem Schutze der Immunität! Abgeordneter Gregorig: Er liest ja herunter! Er soll frei sprechen! Er muß frei sprechen! (Großer Lärm.) Der Präsident giebt das Glockenzeichen. Abgeordneter Tittinger: Ich lese gar nicht herunter. Das geht Sie übrigens gar nichts an. Abgeordneter Gregorig: Das Gesetz sagt, man muß frei reden. So ein Pinkeljud! (Andauernder Lärm.) Abgeordneter Tittinger (fortfahrend): Anwürfe zu schleudern, welche um so seiger und erbärmlicher sind, als die Angegriffenen sich hier nicht vertheidigen können, 'und der Verleumder keine Thatsachen, sondern nur allgemeine Behauptungen angeführt hat. Der Abgeordnete Gregorig sagte unter anderem: „Wir haben heute das Unglück, daß eine Unmasse Richter Juden sind." Abgeordneter Gregorig: Richtig! Abgeordneter Tittinger: „Der Jude giebt Mittheilungen an seine Konnationalen heraus. Lesen Sie irgend einen Bericht über eine Gerichtsverhandlung, so weiß der Jude schon längst, was den nächsten Tag geschieht." Abgeordneter Gregorig: Das ist ja eine Thatsache! Abgeordneter Tittinger: „Wenn ein Minister einen Akt unterschreibt — und es sollte doch Amtsgeheimniß herrschen — morgen bringen die jüdischen Zeitungen Nachrichten davon u. s. w." (Rufe bei den Christlich-Sozialen: Das ist ja alles wahr!) Es werden also klipp und klar den jüdischen Richtern in Bausch und Bogen Bruch des Diensteides, Verletzung des Amtsgeheimnisses, kurz die infamsten Handlungen vorgeworfen, welche es überhaupt für einen Staatsbeamten geben kann. Abgeordneter Gregorig: Wir wollen keine jüdischen Staatsbeamten! Abgeordneter Tittinger: So lange der Abgeordnete Gregorig keine konkreten Thatsachen anzuführen vermag, so lange er nicht diejenigen Fälle namhaft macht, welche diese Behauptungen thatsächlich beweisen, erkläre ich die Behauptungen, die der Abgeordnete Gregorig gemacht hat, als infame Lügen und Verdächtigungen und mithin den Abgeordneten Gregorig als einen gewissenlosen Ehrabsch neider, Lügner und Verleumder! Abgeordneter Gregorig: Es giebt in Oesterreich nichts Anderes, als die Juden austreiben. So lange das Gesindel bei uns ist, ist es ein Unglück, dieses Gaunervolk! (Lärm.) Solche Dinge sind heute wirklich nur in Oesterreich noch möglich. * Eine traurige Perspektive eröffnet der Ausfall der Wahlen in Frankreich. Unter den Kandidaten befanden sich vier ausgesprochene Antisemiten, während etwa ein halbes Dutzend antisemitischer Kandidaten andere Parteibezeichnnngen vorzog und sich christlich-sozial, national oder revisionistisch-national nannte. Von diesen ist Drumont in Algier mit 11000 Stimmen gegen 2300 des bisherigen, übrigens gleichfalls antisemitischen Abgeordneten Samary gewählt. Sein eifrigster Genosse, Georges Thi^baud, wird im zweiten Wahlgang sicher siegen, ebenso sind Paul DerouUrde und G. Castelin gewählt. Der Antisemitismus und Boulangismus ist gewaltig erstarkt, was nicht nur durch das Erscheinen von Drumont, DeroMde und voraussichtlich Thi^baud in der Kammer zum Ausdruck kommt, sondern auch durch die Zahl der rein antisemitischen Bewerber, die zwar nicht gewählt wurden, doch theilweise tausende Stimmen erhielten (so der wüthende Judenfresser und Monarchist Graf de Ponteves-Desahran im wildesten Umsturzviertel in Belleville 3227), und durch beu Ton der Wahlreden und Programme auch der sogenannten fortschrittlichen und gemäßigten Regierungsrepublikaner, die fast überall nöthig befunden hatten, eine Redensart über die Kosmopoliten, die Vaterlandslosen, die Verräther einfließen zu lassen. Trotz der ungünstigen Stimmung wurde noch j i I 3* |!t ü i

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