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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1898-05-13 · Heft 19 (13.5.1898) · p. Seite 218

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
62 (1898)
Issue
Heft 19 (13.5.1898)
Date
1898-05-13
Page
Seite 218 (sequence 2)
Language
German
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218 lief) die Lust. Die von der Alliance subventionirten Schulen haben gegenwärtig 20 739 Schüler und Schülerinnen, darunter auch einige Christen lind Muhamedaner. Der Stolz der Alliance bleibt, wie früher, die Ackerbauschule in Jaffa, die unter der ebenso fähigen wie energischen Leitung des Direktor Niego glänzende Resultate liefert. Sie zählt gegenwärtig eine Bevölkerung von 248 Seelen, worunter 64 jüdische Arbeiter sind, die die großen Erweiterungsbauten ausführen. Schüler sind zur Zeit 147, doch wird diese Ziffer immer noch weiter gesteigert werden. Die Bewirthschaftuug des zu der Schule gehörigen Gutes gab einen Ueberschuß von 19 711,40 Francs, der die Kosten der Schule wesentlich vermindert. Durch die neuen Bauten wird die Zahl der aufzunehmenden Schüler allmülig bis auf 250 gesteigert werden. In der zweiten Ackerbauschule der Alliance, in Djedeida, die ja erst seit wenigen Jahren existirt, sind die Resultate weniger bedeutend, versprechen aber auch für die Zukunft die größten Erfolge. Wir vermiffen nur Eines in diesem Bericht, was in vergangenen Jahren einen besonderen Ruhmestitel der Alliance bildete. Während sonst häufig die französischen Diplomaten auf Ansuchen der Alliance zu Gunsten der verfolgten Juden in den wilden Ländern des Orients, Marokko, Persien rc. einschritten, ist dies in den letzten Jahren fast ganz unterblieben. Nur zwei derartige Schritte weist der letzte Jahresbericht auf, obwohl man kaum behaupten wird, daß die Verhältnisse beffer geworden seien. Auch sind in London viel mehr derartiger Bemühungen geniacht worden, um die Intervention der englischen Gesandten anzurufen. Sind an und für sich die regelmäßigen Jahresbeiträge der Alliance schon nicht von entscheidender Bedeutung, da sie nur 20 pCt. der wirklichen Einnahmen bilden, so gilt dasselbe in verstärktem Maße von den Beiträgen aus Deutschland. Nicht mehr als ca. 37000 Mark sind aus unserem Vaterlande an die Alliance gesandt worden, und selbst dabei ist noch ein erheblicher Betrag, der für diverse andere Zwecke bestimmt war, und für den die Alliance nur den Bankier spielte. Das ist kläglich wenig und zeugt von geringem Jntereffe für die Ausgaben der Alliance und die Verpflichtungen gegen unsere Glaubensgenossen im Orient. Man muß allerdings, wenn man gerecht sein will, auch zugeben, daß sehr viele und leistungsfähige Kreise von der Mitarbeit an diesen Bestrebungen sich fern halten, weil sie ebenso, wie dies z. B. in England geschehen ist, eine selbstständige Konstituirung eines der Alliance ähnlichen Vereins in Deutschland wünschen. Man hat dies in London und in Wien gethan, und der Bericht der Israelitischen Allianz in Wien ist ein Beweis, daß man auch mit kleinen Summen viel Gutes stiften kann. Wer die Wirksamkeit dieser Organisation in den 25 Jahren ihres Bestehens überblickt, der findet freilich keine derartige Leistungen, wie die Alliance israelite universelle auf dem Gebiete des Schulwesens anfweisen kann, aber er findet viele Momente, in denen ihr Vorhandensein ein Glück für die ganze Judenheit war. Es sei nur an die segensreiche Thätigkeit in den Jahren 1881 und 1882 erinnert. Leider ist diese Organisation jetzt etwas in den Hintergrund getreten und findet zudem nur geringe Unterstützung. Es wäre sehr zu wünschen, daß ein neuer belebender Hauch sie durchwehen möchte. Wir Juden haben allen Grund, darauf stolz zu sein, daß wir Organisationen besitzen wie die beiden Allianzen und die Anglo Jewish Association, die von hohen Gesichtspunkten aus bemüht sind, die Hebung unserer Glaubensgenoffen im Orient kulturell und wirthschaftlich zu bewirken. Wir sollten es nun auch nicht an der nöthigen Unterstützung fehlen laffen. „y Berlin, 10. Mai. je Parteien haben nunmehr ihre Wahlaufrufe veröffentlicht. Vom Antisemitismus oder von der Bekämpfung desselben ist in keinem die Rede. Aber zwischen den Zeilen kann man hüben und drüben manches lesen, was sich darauf bezieht. Auch der Wahlkampf hat bereits begonnen, seltsame Blasen aufzuwerfen. In Offenburg in Baden stellen die Nationalliberalen einen notorischen Antisemiten auf. In Danzig hat der Direktor des Verwaltungsgerichts eine Wahlrede gehalten, die selbst den Protest seiner eigenen Parteigenossen hervorgerufen hat. Aus den Aeußerungen dieses Herrn — Blümke ist sein Name — verdient Einiges hervorgehoben zu werden: Er halte nicht die Sozialdemokratie, sondern die Juden für den größten Feind der Deutschen. Die Sozialdemokratie sei ja auch weiter nichts als eine jüdische Schöpfung. Er sei überzeugt, daß man sich mit den Sozialdemokraten, die ja auch Deutsche seien, werde verständigen können, sobald sie von den Juden befreit seien. Er möchte in dem Wahlaufruf eine prononzirte Stellungnahme der konservativen Partei in der Judenfrage enthalten wissen. Gegen die Verschlechterung der Wirthschaftsverhältnisse durch das jüdische Großkapital scheue er sich nicht, Ausnahmegesetze zu fordern. Er habe mit Schrecken neulich gelesen, daß in Berlin 140 000 Juden lebten; ob dieser Berliner Schmutz und die jüdische Presse weiter regieren solle, das sei die springende Frage. „Die Juden sind uns Deutschen zu Dank verpflichtet. Sie sehen, wie sie uns diesen Dank abstatten. Ich habe 1870 keinen Juden gesehen, der in unseren Reihen gefochten hätte, ich glaube auch nicht, daß einer dabei war. Die Juden sind, das können sie in der Bibel lesen, von jeher keine tapferen Leute gewesen. Als erstes Ausnahmegesetz fordere ich das Verbot der Einwanderung ausländischer Juden." Darauf erklärte nun aber General v. Reibnitz, er könne dem Vorredner im Allgemeinen nur beistimmen, er sei wahrlich auch kein Freund der Juden. „Wir sind aber vor allem eine konservative Partei und keine antisemitische. Ich kenne sehr viele sehr ehrenwerthe Juden. Daß die Juden feig sind, kann man auch nicht sagen. Ich war lange Soldat und kenne Juden, die das Eiserne Kreuz sich 1870 erworben haben. Ich bin dafür, daß die Juden, die sich Uebergriffe erlauben, auf ihren deutschen Bürgerstandpunkt zurückgeführt werden, aber vor allem bin ich der Meinung, daß wir eine gewisse Vorsicht beim Wahlaufruf beobachten müssen." Auch der Polizeipräsident von Danzig und der Kandidat selbst, der Landgerichtsdirektor Schulz, sprachen sich in gleichem Sinne für eine „Beschränkung des jüdischen Uebergewichts" aus, obwohl sie feine Antisemiten seien. Vor allem möchten die Konservativen im Lande die „antisemitische Gesinnung" nicht ins Wahlprogramm aufnehmen. Wir glauben ihnen das gern. Wohlthuend wirkt dagegen der Aufruf zu den Wahlen, den die „Kölnische Zeitung" im Sinne der letzten Kaiser-Rede an das deutsche Volk richtet. Die deherzigenswerthen Ausführungen schließen mit folgendem Appell: „Wir glauben, daß sich die Menschen nur dann als Söhne eines Volkes vertragen, wenn sie ihre Anschauung wechselseitig kennen und verstehen lernen. Wir beanspruchen für jedes Geschlecht der Menschen das Recht, mit den höchsten Problemen der Menschheit zu ringen und die Weltanschauung immer wieder mit den gesicherten Ergebnissen der Forschung in Einklang zu bringen. Denn wir wissen, daß die Vernunft die Verirrungen, denen sie sich zeitweilig hingiebt, immer wieder selbst berichtigen wird. Wir werden also die deutsche Geistesfreiheit gegen jede Anfechtung eines unduldsamen Fanatismus vertheidigen. Die großen Konfessionen aber, der Katholizismus, der Protestantismus, das Judenthum, haben die hohe Aufgabe, in edlem Wetteifer die menfch-

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