Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 19 (13.5.1898)
- Date
- 1898-05-13
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Berlin. 13. Mai 1898 62. Jahrgang. Ar. 19. Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: Durch Buchhandel, Post oder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen Vierteljahr!. 3 M. Redacterrrr Guftav Karpeles. , Begründet von Rabbiner Dr Ludwig PHUippson-Konn. Verlags-Expedition: Gerlin, Lerusalemerstr. 48/49. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judenthums", Berlin SW., Jerusalemer Straße 48/49 zu richten. Verlag von Rudolf Mosse, Berlin. Leitartikel r Zwei Allianzen. — Die Woche. — Zur Religionsunterrichlsfrage. Von Dr. D. Leimdörfer. — Der Zionismus und das messianische Dogma. Von Prof. Dr. G. Deutsch. — Von den Quellen der jüdischen Sittenlehre. X. Von Prof. Dr. M. Lazarus. — Aus dem Tagebuche eines Weltreisenden. Von Dr. Adolph Kohut. — Feuilleton: Der Narr. Erzählung von Ida Oppenheim. (Forts.) — Litterarische Mittheilrmgen. — Sprechsaal. Der Gemeindebote. Korrespondenzen und Nachrichten: Berlin, Aus Weftpreußen, Dirschau, Gumbinnen, Lissa i. P., Königsdorff-Jastrzemb, Altena i. Wests., Köln, Neuß, Wien, Gothenburg. — Von Nah und Fern. — Miseellen. - Geschäftliche Notizen. Zwei Allianzen. «Berlin, 11. Mai. or uns liegen zwei werthvolle Berichte, der Jahresbericht von 1897 der Alliance israelite universelle in Paris und der Jahresbericht der Israelitischen Allianz in Wien, der, weil er der 25. ist, mit einem Rückblick auf die Thätigkeit dieses Vereins in den verflossenen 25 Jahren verbunden ist. Die Allianz in Wien verschwindet neben ihrer älteren, größeren Schwester fast vollständig, und das wird Niemand Wunder nehmen, der die Ziffern, vergleicht. Jndeß hat auch diese Gesellschaft namentlich bei den russischen Ausweisungen, bei den Unruhen in Rumänien und für die Schulen in Galizien Hervorragendes geleistet. Die Alliance israelite universelle veröffentlicht einen Kassenbericht, der an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig läßt. Die Einnahmen betrugen: ordentliche Francs außerordentliche Francs Jahresbeiträge ... 167 280,07 Subvention der Badiverse Geschenke . . 11273,44 ronin Hirsch . . . 357775,47 Zinsen. 36 039,92 Subvention der Jewish Zinsen derHirsch-Stif- Colonisation Assotung. 50 692,— diverse Subventionen für die Schulen. . 43 450,15 Kapitalbeiträge (Einmalige, um die lebenslängliche Mitgliedschaft zu erwerben) . . . . 13 661,80 322 397,38 ciation. 140 000,— 497 775,47 _.322 397,38 820172,85 Wie man sieht, ist die Haupteinnahme keineswegs die ziemlich konstant bleibende aus den Jahreseinnahmen,' sondern die aus besonderen Subventionen bestehende und folglich schwankende. Die Gesammtsumme bleibt aber höchst bedeutend und ermöglicht daher der Alliance eine ungemein ausgedehnte Thätigkeit, wie die Ausgaben sofort beweisen. Borbereitungsschule für Knaben ... . . 89 319,05 Francs Borbereitungsschule für Mädchen . . . . . 22 634,85 „ Volksschulen für Knaben und Mädchen . . . 403 384,45 „ Ackerbauschule in Jaffa. 118 754,80 Francs „ in Djedeida. 117 204,35 „ Handwerkerschule in Jerusalem. 96136,96 „ Subvention in Ahlem .. 1012,05 Lehrlingswerk. .. 75 589,95 „ Diverse Subventionen.17 811,15 „ Büreau, Druckrc. Unkosten . . . ... . 83790,27 „ Bibliothek. 3 204,45 „ 1028 842,03 Francs Die Ausgaben haben also noch die Einnahmen weit überstiegen, trotz der großen Subventionen. Aber ein anderes geht mit voller Deutlichkeit aus diesen Riesenziffern hervor. Die Alliance ist ein Schulverein im stärksten Sinne des Wortes geworden. Von den Generalunkosten abgesehen, fließen den Schulen rund 923 000 Francs, den sämmtlichen übrigen Aufgaben, den geistigen, der Förderung der Litteratur rc. mit einbegriffen, nur rund 18 000 Francs, d. h. kaum 2 pCt., zu. Unsere Antisemiten würden gut thun, diesen Bericht sich näher anzusehen; die großen Ausgaben für das gesammte Schulwesen sind Schule für Schule, Francs für Francs, nachgewiesen, mit besonderer Exaktheit nachgewiesen, und nirgends bleibt ihnen eine Lücke, wo sie ansetzen können. Freilich ist es thöricht, von gutem Willen bei diesen Leuten reden zu wollen, aber mancher unbefangene Christ fragt sich doch vielleicht, wenn er diese Ziffern sieht, wo bleibt das Märchen von dem ungeheuren Einfluß der Alliance israelite universelle, die nichts weiter ist als ein Schulverein, der mit großem Erfolge und großen Mitteln bestrebt ist, die Bildung seiner Glaubensgenoffen, die allgemeine sowohl wie die gewerbliche, zu fördern. Wir dürfen auf diese Leistungen stolz sein, wenn wir auch vielleicht manche Einzelheit anders wünschten. Ein ausgezeichnetes Prinzip der Alliance ist es, daß sie überall bestrebt ist, die eigene Initiative der Juden zu heben. Sie erhält die Mehrzahl der 90 Schulen, die unter ihrer Leitung stehen, nicht selbst, sondern subventionirt sie nur, so daß sie von den Gesammtkosten nur die Hälfte zu tragen hat. Dennoch unterstehen alle diese Schulen ihrem maßgebenden Einfluß, und der Lehrplan muß so festgesetzt und gehandhabt werden, wie in Paris bestimmt wurde. Dabei sind Reibereien freilich unausbleiblich, und cs ist ein Zeichen von Geschick seitens des Lehrerstabes, daß Klagen über die Leitung der Allianceschulen, respektive über ihren Lehrplan, verhältnißmäßig selten Vorkommen. Am häufigsten hört man wohl noch die Klage, daß die Alliance die immer zahlreicher in den Orient einwandernden russisch-polnischen Juden gegenüber den einheimischen spagnolischen vernachlässige. Die Klage mag nicht ungerecht sein, doch muß man auch erwägen, daß die Alliance beiden Theilen nur gerecht werden kann, wenn sie eine Menge neuer Schulen mit deutscher Unterrichtssprache errichtete, und dazu fehlen sowohl die Mittel wie auch wahrschein-