Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 2 (1838)
- Issue
- Heft 21 (17.2.1838)
- Date
- 1838-02-17
- Page
- Seite 83 (sequence 3)
- Language
- German
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83 und fade, so geht die Einheit seines Lebens unrettbar verloren: wie ein mastloses Schiff schwankt er von Granada nach Toskana, von Frankreich nach England, sucht überall den verlornen Groschen, und findet ihn nicht. Nur als dritte mächtige Erscheinung neben Bibel und Griechen, zwischen diesen beiden einem ewigen Anziehen und Abstoßen hingegeben, kann ich sie betrachten und verstehen.— Insbesondere aber, Ludolf, mußt du wissen, daß wir Juden selbst noch mitten im Alterthum stecken, und die Eigenthümlichkeit des letztem noch gar nicht so abgestreift haben, als es die Annahme des äußern Firniß scheinen lässt. Wir können uns daher noch lange nicht genug den Neuern assimiliren, daher denn die neuern jüdischen Autoren, ein Börne, ein Heine, gar dkeZerrissenheit selbst sind, da sie sich von ihrem Mutterboden losgerissen, und ihr Schifflein in ein fremdes Element hineingezwungen haben." Ludolf schwieg; er wußte dem nichts zu entgegnen. Da endigte nach einer kleinen Pause Jonathan feine Rede mit den Worten: „Und nun, Freund, wenn ich dem Gesagten endlich hinzufüge, daß die Freude, die ich meinem alten Vater durch die Erneuerung dieses Studiums mache, nicht wenig dazu beitrage, mich zu demselben zu bestimmen, wirst du dann ganz zufrieden gestellt seist?" „Haft," fuhr hier Ludolf mit Hitze auf, „da fallt mir eben das wieder ein, wovon ich erst schon gesprochen, und was mich nicht wenig um dich besorgt macht. Gut, ich will dir glauben, daß du in deiner Bibel all das findest, was du sonst überall vermissest, daß die curiosen Quadratchen und Hatbkreischen mit ihrenStengetn und Stistcben im Stande seien, dir das Rathsel des Lebens zu lösen, wozu dich aber von Neuem in die Gespinnste des Talmud, in die Selbstqualereren der Rabbinen, in die Salbadereien der Commentatoren verlieren? Jonathan, fürchtest du' nicht, daß das edle Blut, welches'durch dein großes Herz strömt, verstocken und verbleichen wird, daß du aus den Irrgänger: dieser lichtlosen Höhlen dich nicht wieder heraussinden wirst — Jonathan, wenn ich einst erleben müßte, daß dein geschwächtes und erblindetes Auge nicht mehr das Licht ertragen könnte, das jetzt wie ein volles Morgenroth hineinströmt — ich könnte aus bloser Befürchtung heimlich in dein Zimmer kommen, und alle diese Folianten verbrennen. Jonathan, was soll dein glattes Kinn auf Büchern, über die sich sonst nur große, schattige Barte niederbeugten? Der Angeredete beendigte seinen Spaziergang durch's Zimmer, blieb am Tische stehen, strich sich die schwarzen Locken aus der Stirn, und setzte sich dann ruhig zu seinem ängstlich lauschenden Freunde aufs Sopha nieder. (Fortsetzung folgt.) Literarischer Salon. (Fortsetzung.) „Welchem Lande jener Zeit kann man Spanien vergleichen unter Abderama (912), dem schönsten, liebenswürdigsten und geistreichsten der Khalifen; Spanien mit seinen siebzig Bibliotheken, seinen siebzehn Universitäten, seinen sechs Hauptstädten, seinen achtzig großen, dreihundert Mittelstädten und seinen unzähligen Dörfern — 12,000 allein am Guadalquivir! Cordova mit seinen 600 Moscheen, seinen 50 Hospitälern, seinen 80 Schulen und seinen 900 öffentlichen Bädern. In dieser glänzenden und frühreifen Civilisation machen die Juden den Arabern die Palme der Theologie, der Jurisprudenz, derMedicin und der Dichtkunst streitig" Asch buch, Geschichte der Muselmanen in Spanien. — Urtheit eines Freundes über dieSprache des Talmuds. Die Sprache, in der die Talmudö geschrieben sind, ist an und für sich, wenn wir von ihrem buntwimmelnden Gemengsel absehen; durchsichtig in ihren Ctymen, bildsam in ihrem Wurzelschatze, malerisch in ihren Bezeichnungen, reich an scharfen Nuancen, mehr sinnlich, als abstract, mehr concentrisch, als weitschweifig. Diese Eigenschaften hat sie als Sprache; sie sind ihr nicht erst mühsam angebildet, sind nicht künstlerisch benutzt und gesteigert worden. Die Sprache der Talmude ist weder eine Sprache formulirter Wissenschaft, noch eine Sprache abstracter Philosophie, noch eine Sprache fantastischer Dichtkunst, sie ist nicht durch stylistischc oder rednerische Uebungen zu den Vorzügen gelangt, die sie besitzt, sie ist jene Sprache des Lebens und des Umganges, die schon zur Zeit Christi rheils auf den Markten deS Volkes, tbeils in den engem Kreisen der Gelehrten gesprochen wurde und über Palästina und Babylonien verbreitet war. Das Misch-Idiom der Talmude ist eine Sprache des Lebens von ungewöhnlicher Gelenkigkeit, Präcision und Bildsamkeit; es steht aber fest, daß in der talmudifchen Zeit weder eine wissenschaftliche noch eine belletristische Richtung vorhanden war, obgleich es an Material zur Svstematisirung, an Fantasie zur Dichtung, an Sprachst higkeit zu dichterischer Darstellung nicht fehlte. In den Talmuden spricht sich oft die aufmerksamste, feinste Naturbeobachtung aus. Die Ergebnisse der Beobachtung sind in einer natürlich poetischen Sprache niedergelegt. Wir begegnen in den Steppen des minutiösesten ScholasticismuS den schönsten Bezeichnungen natürlicher Wahrnehmungen, und diese Bezeichnungen sind nichts weniger, als poetische Floskeln, sondern feste gesetzwissenschaftliche Termen. Ich stelle nur einige wenige der Ausdrücke, die auf denjWechsel deS Tages und der Nacht sich beziehen, hier zusammen: *nnun die Gazelle der Morgenröthe; nnty *onp, dasStrahlengeweih der Hindinn der Morgenröthe; Amud lia Schachar, die emporstebende Säule des Morgenroths; vyiön, die Wimpern deS Frühroths (s. Aruk); mt» D*>nNn, das Angesicht des Morgenhimmels röthet sich; nntö *vusrn, das Angesicht des ganzen Ostens flammet; die ersten Morgenstrahlen blitzen; rras nenn nivn, das Aufsproffen der Säule der Sonne; fjoSi jioS v^ra .ran-bttf nan, die"Säule deS Sonnenaufgangs zerspaltet ihre Strahlen; rann y:j, das Aufknospen der Sonne; ran rairan, die Purpurgluthen der Sonne nach ihrem Aufknospen oder Aufblühen, der Entfaltung einer Granatblüthe verglichen; rann yi22, das Leuchten,Funkeln der Sonne; wraun hnn^T, die stechenden Sonnenstrahlen aus umwölktem Himmel; rav« *»Sn**, die Sonne steht im Zenith (nach Einigen); daS Sonnenstäubchen; pnnttfN, die Seitenwände der Mauern sind dunkelschattig, wenn die Strahlensäule der Sonne senkrecht niedersteigt; nn^u, der sonnige Mittag; das Versinken der Sonne unter dem Gesichtskreis; rann das Untertauchen der Sonne; mtrau/n JO, die Zeit der scheidenden