Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 18 (6.5.1898)
- Date
- 1898-05-06
- Page
- Seite 215 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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215 Sie sprach wenig, aber ihre Ällgen erzählten dem Vater, der an ihrem Lager saß, so viel Liebes und Gutes, daß der arme ge° beugte Mann von Neuem Muth schöpfte und dankbar Gottes Gnade pries, die ihm die Genesung seines Lieblings gewährt hatte. Alle in der Gasse versuchten, Lea eine Freude zu bereiten. Man hegte und pflegte sie sorgsam, und nach Wochen ging sie wieder still und lautlos durch die düsteren Räume ihres Vaterhauses und versuchte, ihre kleinen Pflichten wieder aufzunehmen. Ein sonderbares Gefühl peinigte sie, worüber sie mit Niemand sprach. Ein stechender Schmerz in der Brust, der sich oft wiederholte, ängstigte sie. Sie litt still, und je mehr sie Schmerzen zu ertragen hatte, desto mehr war sie bemüht, dieselben zu verbergen, desto liebevoller und hilfreicher war sie im Verkehr mit den Ihren. Am Tage schaffte sie, oft bebten ihre Füße vor Schwäche, oft zitterten die feuchtkalten Hände, aber ihr Wille blieb stark. Sie rang mit dem Feind, der ihren blühenden Leib zu vernichten drohte, sie hoffte, ihn zu bezwingen. Wie war es doch so seltsam! Wenn die Nacht kam und die Müdigkeit ihr die Lider schloß, und sie ihr Lager aufsuchte, dann glühte der Kopf, und eiskalt rann es ihr durch die Adern. Bebend vor Angst, fragte sie sich, wann wohl diese Qualen enden würden. In den langen, bangen Wochen, hatte es Nathan ruhelos hinlind Hergetrieben. Er hatte keine Lust zur Arbeit. Stand er am Brunnen und senkte den Eimer in die Tiefe, dann konnte er oft lange, lange Zeit gedankenlos vor sich Hinstarren, ohne diesen gefüllt wieder zu heben. Er erfüllte seine Pflichten nicht, und überall wurde er ausgezankt, gehänselt, geneckt und verspottet. Er ließ alles über sich ergehen. Er sprach mit Niemand. Fragte ihn Einer nach dem schrecklichen Geschehniß, versuchte man, ihn auszuforschen, dann ballte er die Fäuste und blickte so wild um sich, daß die Leute sich fürchteten und ihn in Frieden ließen. „Er allein hat Schuld an dem Unglück," so sagten sie alle. „Er hat Lea aufgehalten, sonst wäre sie gar nicht dem Grafen begegnet!" „Wer weiß, welche Posten der Narr im Sinne hatte," meinten Einige, „als er Lea an den Bach gelockt?!" Oft schlich Nathan um das Haus des Rabbi. Er sah durch die kleinen vergitterten Fenster hinein in die dunkle Wohnstube und beobachtete Lea, wie sie so still und emsig arbeitete. Er sah, wie die Wangen des Mädchens so bleich wurden und so schmal und durchsichtig die kleinen Hände. Oft begegnete sie seinen starren Blicken, dann nickte sie ihin freundlich zu und richtete einige Fragen an ihn. Seine Antworten waren wirr und unzusammenhängend. Der sonst so starke Bursche, der nie verlegen gewesen, wurde fcuerroth, wenn das Mädchen mit ihm sprach. Ost blieb er ihr eine Antwort schuldig und lief davon, um nach kurzer Zeit wieder ums Haus zu schleichen und nach Lea zu schauen, sie heimlich zu beobachten. Das Mädchen wunderte sich dann über sein seltsames Verhalten. Sie hatte so viel mit sich selbst zu thun. Ihr körperliches Leiden machte sich immer mehr fühlbar, und ihre Kräfte schwanden. Wie schwer wurde es ihr, den: Vater ein freundliches Gesicht zu zeigen, seine Sorgen, die er um ihretwillen hatte, zu verscheuchen und ihn fort und fort über ihren Zustand zu täuschen! Ein strenger Winter zog ins Land. Verschneit lag das kleine Städtchen, von jedem Verkehr getrennt. Einsam, still, licht- und freudlos zogen die Tage dahin. Unter n endlichen Schwierigkeiten gingen die armen Juden am Sonntag in die nahen Dörfer, um ihre Waare anzubieten, und bange harrten die Weiber und Kinder daheim ihrer Rückkunft am Freitag Nachmittag. Geringen Erlös nur brachten sie heim. Wie oft wurde ihnen von den rohen Knechten des Grafen aufgelauert! Ein kleiner Wortwechsel gab Anlaß zum Streit. Mißhandelt, ihrer Habe beraubt, wurden sie mit Schmähungen heimgeschickt, nachdem sie schon am Stadtthor ihren Leibzoll entrichtet hatten. Wenn die Unglücklichen dann nach allen Mühen und Gefahren, nach allen erlittenen Entbehrungen endlich doch in ihr stilles, bescheiden dürftiges Heim traten, dann empfingen sie Liebe und Innigkeit. Warm und hell strahlten ihnen die Sabbathkerzen entgegnt. Die fleißige Hausfrau hatte die ganze Woche geschafft und gesorgt mit den Kindern, um den Sabbath festlich begehen zu können. Draußen starrendes Eis, fußhoher Schnee und grimmige Kälte, drinnen sonnige Wärme und Behaglichkeit. Liebe und Eintracht verklärten das Heim des armen, mißhandelten Juden. Draußen, auf der großen Heerstraße des Lebens, da wurde er gedemüthigt, getreten, verfolgt. In seinem Hause war et Herrscher, geliebt von den Seinen mit Ehrfurcht und Achtung. Da vergaß er für kurze Zeit sein Elend und gab sich ganz der Ruhe und dem Wohlbehagen hin. Sorgen und Noth standen wohl immer am häuslichen Herde, über bescheidenes Genügen und Bedürfnißlosigkeit söhnten ihn mit seinem herben Loos aus. Wenn er um sich schaute und seine Lieben bei einander sah, dann fühlte er sich wohl und glücklich. Breiteten die Abendschatten sich über die Erde, dann nahm das schlichte Gotteshaus die aufrichtige Schaar der Getreuen auf. Im gemeinsamen, innigen Gebet zum Allvater fanden sie Muth und Kraft für die kommenden schweren Tage, die ihrer harrten. Im Hause des Rabbi war der Freitag Abend besonders feierlich. Die Schüler schaarten sich um den Meister. Mancher Fremdling, auf langer, mühevoller Wanderung begriffen, fand in dem gastlichen Heim des Seelsorgers ein freundliches Willkommen. Die Mitglieder der Gemeinde suchten den Lehrer auf, da sie in der Woche nicht daheim waren. Man erzählte seine Erlebniffe, man fragte Verschiedenes und ließ sich belehren. Manch' ernstes Wort, manch' heiterer Scherz wurde laut. Die Mädchen, die die Woche über nicht hinaus gedurft und emsig gearbeitet, gesellten sich zu einander und wisperten und flüsterten und scherzten und lachten nach Herzenslust. Manch' heimlicher Seufzer voll Sehnsucht und Innigkeit flog herüber und ward mit flüchtig heißem Erröthen beantwortet. Von den Mädchen zu den Jünglingen geht ein heimlich Grüßen, ein stummes Fragen, ein beredtes Antworten durch Blick und Lächeln herüber und hinüber. Lea saß mit brennend heißen Wangen und glänzenden Augen inmitten der jugendlichen Schaar. Ihre Hände beben, sie fühlt sich müde und elend, und dennoch hat sie für Jeden ein freundliches Wort. Oft wirft sie hier und dort eine Frage auf, die ihren Verstand, ihr scharfes Denken verräth. Oft giebt sie schnell und schlagfertig Antwort. Dann leuchteten die Augen des Vaters voll Stolz und Zärtlichkeit auf, und er streicht ihr mit der welken Hand über das lockige Haar und die reine, hohe Stirn. In der Nische des kleinen vergitterten Fensters, von Niemand beachtet, vollständig im Schatten, hockt die große, breitschultrige Gestalt des Narren. Er hat die Ellbogen auf die Kniee gestützt und seine großen Hände umrahmen sein aufgedunsenes, von der Kälte geröthetes Antlitz. Um seinen Mund irrt ein seltsames Lächeln, seine Augen aber folgen Lea und bleiben au ihr haften. — Es ist, als saugten seine Blicke sich fest an der zarten Gestalt. Keine Bei I