Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 18 (6.5.1898)
- Date
- 1898-05-06
- Page
- Seite 214 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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214 unter Segel, um den Seeweg nach Indien zu suchen und eine neue Welt zu entdecken. Unter Denen, die ihn begleiteten, befanden sich auch Männer aus jüdischem Stamm, vor Allen Luis de Torres, ein Maranne, dessen sich der Admiral, da er hebräisch, englisch und arabisch verstand, als Interpret bediente. Urber Guanahani, dem ersten Lande, welches die Entdecker betraten, segelte er südwestlich weiter, und am 28. Oktober entdeckte er Kuba, während er immer nach der Insel Cipangu und deren fabelhaften Reichthümern an Gold und Gewürzen suchte. Von den Indianern tvurde ihm gesagt, man brauche 20 Tage, um Kuba zu umschiffen, also mußte es eine Insel sein. Als aber der Kapitän des einen Schiffes die abweichende Meinung äußerte, unter Kuba muffe man eine Stadt verstehen, das vor ihnen liegende Land gehöre zu Asien und das weiter westlich gelegene Gebiet gehöre bereits zum Reiche des Großkhans, da ließ sich auch Columbus willig zu dieser Auffassung bekehren, welche seinen Wünschen und Ziele» entgegenkam, und er erklärte in seinem Tagebuche: Kuba ist das Festland von Asien. Am meisten wunderte sich Columbus, daß er noch keine Sirenen gefunden hatte; auf dem Globus von Michael Behaim findet sich nämlich zwischen den Inseln, welche westlich von Cipangu gezeichnet sind, die Inschrift: „hie findt man vil merwunder von serenen und anderen Fischen". Nach allen diesen merkwürdigen Trugschlüßen und da die Sirenen noch immer nicht aufs Schiff kamen, ist es nun ganz natürlich, daß Columbus danach strebte, sich möglichst bald mit dem Großkhan des Landes in Verbindung zu setzen. Er betraute mit dieser Mission Luis de Torres, dem er Roderigo de Jerez als Begleiter beigab. Wie Kayserling in seinem vortrefflichen Buche: Christoph Columbus und der Antheil der Juden an den spanischen und portugiesischen Entdeckungen (Berlin 1894, S. 82 ff.) ausführlich erzählt, versah er die beiden Kundschafter mit genauen Instruktionen, trug ihnen auf, den Fürsten des Landes zum Abschluß eines Vertrages mit der Krone von Castilien vorzubereiten, gab ihnen ein eigenhändiges Schreiben an diesen und Geschenke init, auch Proben von Pfeffer und anderen Gewürzen, um sie den Eingeborenen zu zeigen und von ihnen zu erfahren, ob dies das Land sei, wo der Pfeffer wächst. Am 2. Dezember trat Luis de Torres die Reise in das unbekannte Land an. Ein Jude war also der erste Europäer, der amerikanischen Boden betreten hat. Am 4. Tage kamen die Abgesandten wieder zurück und erzählten, daß sie einen Ort von 50 Häusern und etwa 1000 Einwohnern, Männer und Frauen, angetroffen haben. Man habe nach Landessitte sie feierlich empfangen und in den besten Häusern untergebracht; die Indianer küßten ihnen Hände und Füße, weil sie die Fremdlinge für die Sendboten des Himmels hielten; die vornehmsten Männer des Ortes trugen sie auf ihren Armen zu den größtep Gebäuden und ließen sie dort niedersitzen. Auf die Frage nach den Gewürzen, von denen Luis de Torres den Eingeborenen die Proben vorlegte, zeigten diese nach Süden, wo dergleichen Produkte gedeihen sollten. Während dieser Unterhandlung bemerkte der aufmerksame Luis de Torres, daß die Männer sowohl wie die Frauen Feuer in der Hand hielten, mit welchem sie eine kleine Rolle von getrockneten Kräutern, die sie im Munde hielten, anzündeten, daß sie dann das andere Ende der kleinen Rolle (von ihnen tabaco genannt) in den Mund steckten und den Rauch durch Mund -und Nase in großen Wolken wieder herausließen. Dieses Verfahren imponirte ihm ungemein, und er brachte es sofort zu seinen Freunden auf das Schiff. Eine zweite Thatsache: ein Jude war der Erste, der den Gebrauch der Cigarren entdeckt hat. Durch Luis de Torres lernten die Spanier die Sitte des Rauchens kennen. Es ist überaus charakteristisch, daß Columbus dem Bericht, den er von seinen Abgesandten pfangen, die Hoffnung hinzugefügt, „daß die spanischen Majestäten bald Geistliche hinübersenden würden, um die zahlreichen Völker zum rechten Glauben zu bekehren." Am 12. November lichtete Columbus wieder die Anker, um seine Entdeckungsreise fortzusetzen. Luis de Torres ließ sich aber in Kuba nieder. Die dritte Thatsache von hohem Interesse: Ein Jude war der erste Europäer, der auf dem jungfräulichen Boden Amerikas eine Niederlassung gründete. Luis de Torres gewann in seiner neuen Heimath bald das Wohlwollen des Kaziken, er erhielt von diesem nicht allein Ländereien, sondern auch Sklaven: „fünf alte und ein Kind",-zum Geschenk; das spanische Königspaar aber setzte ihm eine jährliche Pension von 8645 Maravedis aus, und er beschloß in dem neu entdeckten Lande, mit den Eingeborenen friedlich zusammenhausend, sein Leben. Ob Columbus noch etwas von ihm erfahren, wiffen wir nicht, aber es ist interessant, daß der kühne Entdecker den ersten Bericht über die großen Erfolge seiner Fahrt und seine Entdeckung von den azorischen Inseln wieder an einen Juden, Luis de Santangel, gerichtet, der ihm ja die Mittel zu dem großen und gefahrvollen Unternehmen gegeben hatte. In diesem Briefe heißt es: „Gott hat auf so wunderbare Weise alles bestätigt, was ich behauptet habe gegenüber den Meinungen hochgestellter, einflußreicher Persönlichkeiten, welche meinen Plan für Träumereien und mein Vorhaben für ein Hirngespinst hielten. Aber daß dieses große Unternehmen so glänzend verlaufen, ist nicht mein Verdienst, sondern dasselbe gebührt dem heiligen katholischen Glauben und der Frömmigkeit unserer Monarchen. . . Wir wollen uns freuen über die Erhebung unseres Glaubens, über den Zuwachs an heiligen Gütern, an denen in Zukunft nicht blos Spanien, sondern die ganze Christenheit Theil haben wird." Bekanntlich ist es anders gekommen. Der große Entdecker war weder ein großer Biograph noch ein großer Geschichtsphilosoph; bis zu seinem Tode hielt er ja an dem Glauben fest, in Kuba das Festland von Asien erreicht zu haben, und an dem System, die Erde habe nicht Kugelgestalt, sondern sei wie eine Birne geformt; ja sogar die Existenz des Paradieses wollte er in jene von ihm entdeckten Länder verlegen. Mit getheilten Gefühlen steht heute die spanische Nation, ja sogar die ganze Kuliurwelt vor der weltgeschichtlichen Größe des Columbus. Es liegt eine scharfe Ironie in dem jüngst kolportirten Börsenwitz, daß Spanien die Entdeckung Amerikas rückgängig zu machen beabsichtige. Aber für uns ist und bleibt es ein Gefühl sittlicher Genugthuung, daß alle jene Entdeckungen und Eroberungen nicht im Stande wären, den Fehler wieder gut zu machen, den Spanien zur selben Zeit begangen, da es seine treuesten Söhne vertrieben hat. So wurde der Gipfel seiner Größe der Anfang seines Verfalls. 6. X. EUILLETON Aer Narr. Erzählung von Jda Oppenheim. (Fortsetzung.) *nd stiller wurde es im engen Kämmerchen. Die zuckenden Hände der Kranken lagen jetzt ruhig auf der Decke, und die glühende Röthe wich einer fahlen Bläffe. Bleich und still lag Lea in den Kiffen. Ein mattes Lächeln theilte die schmalen Lippen.