Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 18 (6.5.1898)
- Date
- 1898-05-06
- Page
- Seite 213 (sequence 9)
- Language
- German
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- 213 —— tillation, so war derselbe in der Periode der Gaönäer schon durch Chor geregelt. Im Allgemeinen leiten Löw bei seinen Bestrebungen religiöser Aufklärung folgende im historischen Judenthum wurzelnde Prinzipien: I. Für die Beurtheilnng der Menschen ist die Lebensführung derselben maßgebend. Doch bedenke man, daß nicht für Engel, sondern für die Menschen die Lehre gegeben ist. II. Es ist bester der Wahrheit, zu irren, als sie vorsätzlich zu verletzen, und ist in dieser Richtung dem Takte der Glaubensgenosien wohl zu vertrauen. III. Der Gesammtheit dürfen keine Verpflichtungen auferlegt werden, welche die Glaubensgemeinde nicht vertragen kann. IV. Die Zeit ist ein mächtiger Faktor im religiösen Leben. Die Zeit gebietet oft, äußerliche Formen und Normen zu beseitigen, um die Religion in ihrer innerlichen erlösenden Wahrheit zu retten und zu erhalten. V. Es ist viel verdienstlicher, aus quellenmäßig entwickelten religiösen Gründen zu erlauben, als in zuweilen nicht ausreichend motivirter Weise zu verbieten. Von diesen hier angedeuteten Gesichtspunkten aus beseitigte Löw alle Schranken, welche im Leben der Gemeinde, in den Einrichtungen, Aemtern, Würden und Funktionen in früheren Zeiten die Ehelosigkeit den Gemeinde-Angehörigen gesetzt hatte. Wacker trat Löw für die Fusion des deutschen und portugiesischen Ritus in Paris ein und erhielt auszeichnenden Dank des Konsistoriums. Mit Recht regte Löw die erhöhte Theilnahme der Frauen am Gottesdienst an und wünschte nicht, daß durch Gitter auf der Galerie die Aesthetik im Gebäude und die ethische Erbauung der Theilnehmerinnen am Gottesdienst beeinträchtigt werde. Er wünschte auch für konservativere Kreise den Altar und die Kanzel an der Ostseite des Tempels in der Nähe des Allerheiligsten, und hielt sich nicht ängstlich an die Frühstnnde der Vorlesung des Schma-Gebetes, dessen Inhalt über Zeit und Raum erhaben ist und zu begeisterungsvoller Liebe des einig-einzigen Gottes den Gottesbekenner im Leben und Sterben hinreißt. Alles dies wird von Löw bei gründlichster Erforschung der Quellen und mit überzeugender Klarheit und Wahrheit nachgewiesen. Auch fehlt es dem geistreichen Theologen nicht an humoristischen Wendungen, durch welche der Polemik der Stachel benommen und der Honig verbindlicher Stilformen gegeben wird. Das macht insbesondere die Partien des Buches in hohem Grade anziehend, in welchen er die gegnerischen Parteien mit gleichen Waffen entwaffnet. Wie nach innen, wirkte Löw auch" nach außen erlösend auf die ungarische Glaubensgemeinschaft. Das sieht man aus der Schilderung der Geschichte des ungarischen Judenthums, welche in drei Abschnitte sich gliedert: 1. in die Zeit ruhigen Genusses der Heimathsrechte (1030—1222), 2. itt die mittelalterliche Zeit wechselnder Rechtsbestimmungen (1222—1791), 3. in die Periode fortschreitender Verbesserungen der Lage der Glaubensgenossen. Wohl hatten schon die Juden Ungarns zur Zeit des Hauses Arpad eine im Ganzen gesicherte Lebensstellung, doch bedurfte es eines mehr denn achthundertjährigen Kampfes, um die Gleichstellung des Glaubens und der Glaubensgemeinschaft in Ungarn von Staatswegen zu gesetzlicher Kraft zu erheben. Löw gehörte zu den muthigsten und genialsten Vorkämpfern für die Gleichstellung der Glaubensgemeinschaft. Mit juristischem Scharfsinn unterschied er zwischen prohibitiver und fakultativer Gesetzgebung und wies so nach, daß, wenn auch die Juden nicht gerade für die aktive und passive Wahl der Munizipal- Aemter gesetzlich empfohlen, so doch durchaus nicht ausgeschlossen waren. — Hoch hält Löw die Fahne der Ehre Israels und beweist vor dem Forum der königlichen Akademie der Wissenschaften Tresor gegenüber, daß im Hinblick auf die Unantastbarkeit des Wandelsdas Streben, vor Gott und Menschen würdig und beliebt zu sein, die Juden sich stets ausgezeichnet haben. Löw ergreift auch das Panier der Unterdrückten und Verfolgten, und es machte seinem Herzen Ehre, daß er die im siebzehnten Jahrhundert in Ungarn, besonders in Preßbnrg, so arg bedrückt gewesenen Sabbathäer in Schutz nimmt. Er spricht diesen um ihres Glaubens willen verfolgt gewesenen Sektirern das Verdienst zu, über den engen Kreis der Halacha den Blick in die von Prophetenthum und Religionsphilosophie erfüllte reine Kabbalah in zeitgemäß religiöse und nationale Bildung erweitert zu haben. Es geschieht dies aber lediglich vom Gesichtspunkt der Kultur und Humanität aus, doch wird dem Stifter der Sekte, Sabbatai Zewi aus Smyrna, die messianische Sendung vollständig aberkannt. Nach innen und außen befreiend auf die Glaubensgemeinschaft wirkte Löw durch Hingabe an die Schulen und die Lehrerbildungs- Anstalt des Landes. Die Stiftung einer Hochschule für Rabbiner begrüßte er mit freudigem Herzen. Der Stellung der Rabbiner unserer Zeit sei das Prophetenthum und nicht das hohe Priesterthum, das Schriftgelehrtenthum und nicht das Richterthum vorbildlich. So wird die Sendung des in religiöser Sittenreinheit und Sittenwahrheit vorgebildeten und bildenden Gottesverkünders zum Segen für die Gemeinde. Die Ordination ist wohl erloschen, die wissenschaftliche Befähigung für Beruf und Amt aber giebt dem Beruf und Amt die entsprechende Weihe und Bedeutung. Man kann das aus 24 Abschnitten bestehende umfang- und inhaltreiche Buchi) nicht lesen, ohne den hohen Verdiensten des unvergeßlichen Verfassers und des hochgeehrten Herausgebers die volle und gerechte Anerkennung zu zollen. Cosas de Espaiia. lle Welt spricht jetzt von Spanien, und es ist mehr als begreiflich, daß auch wir Juden, die wir für dieses Land fast ebenso viel Sympathie wie Abneigung haben, das lebhafteste Interesse an der Entwickelung des Kampfes zwischen Spanien und Amerika nehmen. Aber ich will meine geneigten Leser heute nicht mit schweren geschichtsphilosophischen Betrachtungen über das Schicksal Spaniens behelligen, sondern ich möchte nur eine kleine Episode aus der Geschichte des Zeitalters der Entdeckungen hier mittheilen, die sich gerade um Kuba, also um die jetzt von beiden Seiten so heiß begehrte Perle der Antillen, dreht. Es ist mir wiederholt aufgefallen, daß selbst unsere großen Blätter in den letzten Wochen auf einen sehr interessanten und aktuellen Stoff verzichtet haben, nämlich auf die Geschichte der Entdeckung Kubas durch Columbus, die ja, wenn man die alten und neuen spanischen Quellen zusammenfaßt, ein wahrer Roman ist. Für uns ist die Geschichte noch darum von besonderem Interesse, weil Juden in derselben eine hervorragende Rolle spielen. An demselben Tage, an welchem die Vertreibung der Juden aus Spanien überall öffentlich verkündigt wurde, erhielt Columbus den Befehl, die Flotte zur Fahrt auszurüsten. Am 2. August 1492 verließen die Juden das schöne Land des Weins und der Gesänge, 'und Tags darauf, am 3. August, ging Colilinbus mit seiner Flotte 0 Sehr dankenswerth ist die Unterstützung der israelitischen Alliance tu Wien und der Zunzstiftung in Berlin, welche dem litterarischen Unternehmen zutheil wurde.