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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1898-05-06 · Heft 18 (6.5.1898) · p. Seite 212

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
62 (1898)
Issue
Heft 18 (6.5.1898)
Date
1898-05-06
Page
Seite 212 (sequence 8)
Language
German
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<212 - muß eine wissenschaftliche Darstellung des überlieferten Ideengehalts auf solche Künste streng verzichten, und den eigenen subjektiven Gedanken von dem objektiv gegebenen deutlich unterscheiden. Nur die eigene Dentform, die scientivische und die sprachliche Gestaltung haben wir zu geben, den Inhalt müssen wir schlechthin aus der Uederlieferung schöpfen. Wir mögen die philologische Kunst der Auslegung und Angleichung und die Bescheidenheit des Verzichtes, einen Gedanken als den eigenen erkennen zu lasten, Preisen, aber nachahmen dürfen wir sie nicht. Denn in unserer wiffenschaftliLen Aufgabe handelt es sich weder um erfinderische Kunst, noch um den moralischen Vorzug der Bescheidenheit, sondern allein um die Erforschung der historisch-objektiven Wahrheit. Z 65. Nicht im Widerspruch, sondern in Uebereinstimmung mit der aufgestellten Regel des Verhaltens zu dem überlieferten Schriftthum ist eine andere zu beachten. Von vielen Aussprüchen der Bibel und der talmudischen Weisen misten wir, daß sie einem wirklichen historischen Anlaß entstammen und demgemäß auch eine bestimmte engere Bedeutung hatten. Oft aber ist ein solcher Ausspruch als ein völlig selbständiger Satz, nach dem bloßen Wortlaut, in seiner vollen Allgemeinheit aufgefaßt und in dieser Bedeutung durch ein Jahrtausend oder zwei festgehalten worden; der Zusammenhang, der historische Anlaß war vergessen oder unbeachtet. Solche Sätze mästen auch wir in ihrer Allgemeinheit als Quelle der Belehrung auffassen; nicht der Sinn, den sie an sich und ursprünglich hatten, sondern welcher im Lauf der Entwickelung Geltung erlangt hat, muß auch für uns gelten. Nicht auf den Gedanken kommt es an, der ursprünglich mit dem Wort verbunden war oder hätte sein sollen, sondern auf den Gedanken, der wirklich durch Jahrhunderte dabei gedacht worden ist. Nur ein Beispiel sei angeführt: Rabban Gamliel hat den Grundsatz verlautbart: wer nicht Farbe bekennen, d. h. (höchst wahrscheinlich) ob er Anhänger der Hillelitischen oder Schammaitischen Partei sei, offen bekunden wolle, der solle nicht ins Lehrhaus kommen; es wird gefordert, Jeder solle i"Q3 121kl sein, „sein Inneres gleich dem Aeußeren" (Berachot 28 a). Dieser Satz ist nachmals zum geflügelten Worte geworden. Schon aus biblischen Zeiten stammte die Idee der Wahrhaftigkeit; was man wirklich denkt und nur was man wirklich denkt, soll man auch sagen; nicht irre führen, nicht heucheln oder schmeicheln darf man mit falscher Rede; nicht „mit zweierlei" oder getheiltem Herzen soll gehandelt werden. Dann aber haben ohne Beziehung, ja ohne jede Erinnerung an den Anlaß ihres Ursprungs* *) die Kernworte des Rabbi Gamliel allgemeine Bedeutung erlangt. Diese innere Gesinnung und die äußere Bekundung sollen einander entsprechen: 1-Q2 121kl > in dieser Knappheit der Form hat das Lehrwort sich leicht von Mund zu Mund, von Geschlecht zu Geschlecht fortbewegt, und so ist es zu einem prägnanten Ausdruck Worte, welche an sich einen ganz anderen und schlichten Sinn habe», Gedanken schöpferischer Art und von prinzipieller Bedeutung, also Gedanken vom höchsten wissenschaftlichen Werth angeknüpst werden. In dem VerS Amos S, 6, „der im Himmel bauet feine Stufen und feine Gewölbe über der Erde gründet", wird durch moralische Deutung von 1'kll^VÜ und HUK der Gedanke gefunden, daß die Majestät Gottes nur dann in ihrer Erhabenheit sich offenbart, wenn die Menschen auf Erden zu einem Bunde vereinigt stnd. (Wajikra Rabbah C. 30). In Aboth 6, 2 wird aus dem einfachen Schriftwort, daß die Zehn- Gebote eingegraben, kll^lNwaren auf den Tafeln durch Umbildung in kll'l'll Freiheit die hohe Idee abgeleitet, daß der Mensch nur durch das sittliche Gesetz wahrhaft frei wird. *) So wird das Wort schon von Rabba (Joma 72 b) in anderen Zusammenhang gestellt. für die Idee der Wahrhaftigkeit überhaupt und zum Losungswort im-Kampfe zwischen Sein und Schein geworden. ß 66. Schließlich ist aber nicht bloS der Geist des gesammten Schriftthums, sondern der Gesammtgeist des Volksstammes und der Religionsgemeinschaft selbst als letzte Quelle zu betrachten. Wie auch das Schriftthum der Volksseele entquillt, so hat die Darstellung der Ethik des Judenthums zuletzt aus dem innersten Bestand und Gehalt des Volksgemüths zu schöpfen und dabei seine Wandlung und Entfaltung in der Zeiten Lauf zu beachten. Hier gilt eS, das öffentliche Bewußtsein auch in seinen geheimsten Regungen zuibelauschen, mit zarten Sinnen auch die Imponderabilien des ethischen Geistes zu erfassen; was nur als dunkle Ahnung und jdeale Sehnsucht die Herzen des Volkes bewegt, in begriffliche Form und sprachliche Gestalt zu bringen. 8 67. Als die eigentliche Aufgabe und den Zweck der ethischen Wistenschaft muß man bezeichnen: die lebendige Quelle des sittlichen Urtheils rein, frisch und fließend zu erhalten; sie zu vertiefen, zu stärken und zu läutern, durch Offenbarung des Geheimen, Erleuchtung des Dunkeln, auch Reinigung des Getrübten, Folgerichtigkeit des theilweise Widersprechenden. Um aber diese Aufgabe zu erfüllen, muß sie sich in die Volsseele vertiefen, um ihr den eigenen ungetrübten Spiegel vorzuhalten. Diese Beachtung des öffentlichen ethischen Bewußtseins stimmt auch mit der Anschauung der Rabbinen überein. Zwar wenn sie vor dem Erlaß gewiffer Verordnungen die Regel aufstellen: „sieh dich draußen um, was das Volk dazu sagt" Kfctf na Tr piß (Berachot 45 a) mag es sich meist nm Einsicht in die praktischen Bedürfnisse und die Rücksicht auf nothwendige Zweckmäßigkeiten handeln; wenn aber der allgemeine Grundsatz aufgestellt wird: „der (natürlich auf dem Boden des Gesetzes) in Israel entstandene Brauch und die Sitte gilt als gesetzliche Norm"/) so sehen wir, daß hier dem ethischen Gewissen des Volkes eine gesetzgebende Autorität beigemesten ist. (Schluß folgt.) Leopold Löw und ferne Werke?) Bon Dr. S. Naschör. (9^>Tein unter dieser Aufschrift im Jahre 1893 in diesen geschätzten ^Vjl VMern veröffentlichter Aufsatz betraf die ethisch-religiöse Würdigung der Persönlichkeit und Werke des Führers des ungarischen Judenthums. Mein gegenwärtiger Artikel soll die theologisch-politische Wirksamkeit Löws, auf Grund des soeben erschienenen vierten Bandes der Schriften deffelben, beleuchten. Nach Innen entwickelte Löw eine zwischen den Gegensätzen der Parteien im liberalen Sinne vermittelnde und versöhnende Richtung. Seiner Auffassung nach sind die Differenzen der religiösen Parteien in Ungarn weniger dogmatischer Art, als unter dem Gesichtspunkt der Kultur und Bildung zu betrachten. Insbesondere auf dem Gebiet des Gottesdienstes ist der Wunsch der vorgeschrittenen Parteien gar wohl berechtigt, daß „nach der Grammatik gepredigt und nach den Noten gesungen werde". Der selige Oberrabbiner Löw legte sehr viel Gewicht darauf, daß das göttliche Wort im Liede ausklinge. War auch in talmudischer Zeit der Gesang der Vorbeter nur Kan- *) S. Weiß: Geschichte der Tradition, II S. 68 u A. auch in fi'Vtp Nr. 63 und zu Baba Kamma, cap. X, Nr. 42. *) Gesammelte Schriften von Leopold Löw, herausgegeben von Immanuel Löw. IV. Band. Szegedin 1898, Verlag von Ludwig Engel.

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