Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 18 (6.5.1898)
- Date
- 1898-05-06
- Page
- Seite 211 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3224737-3228257-3228276--54569-3290712- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
WWMWWWMWW^WWMMWWWWWWNWWWDWWWWWMWMW - 211 I zur Genüge, daß diese Provinzialkonferenzen begeisternden Anklang finden. Die Präsenzliste ergab die Anwesenheit von 22 Mitgliedern des Vereins; außerdem waren als Gäste Herr Heidenheimer, im Aufträge des Vorstandes der israelitischen Gemeinde in Mainz, und Herr Rabbinatskandidat Dr. David-Berlin zur Versammlung erschienen. Bor Eintritt in die Tagesordnung begrüßte nun der Nestor der rheinhesstschen Lehrer, Herr Marx-Alsheim, die Erschienenen mit herzlichen Worten. Er verbreitete sich in seinen trefflichen Ausführungen alsdann über den Zweck der Provinzialkonferenzen und legte in kernigen, von Herzen kommenden, zu Herzen gehenden Worten die Aufgabe des Lehrers, der von idealem Streben beseelt sein müsse, dar. Wenn wir auch, so meinte der Redner, in Rheinhessen an Zahl wenig seien, so dürfe uns das nicht abhalten, an den Bestrebungen des Gesammtlehrerstandes mitzuarbeiten. Nachdem nun die Versammlung Herrn Marx zum Vorsitzenden und den Unterzeichneten zum Schriftführer erwählt hatte, schritt man zur Berathung der Tagesordnung. Zu Punkt l derselben: „Besprechung über die zu unternehmenden Schritte betreffs unserer Stellung", beantragt der Vorsitzende, man solle, da Vorstellungen und Petitionen bei der Regierung bisher erfolglos geblieben, sich an die Kammer wenden, indem man zunächst mit Abgeordneten derselben sich ins Benehmen setze. Herr Rabbiner Dr. Levy- Alzey steht diesem Anträge skeptisch gegenüber und warnt vor einem Vorgehen unter Hintansetzung der Regierung. Für den Antrag sprechen die Herren Strauß -Odernheim und Salomon - Sprendlingen. In längerer Rede bespricht nun Herr Heidenheimer den Antrag und meint, daß, wenn auch unsere Bemühungen unter den obwaltenden Verhältnissen aussichtslos seien, wir in denselben doch nicht ermüden dürften. Immer und immer wieder vorstellig werden, das ist sein Rath. Die Versammlung überläßt es nun dem Vorstande, in der fraglichen Sache die nöthigen Schritte zu thun. Der Vorsitzende spricht nun dem Vorstand der israelitischen Gemeinde Mainz, vertreten durch Herrn Heidenheimer, für die durch Rath und That erwiesene lebhafte Antheilnahme an unseren Bestrebungen den Dank der Versammlung aus. Die Mitglieder bekunden ihre diesbezügliche Zustimmung durch Erheben von den Sitzen. I Als Punkt 2 der Tagesordnung war ein Referat angesetzt über das Thema: „Wie kann in der Schule die nöthige Ruhe erhalten werden mit besonderer Berücksichtigung der Verhältnisse der Religionsschule und der Religionslehrer." Der Referent, Herr Salomon-Sprendlingen, bot in seinem Vorj trage eine solche Fülle des Interessanten und Beherzigenswerthen, daß! wir es uns nicht versagen können, eine, wenn auch dürftige, Blumenlese l hier wiederzugeben: „Ist die Erhaltung der Ruhe und Aufmerksamkeit in der Schule", so führt der Redner u. a. aus, „schon bei dem in sicherer Stellung sich befindlichen nichtjüdischen Lehrer ein Meisterstück, um wie viel mehr ist die Erreichung dieses Zieles ein solches bei dem ohne festen Rückhalt arbeitenden, den Lau^n und Chikanen der Vorsteher preis-! gegebenen und von der Gnadender Gemeinde abhängigen Religions- I lehrer." . . . „Wenn es, wie in den letzten , Kammerverhandlungen der! Regierungsvertreter meint, nur eine Pädagogik giebt, so kann man! mit demselben Rechte behaupten, die Mittel, deren sich der Lehrer zur j Erzielung von Ruhe und Ordnung bedienen muß, sind für alle I Schulen dieselben. Darum denke auch der Religionslehrer nicht, die Beachtung der diesbezüglichen Forderungen sei nur Sache des Volksschullehrers, im Gegentheil, weil seine Stellung häufig eine so miserable ist und ihm deshalb keine Autorität sichert, muß er peinlichst alle Mittel beachten, die ihm seine schwere Arbeit erleichtern helfen. „Die Erreichung dieses Zieles setzt jedoch auch voraus, daß der Lehrer an sich selbst die höchsten Anforderungen stellt und nicht planlos arbeitet. Der alte Schlendrian, das beliebte Jnsblauehineinarbeiten, muß beseitigt, ein für l die eigene Schule gütiger Lehrplan aufgestellt und bei Beginn eines jeden Semesters ein Lektionsplan angefertigt werden, so daß er das j Ziel einer jeden Abtheilung genau kennt und diesem Ziele innerhalb der bestimmten Zeit zustreben kann. Der Stundenplan muß im Schullokal aufgehängt werden, wo solcher nicht vorhanden, da muß bei Prüfungen aus die Anfertigung und Jnnehältung gedrungen werden." Redner betont nun die Wichtigkeit und unerläßliche Nothwendigkeit der gründlichen Vorbereitung und Weiterbildung des Lehrers, kennzeichnet die Mittel und Wege, die letztere bewerkstelligen können, und liBP schildert die Hindernisse, welche sie gar oft beeinträchtigen. Des Weiteren giebt Referent pädagogische Winke für Erzielung der Ruhe und Ordnung und kommt schließlich zu dem Appell: „Die neue Zeit soll uns aber nicht unvorbereitet überraschen. Wir wollen sie gerüstet und gewappnet auf unserem Posten erwarten, so daß bei den dann nothwendig werdenden Erhebungen die damit Betrauten uns aus vollem Herzen zurufen müssen: „Ja, ihr jüdischen Religionslehrer habt bei kargem Solde und kargem Brode brav gearbeitet, ihr seid eines besseren Looses würdig!" Reicher Beifall und Dank der Versammlung lohnte dem Redner für seine treffliche Arbeit. Auf Ersuchen des anwesenden Vorsitzenden des israelitischen Lehrervereins im Großherzogthum Hessen, Herrn Wertheimer-Heldenbergen, wird Referent diesen Vortrag auf der am 12. Juni stattfindenden Hauptversammlung wiederholt halten. Damit war die Tagesordnung in ihren wichtigsten Punkten erledigt. Ein gemeinschaftliches Mittagessen hielt die Kollegen bis zum späten Nachmittag beisammen. Zahlreiche Toaste, von denen nur die der Herren Dr. Salfeld und Oppenheimer-Darmstadt erwähnt seien, würzten das Mahl. Auf Wiedersehen in Frankfurt a. M.! Der Schriftführer: Abr. Stern-Gimbsheim. Uon den Oneüen der jüdischen Sittenlehre. Bon Prof. Dr. M. Lazarus. IX. 8 64. Für die Erforschung und Verwendung der talmudischen Weisheit müssen wir die folgende Richtschnur festhalten: Wenn der Midrasch schon früher, besonders später, auch in der gaonäischen und verwandten Litteratur — vielfach als eine bloße erhebende und erquickende Beschäftigung betrieben wird, wenn er deshalb neben der Erforschung und Enthüllung des wahren ethischen Gehaltes der Ueberlieferung auch willkürliche Deutung, geistiges Spiel und witzige Kunst sich gestattet: so haben wir hier nur nach strengem Wissen und mit ernstem Gewiffen das zu suchen, was der innerste Grund und die wirkliche und wahrhaftige Lebensanschauung gewesen ist. Darin dürfen uns die Rabbinen und namentlich die ethisch-religiösen Schriftsteller späterer Zeit schlechterdings nicht als Muster dienen, daß sie, von der historischen und objektiven Wahrheit abweichend, immer zwar in gutem Glauben und in bester Absicht, aber mit souveräner Willkür, oft genug mit vollem Bewußtsein ihre eigenen Gedanken in die Worte der Ueberlieferung (der biblischen und der talmudischen) hineingetragen haben. Wir werden bereitwillig zugestehen und strengster Wahrheit gemäß anerkennen, daß sie dabei — mit äußerst seltenen Ausnahmen i) — die wesentliche Grundanschauung, die allgemeine Denkweise den letzten Grund und das höchste Ziel der ethischen Lebensbetrachtung immer festhalten; daß in diesem großen Gebiete litterarischer Schöpfung und geistiger Arbeit die Kontinuität der historischen Entwickelung und Einheit des Gesammtgeistes so vorzüglich gewahrt ist, daß selbst die mystische Sehnsucht der Kabbalah mit ihrem andächtigen Witz und erbaulichen Spiel des Geistes sich demselben kaum entzieht. Wenn aber hier jeder eigene und freie Gedanke, weil man ihn für einen wahren hält, unbedenklich als ein überlieferter hingestellt und in ein bestimmtes Bibelwort hineingelegt wird, wenn man, um das zu ermöglichen, den Vers aus seinem Zusammenhang heraushebt und, wenn alle Stränge der Jdentifizirungskunst reißen, den Text ein wenig — verändert oder um ein geduldiges Wörtlein gar vermehrts) — dann y So z. B. im Sohar und schon bei Bachja ibn Pakoda und anderen Mystikern. ») Nur durch zwei Beispiele will ich diese Thatsache anschaulich machen, wie mit Hilfe von Ausdeutung und Umbildung an biblische