Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 18 (6.5.1898)
- Date
- 1898-05-06
- Page
- Seite 210 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3228257-3228276--54568-3290711- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
- 210 -- seid ihr Gottes „Baumeister", „Mitarbeiter am Schöpfungswerke Gottes". Westen bedarf der Mensch bei seiner Vollendungsarbeit? Doih unbedingt der heiligenden Kraft, die ihn auf dem rechten Wege erhält. Israel ist zu einem „heiligen Volke" geweiht, es hat die geistige und sittliche Vollendung anzustreben und ihr obzuliegen. In den Feiertagen und Festen treten uns am deutlichsten die heiligenden Mittel entgegen: Da ist es die Sabbathidee der Vollendung, da ist es der Freiheitsgedanke, da ist es die die Freiheit regelnde Gesetzlichkeit, da ist es die Lebensfreude, die veredelt und labt; da ist es ferner das aus der Selbsterkenntniß erfolgende Selbstgericht, da ist es die stets sich vollziehende Versöhnung mit Gott und Welt, die Wiederherstellung der Reinheit, die Rückkehr zu Gott; da ist es die religiöse Begeisterung, da ist es aber auch der Kampf mit den Mächten der Finsterniß und der Gewalt. Wessen bedarf der Mensch innerhalb des Lebenskampfes? Doch unbedingt der Hilfe, der Stütze, des Trostes. Was wollte der Mensch beginnen in jenen schweren Stunden, da er einsam und verlassen dasteht, da sich der Lebenshimmel verfinstert und die Menschen sich zurückziehen? In dem kindlichen Verhältniß, das wir zu unserem himmlischen Vater einnehmen, ist uns der Stecken und Stab gegeben, der uns aufrichtet in allen Lebenslagen; selbst wenn wir im Thale des Todesschattens gehen, fürchten wir kein -Leid, denn der Herr ist mit uns. Die Gotteskindschaft erhebt uns über die Sorgen und Beschwerden des Daseins, wir sind geborgen bei allen Bedrängnissen und Gefahren, zur Zeit der Prüfung verzweifeln wir nicht an dem Vater, der da heilet, wenn er verwundet hat. Kinder seid ihr des Ewigen, eures Gottes! Mit welcher Seelenruhe könnt ihr da euren Erdentag wallen, mit welchem Gleichmuth dem Wechsel und Wandel der Dinge zuschauen — ihr seid festgegründet in Gott dem Herrn und Vater, und Daseinsfreude und Schaffenslust ist euer Theil! Das ist eine Religion des Herzens, da ist die Sicherheit des Kindes, das nicht wanken kann, weil es sich unmittelbar an den Vater hält. „Du hältst mich fest mit der Rechten" singen wir mit dem Psalmisten, „durch Deinen Rath leitest Du mich und führst mich auf den Weg der Ehre. Wen Hab ich sonst im Himmel? Ohne Dich kein Glück auf Erden, an Gott mich halten ist mein Heil und meine Seligkeit, ich setze mein Vertrauen auf Gott allein!" Hätten wohl unsere Väter und Mütter durch einen viertausendjährigen Zeitraum sich erhalten können, wenn nicht unsere Religion ihnen die Heilkraft und die Ausdauer verliehen hätte? Hätten sie wohl Ruhe und irdisches Glück, Gut und Blut so freudig opfern können, hätten sie als Blutzeugen des Ewigen dastehen können, wenn ihnen nicht unsere Religion eine himmlische Glückseligkeit gewährt hätte?! Preis der Gemeinde, die ihren Kindern den Heilsbund retten will, Preis ihr, daß sie sie schützen will vor Abfall und Untreue, indem sie ihnen die Religion der Väter eröffnet in neuen Lebensformen, die nicht minder eine heiligende Kraft und Beseligung einflößen als jene religiösen Veranstaltungen, die in früheren Zeiten das Bundesverhältniß mit Gott lebendig unterhielten. Unsere Gemeinde blickt zwar mit einer gewiffen Wehmuth auf die Kinder, denn sie weiß, daß ihnen als Juden ein Martyrium nicht erspart sein wird, aber sie blickt auch auf sie mit jener edlen Genugthuung, die aus der Erkenntniß folgt, daß es kein höheres Glück auf Erden giebt als einer großen Sache zu dienen. Im Dienste göttlicher Ideen zu wirken, das vertieft den Inhalt des Lebens, das erweitert den Weltblick, das fordert alle geistigen und sittlichen Mächte heraus und verstattet, sich jenen Vorkämpfern anzureihen, die sich als Organe der Gottheit betrachten, wenn sie ihre Kräfte regelt für Wahrhen und Recht, für die Wohlfahrt und Fortbildung der Menschheit. Preis den Eltern, die bei den Irrungen und Wirrungen unserer Tage, bei der Ueberstürzung und Rathlostgkeit unsrer Stammesgenoffen ihren Kindern einen Weg der Wahrhaftigkeit gebahnt haben, indem sie sie dem Gotteshause zuführen. Sie bekunden damit, daß ihnen der Weg der Ehre mehr gilt als der Weg der Ehren, die menschliche Würde mehr als die Würden der Gesellschaft. Die Eltern, die an sich erfahren, wie die Pietät ihren Lebensgang gestärkt hat, sie wollen auch in die Herzen der Kinder die Treue pflanzen; sie erachten den Abfall vom väterlichen Glaüben nicht blos als eine Charakterlosigkeit, sondern auch als eine Herzensverhärtung. Der besitzt nicht mehr das sprichwörtliche „jüdische Herz", der seine bedrängten unglücklichen Stammesglieder verlaffen kann, um zu Jenen überzutreten, die gegen uns die Hand erheben; der versäumt die Pflicht der Nächstenliebe, der nur dem eigenen persönlichen Wohle nachgeht und sich von den Angestammten entfernt, denen er durch seine Intelligenz oder durch seine Güter Rath und Beistand hätte sein könrien. Wahrlich, zu den Unglücklichen zu halten, das ist eine göttliche Sache, selbst wenn man ihnen im Geiste entfremdet sein sollte, dagegen ist die treulose Fahnenflucht eine Sache der Selbstsucht, die nicht dadurch entschuldbar wird, daß man alle Verantwortung auf die Gesellschaftsordnung schiebt, die förmlich zur Heuchelei zwinge, wenn mau für seine Kräfte und Talente die geeignete Stellung erlangen will. Unsere Dankbarkeit gegen die Getreuen bedeutet mehr als die Auszeichnung, die die &mtlosen im öffentlichen Leben erfahren. Die Eltern, die ihrer Kinder Lebensmorgen gehütet, wollen diesen auch für den weiteren Lebensweg jene Heilsgüter mitgeben, die ein wahrhaftes Leben begründen und die Verlängerung der Tage verbürgen; sie wollen, daß ihr Name erhalten bleibe in der Mitte der Getreuen, die in gerader Linie abstammen von jenen, die am Sinai gestanden; sie wollen, daß durch die Kinder ihr Name segensreich fortwirke; sie wollen, daß diese ihnen einmal Kaddisch nachsagen, ein letzter Wille und ein höchster Gedanke, dem von jeher alle Mühen und Sorgen unserer Väter und Mütter gegolten haben. Preis all den Kindern selber, daß sie Israeliten sein wollen, Gotteskämpfer, Kämpfer für den Gottesbrind, um durch ihn den Menschheitsbund herbeiführen zu helfen. Eindringlicher als alle unsere gottesdienstlichen Veranstaltungen verkünden unsere Söhne und Töchter, die die Bildung der Zeit ausgenommen, daß unsre Religion auch in dem neuen Gewände jene Heilskraft bewahrt hat, die siegreich schreiten kann durch die weltbewegenden Fragen und Kämpfe. Sie legen davon Zeugniß ab, daß sie durch den Sinaibund gottverbundene Juden sind, daß sie als Juden Gottes Zeugen sind zum Heile der ganzen Menschheit, daß sie Juden sind zu ihrer eigenen Glückseligkeit! Das ist ein dreifaches Band, das die Religion Israels um uns schlingt, dieses dreifache Band wird uns wappnen und stählen von nun an und in Ewigkeit. ProvinMl-Konferen; des ifraelit. Lehrerveveins des GroMerxsgthirms Seffen. «m Sonntag den 17. v. M. hatten sich in Mainz zum ersten Male die rheinhesstschen Mitglieder des israelitischen Lehrervereins des Großherzogthums Hessen zu einer Provinzialkonferenz versammelt. Neben der Hauptversammlung des genannten Vereins sollen diese Konferenzen nunmehr alljährlich abgehalten werden, und das erstmalige zahlreiche Erscheinen der Vereinsmitglieder erwies