Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 18 (6.5.1898)
- Date
- 1898-05-06
- Page
- Seite 209 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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.111 |«UIIU1 U WIWMMWWMWWWM LOS vollendete, weil sie das Werk der weisen und gütigen Allmacht ist. Nur der Sabbathidee, dem vorbildlichen Gedanken der Vollendung, dient unser Sonntagsgottesdienst, während an einem anderen Orte die eigentliche Sabbathfeier abgehalten wird?) Wir gehören mit ungetheiltem Herzen zur Gesammtgemeinde, und diese kann es nur dankbar begrüßen, wenn wir Denjenigen, die durch ihre Lebensstellung verhindert sind, dem Sabbathgottesdienste beizuwohnen, wenn wir ihnen die Gelegenheit bieten, an einem für sie freien Tage ein Gotteshaus zu besuchen. Was wir gethan haben, das hat jetzt auch die Hauptgemeinde gethan; sie kam Denjenigen entgegen, die am Sabbath im Gotteshause nicht erscheinen können, indem sie ihnen die Predigt auf den Freitag Abend legten. Im Grunde ist daniit eine Anerkennung unserer Einrichtung ausgesprochen. Weit durchgreifender und ehrender für sie und uns wäre es gewesen, wenn die Hauptgemeinde alle Diejenigen, die am Sabbath dem Gotteshause fern bleiben müssen, an uns gewiesen hätte. Wir nehmen Veranlassung, dem hiesigen Rabbinate unseren Dank dafür abzustatten, daß es unserer Gemeinde eine die Hauptgemejnde ergänzende Wirksamkeit zuerkannt hat. Das Rabbinat hat damit wohlwollend zugestanden, daß wir seit einem halben Jahrhundert redlich bemüht sind, den Bedürfnissen der Zeit gemäß das religiöse Leben zu nähren und anzufachen. Ohne das Gewissen ihrer Mitglieder zu verletzen, dürfte uns die Hauptgemeinde am Sonntag zwei Gotteshäuser überlassen, denn unser Gebetbuch unterscheidet sich grundsätzlich durch nichts von ihrem Gebetbuche. So viel steht fest, wir haben den Sabbath nicht aufgehoben, und so halten wir das ganze Zehnwort als das Wort des Gottesbundes aufrecht. Sind wir noch Juden? Diese Frage beantworten wir mit einem entschiedenen Ja! So lange das Schema Israel! in unser Ohr und Herz dringt, sind wir Juden! Die zweite Frage, die an uns gerichtet wird, konunt aus dem Kreise Jener, die man gemeinhin als die Gleichgiltigen bezeichnet, und die nur noch dem Namen nach zu uns gehören. Sie fragen: Zu welchem Zwecke seid Ihr noch Juden? Seht, so spreche» sie, die zehn Gebote haben ja auch andere Konfessionen aufgenommen, und sie sind noch eine Stufe höher gekommen: sie machen sich nicht zu Sklaven des Gesetzes, höher als das Gesetz steht ihnen die Liebe. Es ist beschämend für lins alle, daß so viele unserer Stammesgenossen keine Ahnung davon haben, daß die Liebe zuerst von Israel verkündet wurde, daß das Gebot der Liebe zuerst in Israels Mitte als „Hauptgrundsatz" erklärt wurde- Aber die Liebe kann uns doch nur der Beweggrund sein. Unsere Liebe zu Gott und Menschen legt uns eben jene Pflichtgebote auf. Sollen wir die Liebe kundgeben, wie könnte das auf einem anderen Wege geschehen, als daß wir das Gesetz erfüllten? Das Gesetz ist doch nichts anderes als die Vorschrift, als die Ordnung, als die Lebensregel, nach der wir den Gottesbund wahren und durch den wir auch den Menschenbund begründen. Wir erfüllen das Gesetz, nicht weil es uns geboten, nicht aus Furcht vor Strafe, sondern wir erfüllen es, weil uns die Liebe dazu drängt. Indem wir das Gesetz ausüben, bezeugen wir, daß wir Gott und die Menschen lieben. Wenn wir vernehmen: Liebe den Ewigen, deinen Gott, von ganzem Herzen, ganzer Seele und mit aller Kraft! so frageil wir gleich: wodurch können wir diese Liebe bethätigen? Wenn wir vernehmen: Liebe deinen Nächsten wie dich S. meinen Artikel: Sabbath in „Ztg. d. Judenth.» Nr. 37. Jahrg. 1897. selbst! so fragen wir gleich, auf welche Weise lieben wir uns selbst, und auf welche Weise können wir danach auch die Nächsten lieben? Und jedesmal kommen wir auf das Gesetz, das uns eben die Richtschnur vorschreibt. So wird die Liebe für uns einerseits der Beweggrund, andererseits die Erfüllung des Gesetzes. Zu welchem Zwecke seid ihr noch Juden? Nun, einfach deshalb, weil Gott mit uns einen ewigen Bund geschlossen hat. „Juble Gemeinde Gottes", denn nicht ein Nationalgott, sondern „der Schöpfer ist dein Bundesherr, Herr Zebaoth ist sein Name! Dein Erlöser ist der Heilige Israels, er heißt der Gott der ganzen Welt. Sollten auch die Berge weichen und die Hügel wanken, meine Liebe wiche nicht von dir, mein Heilbund mit dir bliebe unerschüttert, so spricht der Herr, der dich liebt, der seinen Geist auf dich gelegt, das Recht den Völkern zu bringen. Ich habe dich berufen im Heile, ich mache dich zum Bund der Völker, zum Lichte der Nationen. Ihr seid meine Zeugen, spricht der Herr, du mein Knecht, mein Erwählter, damit ihr es wisset und mir glaubet und erkennet, daß ich es bin, daß vor mir kein Gott gewesen und nach mir kein anderer sein wird! Ich, ich allein bin, der da ist, und außer mir giebts keinen Helfer, keinen Retter, keinen Erlöser!" Zu welchem Zwecke seid ihr noch Juden? Nun einfach deshalb, weil unser Dasein im göttlichen Heilsplane liegt. Der Gottesbund Israels soll sich erweitern zu einem Gottesbund der ganzen Menschheit. In jener Zukunst, „da der Herr den Völkern ihre Sprache in eine geläuterte wandelt, daß sie alle den Namen des Ewigen anrufen und ihn einmüthig verehren", da wird „der Ewige König sein über die ganze Erde, an jenem Tage wird der Herr einzig sein und sein Name einzig!" Israel hat bis dahin unter den Völkern als Zeuge des Einzig-Ewigen dazustehen, als sein erkorner Knecht, der im Stillen die Gotteserkenntniß pflegt; er schreit nicht, er ruft nicht laut, er läßt nicht draußen seine Stimme erschallen und dringt nicht in die Hütten der Menschen, um ihnen seine Lehre anzupreisen; sein bloßes Dasein soll den Völkern bei ihrer Läuterungsarbeit die Richtung angeben, die zu dem Einzigen führt, bis das Gottesreich erfüllet ist. Dasselbe Verhalten, das ganz Israel zur Menschheit einnimmt, dasselbe Verhalten hat auch unsere Reformgemeinde zu ganz Israel einzunehmen. Sie hat keine Propaganda zu treiben, Keinem zudringlich zu werden. Wer sich in seiner althergebrachten Religionsübung nicht mehr befriedigt fühlt, der wird von selber auf uns blicken, und die Ausgestaltung unseres Religionslebens wird dann auf ihn jene entscheidende Macht üben, wie wir sie überall wahrnehmen, wo Lehre und Leben, Zeit und Einrichtungen sich begegnen. Vermöge des Gottesbundes sind wir Juden, vermöge des göttlichen Heilsplanes haben wir als Zeugen des Ewigen dazustehen. Aber nun werden wir noch von einer dritten Frage bedrängt: Wo bleibt das persönliche Heil, das euch die Religion bringen soll? Eine seelische Befriedigung finden wir in der Erfüllung des Gesetzes, in der Bethätigung der Liebe, aber es ist schon unser kindliches Verhältniß zu dem Allvater, das unser Heil umfaßt. „Kinder seid ihr des Ewigen, eures Gottes!" Giebt es ein höheres menschliches Bewußtsein? Ihr seid nicht blos Kinder der Erde, nicht blos Kinder der Zeitlichkeit, ihr seid Kinder Gottes und darum Kinder der Ewigkeit. Ihr seid geschaffen im „Ebenbilde Gottes", ihr habt einen unsterblichen Geist empfangen, der befähigt ist, die Schöpfung Gottes durch die Schöpfungen der Kultur zu ergänzen und zu vollenden; ihr seid Herrscher über die Natur und Herrscher über euch selbst; ihr schaffet eine Welt des Wahren, Nützlichen und Schönen, und ihr schaffet eine Welt des Guten. Als Kinder Gottes