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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1898-05-06 · Heft 18 (6.5.1898) · p. Seite 208

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
62 (1898)
Issue
Heft 18 (6.5.1898)
Date
1898-05-06
Page
Seite 208 (sequence 4)
Language
German
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208 Es wurdm also 2470 jüdische Ehen unb 397 Mischehen geschlossen; es ist mithin noch keine wesentliche Veränderung gegen das Vorjahr eingetreten. Es ist auch leider wenig Hoffnung auf eine Besserung vorhanden, aber dieser stete Rückgang in drr Geburtenziffer und die stete Zunahme der Mischehen rücken den Zeitpunkt nahe, wo die natürliche Vermehrung der preußischen Juden nicht mehr auSreicht, ihren Verlust, durch Todesfälle u. s. w., zu decken, und ein allgemeiner Rückgang eintritt. * Bei der Nähe der Wahlen erscheint es zweckmäßig, unsere Glaubensgenossen immer wieder auf die Stärke der antisemitischen Bewegung aufmerksam zu machen, damit dieselben sich nicht trügerischen Hoffnungen hingeben. Wer da sieht, wie stark die antisemitische Organisation sich seit den letzten Jahren entwickelt hat, kann sich über die darin liegende Gefahr nicht täuschen. Eine Aufzählung der Vereine dieser Partei genügt allein schon, um ein Bild ihrer Stärke zu geben. Es bestehen mehr als 140 Vereine der deutsch-sozialen Reformpartei. Außer diesen rein politischen Vereinen hat die antisemitische Organisation sich noch Verbündete geschaffen in folgenden Verbänden: Vereinigung deutscher Geschäftsreisender, Deutsch-nationaler Handlungsgehilfen-Verband, Wartburgbund deutscher Jugendbünde, Deutsch-nationaler Radfahrerverband. Man kann sich denken, daß eine so weit verzweigte Organisation in der That im Stande ist, Erfolge bei den Wahlen zu erzielen. ft Frankreich steht augenblicklich ebenfalls im Zeichen der Wahlen. Die Zahl der nationalistischen, d. h. antisemitischen Kandidaten wächst dort ständig. Selbst in Paris werden dieselben ausgestellt, neuerdings wieder Henry de France im zweiten, Le Senne im siebzehnten und Pociaton im zwanzigsten Bezirk. Außerdem Fantaines in Fontenay le Comte, Roher in Pvetot, Thiesse in Neufchatel, Gaillard in Melun, Bittre in Bordeaux und Etienne Lamp in Mayon. Natürlich benutzen alle diese Herren die Dreyfusaffäre als Vorspann und verketzern Jeden, der nicht an die Schuld des „Juden" glaubt. Eine Zeitung dieser Partei, die „Liberte" in Mayon, fordert geradezu heraus, jeder Bewerber müsse sich auf Eid und Ehre verpflichten, die Neuprüfung der Verurtheilung des Juden Dreyfus zu verhindern. Mit Recht fragt die ultramontane Kölnische Volks-Zeitung, „ob diesen Politikern der Verstand durchgegangen sei. Wenn so außerordentliche Mittel für erforderlich befunden werden, um diese Verurtheilung aufrecht zu erhalten, muß es schlimm um dieselbestehen". Drumont, der Führer, setzt inzwischen seine Kampagne in Algier fort, und um sich interessant zu machen, erfindet er nach berühmten Mustern Attentate, die gegen ihn unternommen worden sein sollen. Zwei Flintenschüsse sind angeblich gegen den großen Mann abgefeuert wordNi, natürlich ohne ihn zu treffen. Es ist dies ein alter Tric von Drumont, denn schon 1893, als er in Armiens kandidirte und durchfiel, soll angeblich ein Attentat gegen ihn versucht worden sein. Leider sind diesmal in Algier Drumonts Chancen besser als 189,3. Als Kuriosum ist übrigens zu vermerken, daß Rochefort und Drumont scharf an einander gerathen sind, und zwar wegen Kuba, da Rochefort auf Seiten der Kubaner, Drumont auf Seiten der Spanier steht. In diesem Streit haben die beiden Judenfresser die schönsten Schmeichelnamen für einander, aber den Vogel in diesem Wettbewerb um den Schimpfrekort schießt entschieden Rochefort ab, denn er nennt Drumont „agent cosmopolite et Rothschildien“. Armer Drumont! Auch Du ein Agent Rothschilds! Drei Fragen. Bon Dr. M. Levin. V. Mose 6, 4—9. n den Kämpfen und Wirren des Tages vernehmen wir gar oft einen schrillen Ton von außen: Seid ihr denn noch Juden? Um diese vorwurfsvolle Frage zu beantworten, wollen wir uns zunächst darüber verständigen, was wir unter Judenthum verstehen. Ist es etwa das CereMonialgesetz, das das Judenthum ausmacht? Durchaus nicht. Die Ceremonien erscheinen uns als die Ausdrucksmittel einer Gottesverehrung und eines religiös-volksthümlichen Lebens, wie sie vergangenen Zeiten entsprochen haben. Einen Beweis dafür, daß nicht an das Ceremonialgesetz das Wesen des Judenthums unlösbar gebunden sei, bieten uns Jene selber, die uns ob der Uebertretung des Ceremonialgesetzes verlästern. Wir sehen von den eigentlich Orthodoxen ab, die ganz korrekt handeln, wenn sie so leben, wie sie lehren. Wir meinen jene Konservativen, die das Ceremonialgesetz für Andere verfechten, selber aber es nicht beobachten; sie halten weder das Speisegesetz noch das Gebot der Schaufäden, des Stirnbandes, der Pfosteninschrift; es besteht in dieser Beziehung zwischen ihnen und der Reform keinerlei Unterschied. Wenn das Ceremonialgesetz den Maßstab bilden sollte für das Judenthum, so wären wir gleich jenen theoretisch Konservativen keine Juden mehr. Was aber macht denn das Wesen des Judenthums aus? Das Wesen des Judenthunrs ist der Gottesbund. Israel hat mit Gott am Sinai einen Bund geschloffen. Dieser Bund weihte es zu einem Reiche von Priestern, zu einem heiligen Volke. Sein Dienst gilt keinem anderen Wesen außer dem Einzig- Ewigen. Tiefsinnig bemerken die Alten: „Ein Jude wird schon der genannt, der sich von Abgötterei fernhält." Den Bund mit Gott bezeugt aber nicht blos die Anerkennung und Verehrung des Einzig-Ewigen, sondern auch das Sittengesetz. Ist Gott Schöpfer der Welt, so ist er auch Vater aller Menschen, und diese sind seine Kinder. Durch ein brüderliches Verhalten wird auch Gott geehrt, durch die Nächstenliebe wird auch die Gottesliebe bezeugt. Die zehn Worte, die als die Worte des Bundes gelten, enthalten danach die Pflichten gegen Gott wie die Pflichten gegen die Menschen. Nun vernehmen wir einen verstärkten Vorwurf: Ihr haltet selbst nicht alle Worte des Bundes, ihr haltet nicht den Sabbath, der darin geboten, und der den Bund mit Gott am augenscheinlichsten besiegelt. „Zwischen Gott und Israel soll er ein Bundeszeichen sein für ewig." In zwei Fassungen ist das Sabbathgebot gegeben, nach der einen wird durch den Sabbath Gott verehrt als Schöpfer und Regierer des Weltalls, als der Herr über Zeit und Raum, nach der anderen Fassung wird durch den Sabbath Gott verehrt als die gütige Vorsehung, die innerhalb der Menschenwelt in Liebe und Gerechtigkeit waltet. Es ist wahr, der Sabbath bildet den Lebensnerv Israels. Wer an ihm rüttelt, hat die Grundfesten des Judenthums erschüttert. Hätten wir den Sabbath aufgehoben oder auch nur verlegt, so hätten wir uns in der That von Gesammtifrael getrennt; wir hätten das sichtbare Band gelöst, das ganz Israel vereinigt. Aber das war nicht der Fall. Wir haben nur an dem bürgerlich freien Tage einen Gottesdienst eingerichtet und nennen ihn nicht Sabbathgottesdienst, sondern allwöchentlichen Gottesdienst. Hier kommt es weniger auf die 'Zeitbestimmung der Schöpfung an, also auch weniger auf die Ruhe und Feier, als vielmehr darauf, daß die Schöpfung eitie

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