Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 17 (19.4.1898)
- Date
- 1898-04-19
- Page
- Seite 2 (sequence 14)
- Language
- German
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2 Herr Dr. Apolant sich stets gleich geblieben sei, streng gegen sich selbst, mild gegen Andere; in seinem Wirken sei der Jubilar nach den Worten eines Berichtes über ihn: „Der Stolz der Mädchenschule, das Vorbild für die Lehrer" gewesen; gleich ausgezeichnet sei er als Dirigent der ihm anvertrauten Religionsschule, die von ihm begründet und unter seiner Leitung sich zu einer seltenen Blüthe entfaltet habe. Die Gemeindevertretung habe ihn von dem Amte als Religionslehrer an der Mädchenschule entbunden, um seine Kräfte möglichst lange für die Religionsschule zu erhalten, und habe in Anerkennung seiner hervorragenden Verdienste einstimmig beschlossen, daß ihm sein Einkommen auch ferner in gleicher Höhe zu belassen sei. Als dritter Redner wies der Leiter der Mädchenschule, Herr Rektor Dr. Adler, auf den reichen Segen hin, den der Scheidende Generationen von Schülerinnen gespendet habe. In herzlichen Worten pries er das Lehrgeschick des Jubilars, seine Pflichttreue und Gewissenhaftigkeit, seine Begeisterung für den Glauben und hob die ideale Auffassung hervor, die Herr Dr. Apolant von seinem Berufe allezeit hatte. An der Hand der Chronik der Schule erwähnte er die mannigfachen Verdienste des Scheidenden um die Anstalt, deren Zierde er gewesen sei. Im Namen des Kollegiums dankte er dem Jubilar für die treue Freundschaft, die ihn mit seinen Genossen und Genossinnen verband, im Namen der Schülerinnen für die väterliche Fürsorge und die Liebe, die er diesen hatte zutheil werden lassen. Den Dank der Schule faßte er am Schlüsse der Rede in das altväterlich fromme Wort: Gott mit Dir! Eine Schülerin der I. Klasse trug sodann in tiefer Bewegung ein Gedicht vor, das der Kollege des Scheidenden, Herr Gustav Jacobsohn, für die Feier verfaßt hatte, und das in sinniger Weise die mannigfachen Verdienste des Jubilars um Schule und Schülerinnen in Anknüpfung an die Verdienste des Führers des Volkes Israel schilderte. Mit warmen Worten/ die aus dem Herzen kamen und die Zuhörer sichtlich ergriffen, sprach der Jubilar den Staats- und Gemeindebehörden, dem Leiter der Mädchenschule, den Kollegen und Kolleginnen wie den Schülerinnen seinen Dank aus und pries die Gnade Gottes, der ihm diese Fülle der Gunstbezeugungen hatte zutheil werden lassen. Mit dem Scheidegesang der Schülerinnen „Ade, du edler, theurer Mann", der in den hoffnungsvollen Worten „Auf Wiedersehen!" ausklang, schloß die in jeder Beziehung wohlgelungene Feier, die ein beredtes Zeugniß von der hohen Verehrung und Hochachtung ablegte, die Herr Dr. Apolant sich durch sein treues Wirken erworben hatte. Möge es dem Jubilar beschieden sein, in der wohlverdienten Muße seine reichen Erfahrungen zum Besten der Nachwelt niederzulegen. o. Königsberg i. Pr., 24. April. Ein dankenswerthes Unternehmen hat der auf dem Gebiete der jüdischen Mustklitteratur rühmlichst bekannte Oberkantor Eduard Birnbaum begonnen, nämlich: Ferienkurse für junge Kantoren und Seminaristen. Dieselben sollen vom 30. Juni bis 4. August dauern und folgendermaßen sich gestalten: Kursus I. (Musikalischer Theil.) Stimmbildung. Harmonielehre. Primavista-Singen. Allgemeine Musikwissenschaft (Formenlehre, Jnstrumentenkunde rc.) und Geschichte. Kursus II. (Wissenschaftlicher Theil.) Jüdische Liturgik. Synagogale Hymnologie. Die Riten Minhagim. Die hebräischen Punktations- und Aceentuationssysteme des Mittelalters (Nikud) mit den verschiedenen „Sarka-Tabellen" (Tropen). Geschichte der altsynagogalen Psalmodie (der Wechselgesänge mit Refrains) und der mittelalterlichen Synagogenmusik. Die synagogal-mustkalische Litteratur. Der Vorbeter und die an sein Amt geknüpften Ritualvorschriften. Ursprung und Geschichte der Traditionen im Synagogengesang (die Tempelmustk rc.). Kursus HI. (Praktischer Theil.) Der traditionelle Gottesdienst mit dem „Chasonus" des ganzen Jahres. Das Kunstrecitativ. Der kantorale Dienst der Neuzeit. Das deutsche Synagogenlied. Jeder Kursus soll 25 Stunden (fünf Stunden die Woche) umfassen. Das Honorar für jeden Einzelkursus wird 60 Mark, für jede Extrastunde 3 Mark betragen. Die Stunden werden so vertheilt sein, daß jeder Hörer mehrere Kurse belegen kann. Seminaristen haben eine schriftliche Einwilligung ihres Seminardirektors beizubringen. Auch eine rituelle Pension rc. wird bereitwillig nachgewiesen, eventuell auch in dem in der Nähe befindlichen Seebadeorte Cranz. Durch diese Ferienkurse dürften die allgemeinen Fachkenntnisfe der jungen Kantoren in erfreulicher Weise vermehrt werden; sie entsprechen einem dringenden Bedürfniß und haben deshalb sichere Aussicht auf guten Erfolg. z. Ortelsburg, 22. April. Vor einiger Zeit verließen die Herren Julius und Isidor Salinger unseren Ort, um nach Meißen resp. Dresden überzustedeln. Nahezu 25 Jahre haben die Herren hier gewohnt und sich die Achtung und Liebe der Gesammtbevölkerung erworben. 15 Jahre war Herr Isidor Salinger Stadtverordneter, und bei der ihm zu Ehren gegebenen Abschiedsfeier schilderte der Stadtverordnetenvorsteher seine Verdienste um die Stadt. Aber auch die jüdische Gemeinde brachte ihrem langjährigen Vorsitzenden des Vorstandes und dem Repräsentantenvorstande Herrn Julius Salinger herzliche Ovationen bei ihrem Wegzuge dar. Kultusbeamter Rochotz hielt in der Synagoge eine längere Ansprache, worin er betonte, welche unverkennbaren Verdienste sich die Herren um die Gemeinde erworben. Am Abend des darauffolgenden Tages versammelten sich sämmtliche Gemeindemitglieder zu einem Abschiedsessen. Der Gemeindevorsteher Herr Davidsohn überreichte dem Herrn Isidor Salinger einen von der Chewra-Kadischa gestifteten silbernen Pokal mit Inschrift; dem Kultusbeamten Rochotz wurde der Auftrag, für die Chewra-Kadischa beiden Herren die Ernennung zum Ehrenmitgliede dieses Vereins zu übermitteln. Der Frauenverein ließ durch seinen Vorstand ihrer langjährigen Vorsitzenden Frau Julie Salinger eine kunstvoll ausgeführte Adresse überreichen. — Nicht unerwähnt darf bleiben, daß beide Herren sowohl der Stadt als der Gemeinde namhafte Summen zu Wohlthätigkeitszwecken hinterließen. Kp. Ostrowo, 24. April. Die hiesige Synagogengemeinde ist im Besitze von 16 Legaten mit einem Gesammtbetrage von 12116 Mark. Außerdem gehören zu denselben mehrere Synagogen-Sitzplätze im durchschnittlichen Werthe von je 300 Mark, deren Erträge ebenso wie die Zinsen der meisten Legate an den Sterbetagen der Legatoren an Kultusbeamte oder unbemittelte Leute innerhalb der Gemeinde vertheilt werden. Unter den Vermächtnissen befindet fich eines (von Galewski) in Höhe von 1916 Mark als Grundstock für ein hier zu errichtendes israelitisches Waisenhaus. Die Verwaltung der Legate sowie die Vertheilung der Zinsen liegt in den Händen des Gemeindevorstandes. — Bei der am 3. d. M. hierorts unter dem Vorfitze des Bürgermeisters Ressel erfolgten Wahl von Repräsentanten der hiesigen Synagogengemeinde find auf die Dauer von 6 Jahren die Herren Rechtsanwalt Voß und Mineralwasserfabrikant Salo Josephie wieder- und die Kaufleute Marcus Callomon, Julius Glaser und Julius Sternberg neugewählt worden. Zu Stellvertretern wurde Kaufmann Hermann Tisch wieder- und die Kaufleute M. Pinkus und Baruch Wegner neugewählt. Von 154 wahlberechtigten Mitgliedern haben sich 85 an der Stimmenabgabe betheiligt. — Die hiesige Gemeindevertretung hat die Renovirung der vor nahezu 40 Jahren hier erbauten Synagoge beschlossen. Die Unkosten hierfür dürften sich auf etwa 9000 Mark belaufen. Der Gemeindetat hierselbst beläuft sich pro 1898/99 in Einnahme und Ausgabe auf cirka 15 000 Mark, die mit cirka 6000 Mark aus Schlachtgebühren, 7000 Mark direkten Steuern und Einnahmen aus Synagogen-Sitzplätzen aufgebracht werden. — Der israelitische Mildthätigkeitsverein, der zinslose Darlehen an unbemittelte Gewerbetreibende verleiht, hat in seiner am 6. Februar d. I. abgehaltenen Generalversammlung die Herren Oekon omie- und Kommissions - rath Goldstein und Kaufmann Stillschweig in den Vorstand und den Kaufmann Adolf Bär in den Aufsichtsrath gewählt. Der seit 15 Jahren bestehende Verein zählt 90 Mitglieder und verfügt bereits über ein Vermögen von 5000 Mark, welcher Fonds durch Mitgliederbeiträge und Spenden sich alljährlich erhöht. z. Ratibor, 24. April. Eine der angesehensten Persönlichkeiten in Stadt und Kreis, Rittergutsbesitzer Julius Zander, ist hier, einen Tag nach seiner Rückkehr aus Meran, im Alter von 63 Jahren verschieden. Der Heimgegangene war der Begründer der Ratiborer Zuckerfabrik, der Mitbegründer des Oberschlesischen Kreditvereins, Mitglied der Oppelner Handelskammer sowie Jahrzehnte lang Stadtverordneter und Vorstandsmitglied der hiesigen Synagogengemeinde. Der Verklärte war mit trefflichen Eigenschaften ausgestattet, ein edler Mensch und dabei ein guter Jude. Er machte von seinen Reichthümern den besten Gebrauch und übte eine schrankenlose Wohlthätigkeit. Seine Beerdigung fand unter einer außerordentlichen Betheiligung aller Gesellschaftskreise statt. In ergreifender Rede zeichnete Herr Rabbiner Dr. Bl ument ha l sein Lebens- und Charakterbild, anknüpfend an das Psalmenwort: „Licht ist gesäet den Gerechten und Freude Denen, die geraden Herzens find." Das Andenken des Edlen bleibt ein Segen. Der Wohlthätigkeitssinn des