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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1898-04-19 · Heft 17 (19.4.1898) · p. Seite 201

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
62 (1898)
Issue
Heft 17 (19.4.1898)
Date
1898-04-19
Page
Seite 201 (sequence 9)
Language
German
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201 WWWW WMMWMMWWVWSMWMWWWWMWW Trotzdem würde er den Versuch gemacht haben, wenn ihn nicht — ein Vergißmeinnichtsträußchen bestimmt hätte, sich möglichst bald selbständig zu machen. Als er das Sträußchen von Doris Ball erhielt, war Makower, der schon lange die holde Spenderin in sein Herz geschlossen hatte, entschlossen, sobald als irgend möglich seinen eigenen Herd zu gründen. Er ward Rechtsanwalt und Notar, und 1862 führte er die Braut in sein Heim. Das Glück zog bei ihm ein. Zwei Kinder vergrößerten seine Familie. Er ward ein angesehener, ein gesuchter, ein sehr bekannter Rechtsanwalt. Bald trat er in die Oeffentlichkeit und konnte nun seine Kräfte frei entfalten. Aber am wohlsten fühlte er sich zu Hause bei den Seinen; hier athmete er auf, hier wurde der ernste Mann fröhlich, ja sogar lustig. Auf seinen Sommersitz in Ca lau zog er sich zurück, um in der Stille zu arbeiten und um sich zu erholen. Hier hat er seine besten Arbeiten durchdacht und ausgeführt, hier zwischen seinen Rosen und seinem Spalierobst hat er seine größte Erholung gefunden. „Eine aufgeplatzte Calauer Kartoffel mit Salz" zog er allen anderen Genüssen vor. „Die Erinnerung an Dahingeschiedene erweckt in uns Menschen immer das körperliche Bild derselben —" hat Makower einst geschrieben. So Mancher hat sich über seine äußere Haltung beschwert, so Mancher fand diese seine gerade Haltung steif und abstoßend. Sie war aber nicht ein Abschreckungs-, sondern vielmehr ein Abwehrmittel. Er hielt sich als junger Mensch gerade und steif, um sich besser vertheidigen zu können; er behielt die Haltung später, weil er sich hinter ihrer Festigkeit verschanzen konnte. Und wie seine äußere Haltung, so hat ihm seine innere Festigkeit manchen Gegner geschaffen. So Mancher, der weniger festen Charakters und leichter zu Konzessionen geneigt war, konnte seine Prinzipientreue nicht verstehen und hielt sie für Hartnäckigkeit. Fragen wir uns, woher es trotzdem kam, daß er so großen Einfluß auf Jeden ausgeübt hat, der ihm gegenübertrat, so war es in erster Reihe die Lauterkeit seines Charakters, die siegreich für ihn einnahm. Er war unbestechlich, weder der Schmeichelei zugänglich noch äußeren Vortheilen. Er strebte nicht nach Reichthümern — „ich habe niemals den Wunsch empfunden, reich zu sein" — schrieb er einmal — „vielmehr erstreckt sich mein Wunsch nur dahin, soviel zu besitzen, um möglichst unabhängig zu sein". Deshalb vertrat er auch niemals eine Sache um seines Vortheils willen. Als Rechtsanwalt hat er die Uebernahme mancher Vertretung abgelehnt, obwohl sie große Vermögenswerthe betraf und ihm einen großen Nutzen versprach, während er andererseits gar manche kleine Sache mit Eifer verfocht, die ihm unendlich viel Mühe und Arbeit, aber wenig Einkommen brachte. Sodann nahm für ihn ein die Milde, mit der er Andere beurtheilte. Er hatte die Sorgen des täglichen Lebens reichlich kennen gelernt und erfahren, daß Mancher ungerecht leiden müffe, und daß „Derjenige, welcher die Leiden zufügt, von seinem Standpunkt aus gerecht zu sein glaubt — aber nicht die Lage des Anderen übersieht". Deshalb hat er Jeden milde beurtheilt, „in der Besorgniß, die Lage des Anderen nicht recht zu übersehen". Wer ihm als Gegner gegenübertrat, sei es in seinem Beruf vor Gericht, sei es in seiner öffentlichen Thätigkeit — einen Jeden hat er freundlich beurtheilt. Er schätzte bei jedem Menschen dessen eigene Meinung. Einem unmuthig hingeworfenen Scheltwort über die Widersacher begegnete er mit der Erwägung: Der Andere habe doch auch seine Gründe für sein Verhalten. Diese milde Auffassung von den Absichten und Zielen des Anderen kam besonders den jungen Juristen zu gute, welche er als Mitglied der Kommission für die erste juristische Prüfung zu examiniren batte; sie kam nicht minder seinen Kollegen zu gute, denen er als Mitglied der Anwaltskamnier in Disziplinarangelegenheiten als Disziplinarrichter gegenübertrat; sie hielt aber auch Jedem gegenüber Stand, der ihn im öffentlichen Leben befehdete. ' Nur Unkeuschheit und Hinterlist haßte er, sonst kannte er s weder Haß noch Groll.! Die Kinder schlossen sich ihm mit Hingebung an, weil sie fühlten, daß er ihnen mit Liebe und Hingebung entgegenkam. Der scheinbar z strenge und kalte Mann hatte ein Herz voll Liebe und Freundlichkeit, und unter den Kindern, mit ihnen konnte er harinlos spielen und scherzen. Er konnte Kinder nicht leiden sehen, und als er die russischen Knaben aus Brody abholte und sich hierbei vorgenommen hatte, stets nur ein Kind aus jeder Familie zu sich zu nehmen, j konnte er nicht widerstehen, als zwei Brüderchen nicht von einander! lassen wollten — er nahm sie beide mit. Seine Freunde hingen ihm an, weil sie seine echte Freundschaft fühlten und empfanden. Er schloß sich nicht leicht an; erkannte er aber die gleiche Gesinnung, erkannte er ernstes Streben und sittlichen Werth, dann erschloß er { sich ganz, dann hielt er fest. Gar mancher seiner früheren Schüler; hat in späteren Jahren in ihm seinen Freund gefunden, gar Manchem 1 seiner Nächststehenden hat er in Wort und That Zeit seines Lebens seine treue Freundschaft zu erkennen gegeben. Seine Glaubensgenossen schlossen sich ihm an und folgten ihm, weil sie sahen und fühlten, daß er ein guter Jude war. Sie sahen, daß er bei jeder passenden Gelegenheit mit Eifer für sie eintrat. Er zeigte ihnen, daß man ein echter Deutscher und doch ein guter Jude sein könne. j Deshalb wollte er auch der deutschen Abtheilung der Alliance israelite dieselbe Selbständigkeit verschaffen, welche die englische Abtheilung für sich in Anspruch genommen hat. Seine Nationalität schafft sich ein Jeder selbst, wie Lazarus sich ungefähr ausdrückt — und Makower war mit Leib und Seele Deutscher. Zwar lobte er l nicht alles an den Juden und nicht ausschließlich die Deutschen. Er kannte die Fehler und die Schwächen eines Theiles seiner Glaubensgenossen und suchte dahin zu wirken, daß diese Schäden allmälig geringer und geringer würden. Und er erkannte auch die großen Fähigkeiten und Leistungen der Franzosen und Engländer und freute sich namentlich englischer Art und Gewohnheiten. Aber er war seiner innersten Ueberzeugung nach Deutscher und Jude, und er suchte in immer weiteren und weiteren Kreisen die Auffaffung zu verbreiten, daß man beides, Deutscher und Jude, mit Begeisterung sein könne. Deshalb ward er geachtet und geehrt unter den Deutschen, vor allem unter den Deutschen jüdischen Glaubens. Er ist zeitiger dahingegangen, als vorauszusehen war. In den letzten Jahren dachte er öfter an sein herannahendes Ende. Nachdem er seine treue Lebensgefährtin verloren, raffte er seine ganze Kraft zusammen, um weiter thätig zu sein. Noch einmal erfüllte Freude sein Herz, als er seine einzige Tochter dem geliebten Gatten einen konnte. Dann aber schienen seine Kräfte nachzulassen. Seine Briefe aus dem Auslande, wo er Erholung und Stärkung suchte, die früher überaus lustig, voller Laune und Witz waren, gaben ein Bild seiner trüben Ahnungen. Auch zu Hause wollte ihm nichts gelingen, wie er sagte. Ein fertiggestelltes Manuskript war verschwunden; er glaubte, daß er es verbrannt habe, und fand hierin ein Zeichen, daß seine Zeit um sei. Auf dem Friedhof in der Schönhauser Allee bestellte er sein Grab und gab dem erstaunten Friedhofswärter Anweisung, wie er durch Versetzen eines Baumes ihm sein Lager besser bereiten könne. Heute vor einem Jahre stellte er an einen langjährigen Freund, der ihn über eine provisorische Maßregel; interpellirte, die Frage: „Ist denn nicht unser ganzes Leben ein ■* Provisorium? Können wir beide wissen, ob wir noch in wenigen j Tagen leben werden?" — Wenige Tage darauf, am 1. April v. I., \ schied er aus dem Leben.

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