Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 17 (19.4.1898)
- Date
- 1898-04-19
- Page
- Seite 200 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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200 Opferdienst und seine natürliche Voraussetzung, die Sammlung Israels zu einem Nationalstaate auf palästinensischem Boden, ausschließlich als Gegenstand der Bitte erscheinen läßt. Auf der anderen Seite ist es merkwürdig, daß die in der ersten Hälfte des dritten Jahrhunderts entstandene Sammlung, bekannt als „Sprüche der Väter", den politischen Messiasgedanken ganz bei Seite läßt und immer nur von individueller und, wie eS scheint, rein geistiger Herrlichkeit in einer zukünftigen Welt spricht, die dem Frommen als Lohn für pünktliche Beobachtung des Gesetzes und fleißiges Studium der Thorax, nicht aber, wie man aus dem Gebete schließen sollte, aus freier Gnade Gottes zutheil wird. Ebenso merkwürdig bleibt das wohl auch aus derselben Zeit stammende Neujahrsgebet mit seinem erhabenen Gedankenfluge, mit dem Bekenntnifle des Glaubens, daß alle Welt sich im Dienste Gottes vereinigen und daß Gott von Jerusalem aus die Welt regieren werde. Wenig erübrigt dafür Israel, sein Land, seine Hauptstadt und seinen König, und selbst dieses Wenige macht den Eindruck einer Interpolation. Darin liegt leider das unheilbare Uebel aller unserer Religionsgeschichte. Statt aus dem chronologisch festgestellten Entwickelungsgang der Litteratur auf den inneren Entwickelungsgang der Glaubenslehre zu schließen, müssen wir es umgekehrt machen, und dabei haben wir es mit vernachlässigten, verderbten und entstellten Texten zu thun. Immerhin ist es beachtenSwerth, daß auch in den ineift sehr schönen Gebeten von Rabbinen des dritten Jahrhunderts,?) welche zum Theil in unser Gebetbuch übergegangen sind, um Israels Erlösung mit einer einzigen Ausnahme nicht gebetet wird, und diese Ausnahme ist, sowohl nach Ueberlieserung — das betreffende Gebet wird bald dem Rabbiner Alexander, bald dem Rabbiner Hamnuna zugeschrieben — als auch nach der Zeit des Autors sehr wenig maßgebend. Endlich kommt noch der ganz sonderbare Ausspruch des Rabbi Hillel, den weder orthodoxe Rabbinen noch orthodoxe Protestanten wie Profeffor Franz Delitzsch begreifen konnten. Israel hat keinen Messias, denn man hat ihn zur Zeit Chiskiahs aufgegesien 8), was offenbar bedeuten soll, alle messianischen Weissagungen waren in Chiskiahs Regierung erfüllt worden. Auch hier haben wir mit dem Uebel der jüdischen Geschichte, dem wirren Durcheinander der Ueberlieferungen zu kämpfen. Wer war jener Hillel? Bestimmt läßt sich das freilich nicht entscheiden, aber wahrscheinlich dürfte er jener Patriarch gewesen sein, welcher das letzte Vorrecht seines Amtes, die Kalenderbestimmung, aufzugeben gezwungen war, ein Zeitgenoffe des Konzils von Nicäa (325) und darum wohl von dem Christenthum hart bedrängt, dessen Ansprüche er viel radikaler als Rabbi Josua 200 Jahre zuvor durch Leugnung aller messianischen Dogmen zurückzuweisen versuchte. Die Frage, ob Jesus der versprochene Messias gewesen sei, löste sich ja sehr einfach, wenn ein Messias niemals versprochen worden war. Hermann Makower. Bon Bernhard Breslauer, Rechtsanwalt und Notar. (Schluß.) n Makow, einem sehr kleinen Städtchen Rußlands, lebte sein Großvater. Nur wenig hat er von diesem erfahren. Sein Vater wanderte eines Tages in die Welt, um mehr zu lernen. Er hatte im „Cheder" Hebräisch getrieben, hatte heimlich an einem in deutscher Sprache geschriebenen Roman deutsch buchstabiren gelernt i) Aboth 2, 1, 14—16; 3, 16; 4, 11, 22; 5, 1, 2, 19, 23.?) Berachoth 16b. u. f. :l) Synhedrin 98b. und hielt sich nun für befähigt, alles zu lernen. Er nannte sich, als er von Hause schied, nach seiner Heimathstadt Makower. Allmälig hatte er so viel Kenntniffe durch eigenes Studium erworben, daß er Hauslehrer werden konnte. Und Hauslehrer war er, als er nach Santomischel, einem kleinen Städtchen der Provinz Posen, kam, um dort seine spätere Frau kennen zu lernen. Ihr Vater war eine angesehene Persönlichkeit — ein sehr gesuchter Rechtskonsulent, der sich eines guten Rufes wegen seiner Kenntniffe und seiner Redlichkeit erfreute. Er zog Makower in sein Haus, gestattete die Verheirathung mit seiner Tochter und hielt das junge Paar bei sich, das bis zu Hermann Makowers, des zweiten Kindes, Geburt am 8. März 1830 ein kleines Dachkämmerchen bewohnte. Vater und Großvater sprachen und schrieben ein klares, unverfälschtes Deutsch, Beide wachten eifrig darüber, daß auch die Kinder sich in reinem Deutsch ausdrückten. Schon als kleiner Knabe mußte Hermann Makower, frei auf einem Tische stehend, deutsche Gedichte recitiren. Bald aber genügte dem Vater die Schule des kleinen Heimathsortes für seinen Sohn nicht mehr. Er sandte den Knaben nach Berlin. Zwar warnte ihn Der oder Jener, daß der Knabe in Berlin sein Judenthum verliere könnte; aber der Vater achtete deffen nicht. Er sowohl wie der Großvater hielten streng am jüdischen Glauben, aber der Vater folgte schon freieren Regungen; so wollte er z. B. nicht, daß der Sohn in der Synagoge die Gebete herableiere, verstehen sollte er sie erst und überlegen, was er sage. Man kann hier, wie in so vielen Fällen, die Eigenschaften der Voreltern im Nachkommen mit Leichtigkeit wiedererkennen. Der Großvater Jurist, der Vater Pädagoge, Beide überzeugte Juden, der Vater bereits dem Fortschritt huldigend, Beide eifrige Deutsche — alles Züge, die sich beim Sohne vereinigt wiederfinden. In Berlin zog der neunjährige Knabe mit einem Herzen voller Hoffnungen und mit einem völlig leeren Beutel ein — dafür war er schön geschmückt. Seine Mutter hatte ihn mit einem polnischen Rock und einer polnischen viereckigen Czapka ausstaffirt. Der äußere Schmuck nützte ihm aber wenig — er hatte oft nichts zu essen: „Ein Stückchen trocken Brod war manchmal alles, was ich begehrte, und was ich nicht hatte". Aber er war froh und guter Dinge, besuchte die Schule (das französische Gymnasium) mit Lust und Liebe und hing an seinen Lehrern. 1841 wurden zu einer Kriegsfeier in der Synagoge Knaben für einen Chor gesucht. Makower meldete sich und traf hier mit einem gleichaltrigen Knaben zusammen, mit dem er später sein ganzes Leben hindurch aufs Engste verbunden sein sollte. Siegmund Meyer wurde bald mit ihm befreundet, zog ihn in das Haus seiner Eltern, theilte Lust und Freude mit ihm und machte vom Quintaner bis zum Affeffor ein jedes Examen mit ihm zusammen an ein und demselben Tage. Makower mußte die ganze Zeit hindurch um seinen Unterhalt kämpfen, als Schüler und als Student unterrichtete er, als Referendarius und als Affeffor arbeitete er gegen Entgelt. Als junger Jurist zeichnete er sich sehr bald durch Sorgfalt seiner Arbeiten und Schärfe des Urtheils sowie durch seine Kenntniffe aus. Die Rechtsanwälte, welche ihn beschäftigten, wollten ihn dauernd an sich feffeln. Er hatte im Jahre 1851 beim Kaiser Franz-Grenadier-Regiment seiner Militärpflicht genügt, 1856 wurde er Vizefeldwebel; zum Lieutenant aber konnte er es. trotz der durch das Offizierkorps erfolgten Wahl, nicht bringen, weil er Jude war. Einen anderen Posten aber erhielt er, obwohl er Jude war; er wurde als Affeffor Grundbuchrichter beim Berliner Stadtgericht, was vorher noch kein Glaubensgenoffe hatte .werden können. Er würde weiter versucht haben, sich der Staatskarriere zu widmen, obwohl er wiederholt schriftlich den Behörden gegenüber hatte anerkennen müssen, daß er als Jude keinerlei Aussicht auf eine Anstellung habe