Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 17 (19.4.1898)
- Date
- 1898-04-19
- Page
- Seite 199 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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199 des messianischen Reiches tritt in den Vordergrund, und die Auferstehung wird zum ersten Mal deutlich gelehrt?) Dabei scheint den Sehern jener Zeit die direkt himmlische Sendung des Messias schon vorgeschwebt zu haben, denn wenn auch der Menschensohn, der mit den Wolken des Himmels kommt?) heute auch nach christlicher Anschauung nicht mehr der eingeborene Sohn Gottes oder der flcischgewordene Logos, sondern, wie der Autor selbst hervorhebt, das Volk der Heiligen des Höchsten») ist, so bleibt es eine Thatsache. daß in der phantastischen Denkweise jener Zeit die Rettung Israels nicht als irdische Machtstellung eines siegreichen Königs, der von seiner Macht einen gerechten Gebrauch machen würde, nicht als ein von Krankheit, Noth und frühem Tod verschontes Leben, sondern als ein Aufhören alles Todes, als eine Aenderung aller bisherigen Lebensbedingungen aufgefaßt wird. Das Weltengericht und in dessen Gefolge die Herrschaft Israels über alle Völker der Erde ist das Hauptthema jener Schriften, welche um die Zeit der Zerstörung des Tempels entstanden sind. Auch hier überwiegt das übernatürliche Element?) Auf diese Weise haben wir für die Zeit, welche dem Bar Kochbaaufstande vorangeht (100—130 n. Ehr.) etwa folgendes Bild des messianischen Reiches gewonnen. Ein vom Himmel gesandter Führer wird Israel sammeln, wird alle heidnischen Mächte niederwerfen, Israel in seine Heimath zurückführen, die Stadt Jerusalem und den Tempel in ungeahnter Glorie wieder aufbauen, die Todten zum Leben erwecken und alle Nationen der Erde zum Judenthum bekehren. Die Welt wird von Jerusalem aus nach den Gesetzen Gottes regiert werden, ihr wirklicher König wird Gott selbst sein, der auf Erden durch einen leiblichen Nachkommen Davids, einen mit Wunderkraft ausgerüsteten, ewig lebenden Herrscher vertreten sein wird. Das Christenthum hat an diesen Vorstellungskreis angeknüpft, und als es aus einer Partei zu einer Kirche sich krystallisirt hatte, warf es alle nationalen und gesetzlichen Hüllen ab und erfaßte den Messiasgedanken äußerlich als eine allgemeine Auferstehung der Todten, die mit den Lebenden zusammen ein Reich allgemeiner Bedürfnißlosigkeit und dadurch vollendeten Glückes bilden würden. Innerlich war die Einigung der Welt auf dem Glauben an dieses Ideal mit Aufgabe alles äußeren Gesetzes aufgefaßt. Stellte der Jude sich die messianisch reorganisirte Menschheit mit Beibehaltung des Opferkultus und minutiöser Gesetzesbefolgung vor und dachte sich dabei Reichthum, Kindersegen und politische Macht als Mittel des Glücks, so dachte sich der Christ vollkommenes Aufgeben aller Gesetze, vor allem der Besckneidung und Ehelosigkeit, Besitzlosigkeit und solgerichtigerweise Ertödtung aller Leidenschaften als Mittel des Glückes. Das Judenthuni stellte sich in absoluten und bewußten Gegensatz zu dieser Auffassung. Rabbi Josua ben Chananiah lehrte, es sei eine auf Moses zurückdatirende Fundamentallehre des Judenthums, daß auch in messianischen Zeiten nicht die leiseste Aenderung des Gesetzes vorgenommen werden dürfe.'') Diese Anschauung steht in direktem Gegensatz zu der christlichen Lehre, daß „Gesetz und Propheten" nur bis zur Zeit Johannes des Täufers Geltung gehabt hätten?) Aus demselben Gegensätze zu dem Christenthum können wir uns Rabbi Josuas Gleichgiltigkeit gegen die Auferstehungslehre erklären. In einer Disputation mit den Sadduzäern erklärt er sich bereit, den Glauben an die leibliche Auferstehung aufzugeben, wenn man ihm den Glauben an die göttliche Vorsehung koncediren wolle?) i) Daniel 12,2. 2) Daniel 7,13. 3> ib. 22. fl Sibyll. III. 652-794, Tobit 13, 11. Enoch, Kap. 37—71. fl Mishna, Edujoth, VIII. 7. fl Lucas 16, 16. 7) Synhedrin 90b. Er befand sich in derselbe Lage, in welcher die Katholiken sich den Protestanten gegenüber in der Frage der Bibelkritik befinden. Die Protestanten hatten die alleinige Autorität der Schrift proklamirt, und darum paßte es den Katholiken sehr gut, auf die Schwäche dieser Position hinzuweisen. Ebenso war den Juden das Dogma der Auferstehung unbequem geworden, seit die Christen es zum Mittelpunkt ihrer Glaubenslehre erhoben hatten?) In demselben Sinn haben wir wohl die Anekdote zu erklären, nach welcher Rabbi Josua auf die Frage, ob auch die Auferstandenen die Gesetze der Reinigung durchzumachen haben würden, erwiederte: Laßt sie erst auferstehen, und dann wollen wir uns die Sache überlegen?) Es mag wohl nothwendig erscheinen, hier die Bemerkung einzuschieben, daß ich solchen Anekdoten durchaus nicht geschichtliche Glaubwürdigkeit als Berichten wirklicher Vorgänge zuerkenne, sondern sie, was für unfern Fall ganz dasselbe ist, als Reflexe des wesentlichen Eindruckes auffasse, welchen geschichtliche Persönlichkeiten auf ihre Zeitgenossen hervorgebracht haben. Die Richtigkeit dieser Auffassung läßt sich aus neuerer Geschichte oft genug belegen. Wenn, was nach Ludwig Geigers») Darlegungen kaum einem Zweifel unterliegen kann, die alte, beinahe zeitgenössische Anekdote, wonach Marquis d'Argens Moses Mendelssohn das Schutzprivilegium von Friedrich dem Großen durch einen Witz erwirkt habe, erfunden ist, so bleibt doch die Thatsache bestehen, daß in der Auffassung der Zeitgenossen Moses Mendelssohn ein ebenso schlechter Jude war als Marquis d'Argens ein schlechter Katholik und Friedrich der Große ein schlechter Protestant. Wenn es nun auch in diesem Falle unwahrscheinlich ist, daß die Bewohner von Alexandrien an Rabbi Josua solche Fragen gestellt haben sollen, so ist es dafür um so wahrscheinlicher, daß die Volkssage seinen Charakter richtig erfaßt hat und daß er dem Auferstehungsglauben skeptisch gegenüber stand. Wahrscheinlich war es dieselbe Opposition gegen den christlichen Glauben an die völlige Umwandlung der Menschennatur in den Zeiten des messianischen Reiches, welche den babylonischen Rechtslehrer Samuel im dritten Jahrhundert bestimmte, den Grundsatz niederzulegen, daß die messianische Zeit blos die politische Unabhängigkeit Israels bedeute?) Allerdings hat eine spätere Harmonisirungsmethode 'zwischen Samuels Anschauung und dem orthodoxen Dogma einen Ausgleich versucht, indem Samuel nur von dem irdischen Messiasreiche, nicht aber von der dann noch folgenden zukünftigen Welt gesprochen habe. Solche Harmonisirungskünste sind zwar leider noch heutzutage ein Spezifikum der Theologie, wenn Verketzerung nicht mehr verfangen will, und die rabbinische Litteratur ist geradezu überreich an derartigen Lösungen von Schwierigkeiten. Sicher bleibt, daß es im zweiten Jahrhundert zum Mindesten vereinzelte Stimmen gab, welche sich für die Beschränkung des Wunderbaren im Messiasglauben aussprachen. Auf der andere» Seite läßt sich nicht verkennen, daß dasselbe im Aufträge des Patriarchen Gamaliel um 130 verfaßte Gebet») die durchgängige Auffassung des messianischen Reiches zeigt. Hier sind die Auferstehung der Todten, die Sammlung Israels von allen vier Enden der Erde, die Wiederinkraftsetzung der alten israelitischen Verfaffung, die Wiederherstellung Israels in der alten Glorie, die Erweckung des Sprossen Davids und endlich, die Wiedereinführung des Opferkultus der Gegenstand der Gott vorgetragenen Bitten. Wenn Gamaliel sich auch dagegen wehrt, das Gebet blos als Surrogat für den Opferdienst zu betrachten?) hat er der Erinnerung an denselben doch eine wesentliche Stelle im Gebete eingeräumt, und wohl nicht lange nach seinem Tode hat die Einführung des Muffaphgebetes stattgefunden, welches wiederum den 1) I. Kor. 15, 14. 2) Niddah 70b. 8) Berlin 1688—1840; Bd. I. 393. 4) Synhedrin 91b. u. ö. r>) Megilla 17 b. 6) Berachoth 27 b.