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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1898-04-19 · Heft 17 (19.4.1898) · p. Seite 198

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
62 (1898)
Issue
Heft 17 (19.4.1898)
Date
1898-04-19
Page
Seite 198 (sequence 6)
Language
German
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198 Schon war es dahin gekommen, daß preußische Offiziere — der Noth gehorchend, nicht dem eigenen Triebe — die nationalpolnische Kokarde ansteckten. Schon hatte der Oberpräsident die Abhaltung einer Versammlung genehmigt zwecks Abfassung einer Petition an den König von Preußen zu Gunsten der Wiederherstellung eines Königreiches Polen. Polnische Truppen wurden in Posen öffentlich ausgebildet, während ein polnischer Verwaltungsausschuß die Geschäfte leitete. Da erst wurde diesem polnischen Komitee von deutscher Seite ein Komitee entgegengestellt, und hierbei wurde denJuden ihre nationale Gesinnung nicht bestritten. In das erste deutsche Komitee wurden bereits zwei Juden, der Arzt Dr. Handtke und der Gastwirth Kaatz, gewählt. Es liegt uns fern, das Eintreten der Juden für ihre Nationalität als etwas Heldenhaftes hinstellen zu wollen. Sie thaten damit nur das, wozu sie ihr Gefühl trieb und treiben mußte. Aber betonen möchte ich doch, daß in keiner der zahlreichen Flugschriften aus jener Zeit auch nur ein Zweifel zum Ausdruck kam. daß die Juden den Deutschen zuzurechnen seien. Die Ueberzeugung von dem Deutschthum der Juden war bei Deutschen und Polen so stark wie nur irgend Etwas, und viel öfter versuchten die Polen Angehörige anderer Konfessionen auf ihre Seite zu ziehen als die Juden. Die „Ereignisse" jagten sich in zwischen förmlich im Posenschen. Kein Tag verging, ohne daß es nicht hier und da nationale Streitigkeiten gegeben hätte. Das Selbstbewußtsein der Polen hatte sich ungeheuer gesteigert, und es erreichte seinen Höhepunkt, als König Friedrich Wilhelm IV. der polnischen Deputation, wie Wuttke berichtet, eine nationale Reorganisation verheißen, die ihr auch von dem preußischen Ministerium am 25. März in folgender Weise zugestanden wurde: Rein polnische Nationalität, sofortige Bildung eines polnischen Heeres, Besetzung der Beamtenstellen mit Polen und namentlich auch die Ernennung eines Polen zum Oberpräsidenten von Posen. Es würde Bogen füllen, wollte ich in der langsam erwachenden deutschen Gegenbewegung die Thätigkeit der Juden schildern. Ueberall, wo es galt, für das Deutschthum einzutreten — sei es in persönlicher oder pekuniärer Beziehung — standen sie in vorderster Reihe, und dieser Opfermuth wurde von der deutschen Bevölkerung auch rückhaltlos dadurch anerkannt, daß sie Juden in alle Komitees, Deputationen rc. entsendete. — Es gelang, wie ja hinlänglich bekannt, Dank dem energischen Eintreten aller Deutschen, Posen deutsch resp. preußisch zu erhalten, es gelang auch, die wirthschaftlichen Schäden, die diese Bewegung gleichmäßig allen Deutschen verursachte, vergeffen zu machen. Ein freierer Zug wehte in Posen, ein erleichtertes Aufathmen der Deutschen erfolgte, als das entscheidende Wort gefallen war. Posen blieb deutsch. Der heutigen Generation sind die Vorgänge aus jener Zeit unbekannt, sie weiß kaum mehr, wie trübe es um das Deutschthum im Osten vor fünfzig Jahren gestanden, welch schwere Opfer der Erhaltung deffelben damals gebracht werden mußten. Und außerhalb Posens. Da glaubt man wohl, daß das Deutschthum gefährdet ist. Man denkt sich indessen die Verhältniffe im Osten vielfach anders, wie sie in Wirklichkeit sind. Man wittert Gefahren, wo keine vorhanden, denn heute ist das Deutschthum so stark, daß polnischer Uebermuth ihm nichts anhaben kann. Heute ist aber manches andere geschwunden, was die Deutschen einst stark machte, vor allem das Vertrauen zu ihrer Einigkeit. Heute wagt man es, wie ich im Eingänge meiner Ausführungen darlegte, Zweifel in die nationale Gesinnung der Juden zu setzen. Und das Unglaublichste wird in dieser Beziehung geleistet. Mir liegt z. B. eine Flugschrift vor, die die Verhältnisse im Osten behandelt, aber nach meiner Ansicht im Osten nicht entstanden sein kann. Was da an * Verdächtigungen gegen die Juden geleistet wird — natürlich hat der Verfaffer es vorgezogen, seinen Namen nicht zu nennen — das spottet einfach jeder Beschreibung. Die Schrift, die den auf Sensation berechneten Titel: „Ist die preußische Regierung national?" trägt, giebt vor, wirthschaftliche Verhältniffe zu behandeln, sie will auch Vorschläge machen zur Kräftigung des Deutschthums, aber sie ist nur geeignet, das strikte Gegentheil von dem zu erreichen, was angeblich erstrebt werden soll. Ich will nur eine milde Stelle herausgreifen, die indeffen charakteristisch genug ist für die Verblendung gewiffer Kreise. Es heißt da wörtlich: „Da die Juden ihr Vaterland verloren haben, so ist der Mehrzahl von ihnen dies Wort leerer Schall geworden. Je nachdem es die Umstände vortheilhaft erscheinen kaffen, geberden sie sich heute als Deutsche und morgen als die Angehörigen eines anderen Volkes." Damit sind natürlich die Polen gemeint. So etwas wird geschrieben 50 Jahre nachdem die Juden ihre Vaterlandsliebe glänzend bethätigt. Und leider findet es im Osten noch Leser. Aber wie alle die auf das Aussäen von Zwietracht berechneten Bewegungen kläglich im Sande verliefen, so wird auch die jetzt übliche Bezweiflung der nationalen Gesinnung der Juden ein Ende nehmen. Die historische Entwickelung läßt die Juden als vollwerthige Deutsche erscheinen, und die Juden haben selbst immer ihrem Deutschthum Ehre gemacht, wenn sie auch nicht für chauvinistisch angehauchte Maßnahmen gegen die Polen zu haben waren. Die Juden haben wie alle anderen Staatsbürger den Wunsch, in Frieden zu leben, aber sie haben auch ein Recht darauf, ebenso viel zu gelten — in patriotischer und nationaler Beziehung — wie ihre Mitbürger christlicher Konfession. Es ist an der Zeit, dies zu betonen. E. Ph. Der Zionismus und das nressianische Aogma. Von Professor Dr. G. Deutsch in Cincinnati. 2. Der persönliche Messias. roße Bewegungen und geschichtliche Thaten bedürfen führender Persönlichkeiten. Die Gründung des deutschen Reiches konnte von allen Handlangern nicht vollbracht werden, so lange eine leitende Persönlichkeit die Sache nicht in die Hand genommen hatte. So entwickelte sich auch aus dem Glauben an die Erlösung der Glaube an den Erlöser, für welchen das Prototyp in König David gegeben war. In Zeiten nationaler Zersplitterung wird sich um einen kraftvollen Herrscher ein Legendenkranz bilden, wie wir es in der deutschen Geschichte bei der Gestalt des Barbaroffa sehe», oder wie es die österreichische Geschichte der Gegenwart in der — bei Anerkennung aller Vorzüge des edlen Monarchen — einseitig überspannten Verehrung Kaiser Josefs des Zweiten zeigt. Aehnlich erwartete das exilische Judenthum die Wiederkunft Davids und seine ewige Regierung') oder zum Mindesten eine ununterbrochene Blüthezeit Israels unter seinen Nachfolgern. In diesem Herrscher wird sich nicht nur unbezwingliche Macht, sondern auch die idealste Gerechtigkeit und Frömmigkeit verkörpern?) Er wird in seiner Person Priester- und Königthum vereinigen3) oder im freundschaftlichsten Einvernehmen mit dem höchsten Priester des Herrn stehen?) Ein nach Form itnb Inhalt neues Element tritt in das mefsianische Dogma mit der Makkabäerzeit ein. Das Uebernatürliche l) Ezechiel 34, 23, 37, 24 s., Amos 9,11. Sirach 47,22. 2) Jes. 11, 1-10. II. Sam. 7, 12, ff. 26. 3) Psalm 110, 4. ", Zach 6, 12 f.

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