Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 17 (19.4.1898)
- Date
- 1898-04-19
- Page
- Seite 197 (sequence 5)
- Language
- German
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197 anderen deutschen Einwanderer in Polen sehr schnell ihre Muttersprache ablegten, wozu sie ja auch gewissermaßen durch Heirathen mit Polinnen gezwungen waren, behielten die Juden ihre deutsche Sprache bei. Sie verständigten sich, wie selbst ein so objektiver Geschichtsschreiber wie Wuttke hervorhebt, in der deutschen Sprache, und ihr Bildungsstand war nach demselben Schriftsteller dem der Polen weit überlegen. Ihre Versuche, sich mit den deutschen Einwandereren christlicher Konfession zu assimiliren, scheiterten an der Furcht der Christen vor der etwaigen Konkurrenz der Juden, und deshalb blieb den Juden damals die Ausübung irgend welcher Handwerksbetriebe verschlossen. Sie mußten vielmehr zu ihrem Erwerb das thun, was der unterdrückte polnische Bauer und der vornehme sorglose Edelmann nicht besorgen mochten, sie mußten sich zu den niedrigsten Tagelöhner-Arbeiten hergeben, und als ihnen auch die durch immer größere Christen-Einwanderungen genommen wurden, zu den Vermittelungs-Geschäften ihre Zuflucht nehmen. Wir wollen die verschiedenen Juden-Gesetzgebungen jener Zeit und ihre Verschärfung in der nachfolgenden Periode unerwähnt lasten. Der Jude war machtlos gegenüber dem polnischen Edelmann und rechtlos seinen christlichen Stammesgenossen gegenüber, die schnell, sehr schnell Polen wurden, während der Jude ewig für den Machthaber der „niemic“ blieb. In den verschiedenen Geschichtsbüchern über die kulturelle Entwickelung der Polen des Netzedistrikts wird die Einwanderung der deutschen Juden in die damals polnischen Städte nicht mit Unrecht als ein wesentlicher Faktor betrachtet. Sie bildeten thatsächlich ein bisher ungekanntes Element in der Bevölkerung. Zur Absonderung gezwungen, gingen sie von den Jugendgewohnheiten nicht ab. Die deutsche Sprache behielten sie bei, sie vererbte sich von Geschlecht zu Geschlecht und wenn wir hier und da die Meinung erörtern hören, daß dies nur geschah, damit die Juden sich bei ihren Geschäften ihrer Umgebung unverständlich machen konnten, so ist dies doch nur ein sehr schwacher Einwand gegenüber der nicht zu bestreitenden Thatsache, daß die ^Juden in den Ostmarken nicht Fremdlinge, sondern deutschen Ursprungs sind. Wir möchten es nicht als unmöglich hinstellen, daß gerade diese Anhänglichkeit an die deutsche Sprache den Juden Bedrückungen verschaffte. Es gab doch damals auch schon einen Chauvinismus, und der bequemste Sündenbock war ja der Jude. Es kann und soll auch nicht meine Aufgabe sein, eine Geschichte der Juden zu schreiben. Deshalb will ich über die Behandlung der Juden bis zur Theilung Polens hinweggehen. Polen war getheilt worden. 1772 kam ein großer Theil der jetzigen Provinz Posen an Preußen, welcher unter dem Namen Südpreußen eine besondere Verwaltung erhielt. Die Juden erhofften von der neuen Gestaltung der Dinge eine Besserung ihrer sozialen Stellung, denn in materieller Beziehung hatten Einzelne von ihnen in Polen sich eine Stellung verschafft. Die Gesammtheit freilich konnte durchaus nicht als wohlhabend gelten. Aber sie hatten sich — mehr der Noth gehorchend als dem eigenen Triebe — ihre sprichwörtliche Genügsamkeit bewahrt. Und wenn Struensee damals schrieb: „Wer es selbst nicht gesehen hat, wird es nicht glauben, wie dürftig die Meisten von ihnen leben und wie gering ihre Bedürfniste sind", dann wird er jedenfalls Recht haben. Aber Struensee schrieb noch etwas anderes, worin er entschieden Unrecht hatte, nämlich : Ein Staat, welcher nur von sogenannten polnischen Juden bewohnt wurde, vermochte wenig indirekte Abgaben aufzubringen! Und das kennzeichnet auf das Charakteristischste die Urtheile über die Juden. In Polen waren sie die „niemie", die Deutschen, mit dem Augenblick aber, in dem sie zu Preußen gehörten, galten sie als — polnische Juden. Ironie der Weltgeschichte pflegt man so etwas zu nennen. Jndeffen, was den Juden in Polen nicht beschieden war, das Eintreten für ihre nationale Gesinnung, das konnten sie wenige Jahrzehnte später, als die preußische Provinz Posen in Gefahr war, wieder an Polen auf diplomatischem Wege zurückgegeben zu werden. Das Schlagwort von dem „polnischen Juden in preußischen Landestheilen" war gefunden. Und während es im Osten sehr schnell an Zugkraft verlor, verbreitete es sich in dem übrigen Theile der Monarchie mit — ich möchte sagen — rasender Schnelligkeit. Während im Osten, besonders im Großherzogthum Posen, die Juden schnell als gleichberechtigt betrachtet wurden, während man ihnen dort in ihrem Besten, sich bessere soziale und gesellschaftliche Stellungen zu erringen, immer weniger Hindernisse in den Weg legte, bildete sich namentlich in den Landestheilen, in denen gar keine Juden wohnten, die Meinung heraus, die Juden wären Menschen zweiter Klaffe. Man machte sich dort allgemach eine substanziirte Vorstellung von den posenschen oder polnischen Juden. Man dachte ihn sich immer noch als den Juden, der den Chlath und Peies trug, der für jede Kultur unzugänglich war und sich streng von allen Andersgläubigen absonderte. Dabei legten die Juden nirgends die ihnen aus ihrem früheren Abhängigkeitsverhältniß anhaftenden Eigenheiten schneller ab als im Großherzogthum Posen, wo die Intelligenz unter ihnen immer größer wurde. Eines aber hatten sie sich in ihrer gezwungenen Absonderung von allen anderen Elementen angeeignet und auch in der Folge beibehalten: das war ein emsiger Fleiß und, last not least, eine Frömmigkeit, die sie für ihre Zukunft das Beste hoffen ließ. Wuttke und mit ihm andere posensche Geschichtsschreiber führen die Fortschritte, die die Juden in den verschiedenen Zweigen der Wiffenschaft machten, auf ihre talmudischen Vorstudien zurück. Jndeffen ist das doch eine sehr anfechtbare Hypothese. Nicht die Talmudschulen, die übrigens in vielen Städten Posens bestanden, machten die Juden geistesstark, sondern die Erkenntniß, daß sie mehr leisten müßten wie Andersgläubige, um Anerkennung zu finden, war ihnen ein steter Ansporn in ihren Berufen. Als die Judenviertel im Posenschen aufgehoben wurden, was nach Einführung der Städteordnung des Jahres 1831 geschah, war deshalb die Lebensführung der Juden fast genau dieselbe wie die aller anderen Bewohner des Großherzogthums, und auch die Thatsache, daß damals der Posensche Landtag einen Antrag auf Emanzipation der Juden ablehnte, bildet — obwohl gegnerische Schriftsteller es mit Vorliebe behaupten — noch lange keinen gegentheiligen Beweis. Als der Antrag abgelehnt wurde, gehörten nicht etwa die Deutschen allein zu den Judengegnern, die Fanatischsten waren vielmehr unter den Polen zu finden, die den Juden nie ihre deutsche Gesinnung, nie ihre deutsche Herkunft zu vergessen vermochten. Für sie waren die Juden immer „memie", und wie viel mehr mußten sie es sein, als sie, ihren individuellen Regungen folgend, den Anschluß an die Deutschen suchten! Bis zum Jahre 1848 fand dieses Bemühen allerdings die denkbar geringste Gegenliebe, und wir glauben sogar in der Annahme nicht fehl zu gehen, daß den Deutschen bis dahin die damals übliche Ausdehnung des deutschen Nationalitätsprinzips auf die Juden nicht behagte. Unter solchen Auspizien begann für die Juden das Jahr 1848, das in ihrer nationalen Entwickelung einen unverrückbaren Merkstein bedeutet. Die Vorgänge vom 18. März in Berlin bewirkten das planmäßige Vorgehen der Polen zu Gunsten des Abfalls von Preußen. Lange und sorgfältig vorbereitet, ergriff auf die erste Nachricht von Berlin her die polnische Bewegung weite Kreise der Bevölkerung. Polnisch war mit einem Schlage Trumpf geworden.