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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1898-04-19 · Heft 17 (19.4.1898) · p. Seite 196

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
62 (1898)
Issue
Heft 17 (19.4.1898)
Date
1898-04-19
Page
Seite 196 (sequence 4)
Language
German
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bildung zu sichern. Nun kommt der neue, härtere Schlag. Um die höhere Ausbildung auch nur eines bescheidenen Theiles der jüdischen Jugend sicher zu stellen, müßte man mindestens ein jüdisches Lyceum in Bukarest und eines in Jaffy errichten, von den Mädchenschulen noch ganz abgesehen. Aber diese beiden Institute, die ja den Staatsanstalten mindestens gleichwerthig sein müßten, würden einmalig eine Million und jährlich ca. 100000 Francs kosten, und woher sollen die armen Juden Rumäniens so viel Geld nehmen? Wenn nicht die ausländischen Juden, besonders die Alliance israelite universelle und die Jewish Kolonisation Association helfen, so ist eine schwere Schädigung der Bildung und damit der Zukunft der Juden Rumäniens sicher, ebenso sicher wie der Triumph der antisemitischen Regierung wegen der Erfolge ihres Judenhasses. & Drei Vertreter der Jewish Colonisation Association, welche geneigt ist, einen großen Theil der ihr zur Verfügung stehenden Gelder für die Besserung der Lage der Juden in Rußland auszugeben, sind zur Zeit in Petersburg, nämlich die Herren Meyerson, Berl und Oberst Wolff. Die drei Herren hatten eine Audienz bei dem Minister des Innern Goremykin, der ihnen indessen nichts Positives sagen konnte oder wollte und ihnen rieth, sich an den Oberprokurator Pobiedonoszeff zu wenden. Diesem Rath kamen die Vertrauensmänner der J. C. A. nach und hatten am 19. d. M. eine Audienz bei dem Generalprokurator des heiligen Synods. Herr Pobiedonoszeff, dessen Einfluß wieder sehr stark sein muß, sagte ihnen Folgendes: Niemand glaubt, daß die Juden ein schlechtes Volk find, im Gegentheil, sie sind eine sehr fähige Nation. Der jüdische Schüler in der Schule ist fleißig, der Russe ist faul, unaufmerksam und nachläsfig. Im großen Leben finden wir dasselbe Bild, Im Amt und Geschäft ist der Jude fähig, energisch und fleißig, während der Russe leichtfertig und oft untauglich ist. Dieser ist trunksüchtig, der Jude immer nüchtern. Aber gerade dieser guten Eigenschaften halber fürchten wir den Juden. Ließen wir die Juden fortschreitend sich entwickeln, ohne ihnen Hindernisse in den Weg zu legen, so würden sie uns bald aus allen Stellungen verdrängen und unsere Herren werden. Von unserem russischen Standpunkt aus können wir diese Entwickelung nicht gestatten, und daher rühren alle unsere Maßregeln gegen die Juden. Wir verfolgen Niemanden (??), wir vertheidigen uns nur selbst und schützen unsere Interessen, so lange es noch Zeit ist. Darum haben wir der Jewish Colonisation Association Erlaubniß gegeben, die Juden nach anderen Ländern zu bringen. Aber wir können ihr nicht gestatten, in unserem Lande zu arbeiten, um die wirthschaftliche Lage der russische« Juden zu bessern. Ueber diesen Punkt können wir weder Wünsche noch Vorschläge entgegen nehmen. Wir find nicht darauf eingerichtet, die Thätigkeit der Gesellschaft bei uns zuzulassen. Die Erklärungen des Mannes, der gegenwärtig wieder die Situation in Rußland völlig zu beherrschen scheint, sind furchtbar und schwerwiegend; sie gewähren einen trüben Ausblick auf das Loos, das den russischen Juden in der nächsten Zeit devorsteht. Aas Berrtschthum der Juden im Osten. ^enn das Wort wahr wäre, „die Politik verdirbt den Charakter", dann müßten wir in des Reiches Ostmark nur Menschen mit verdorbenen Charakteren haben. Dort, wo die Gegensätze jetzt so scharf hervortreten, wo nichts vorübergeht, ohne daß eine „nationale Frage" daraus gemacht werde, dort lebt und webt jetzt Alles in Politik. Deutsch oder polnisch, das ist die Frage, um die sich in erster Linie alles dreht. Bei den gleichgiltigsten Dingen hören wir von „einer nationalen Bedeutung" reden, bei den 196 nichtigsten Sachen Ermahnungen zur Wahrung der nationalen Ehre. Und es sind nicht Alle Chauvinisten, die so hervortreten. Nicht Alle, die so in „Politik arbeiten", thuen es eigener Jntereffen wegen. Diese politische Leidenschaft — denn als solche möchten wir sie betrachten — hat auch früher kühl denkende Menschen ergriffen. Die Bewegung ist nun da, und ihr idealer Zweck — die Wahrung des Deutschthums — wird von keinem vernünftigen Menschen gemißbilligt werden. Aber sie zeitigt auch Dinge, die an die glänzendsten Perioden des französischen Chauvinismus erinnern. Man fängt an, den Begriff Deutschthum zu parteipolitischen Zwecken auszunützen, man fängt an, Zweifel in die nationale Gesinnung des Einzelnen zu setzen; ja man geht noch weiter und stellt sogar die deutsche Gesinnung einer ganzen Religionsgemeinschaft — der Juden — in Frage. Und warum dies alles? Haben sich die Verhältniffe, die Anschauungen der Juden im Laufe der Jahre geändert? Nein und tausendmal nein! werden Alle darauf antworten, die die Verhältnisse kennen. Die Juden waren Deutsche, sie mußten es sein und sind es, wie sie es immer sein müssen, ihrem Gefühl, ihrer ganzen Entwickelung nach. Darum kann man sich Unsinnigeres, als die deutsche Gesinnung der Juden zu bezweifeln, nur schwer denken. Und doch geschieht es alle Tage mehr, was ich an einem Beispiel illustriren will, welches leider nicht einzig in seiner Art ist. — In meinem Heimathstädtchen im Posenschen war jüngst eine kommunale Wahl. Allseitig war die Stimmung dafür, man solle die bisherigen Vertreter, unter welchen sich ein Jude befand, wiederwählen. Der Jude, nennen wir ihnX., sollte nicht seiner Religion wegen gewählt werden, sondern, weil er sich in dem Amte bewährt hatte. Eine Vorversammlung der Wähler fand statt, und wie es sich gar nicht anders erwarten ließ, wurde die Wiederaufstellung des Herrn X. beantragt. Da erhob sich aber einer der Honoratioren des Städtchens und sprach die bedeutungsvollen Worte: „Ich habe ja an Herrn X. nichts auszusetzen — aber, meine Herren, bedenken Sie nur, wir müssen doch einen Deutschen wählen." Der Jude swar also für den Herrn kein Deutscher, und, wie gesagt, sind diese Anschauungen leider nicht selten. Aber ebenso bedauerlich ist es, daß von jüdischer Seite wenig geschieht, um derartigen Verdächtigungen entgegenzutreten. Die Geschichte unseres Vaterlandes giebt uns die beste Handhabe zur Widerlegung derartiger Angriffe; die Juden haben stets die nationale Gesinnung gepflegt und sind ihr selbst in den Zeiten größter Bedrängniß treu geblieben. Wir wollen unsere deutsche Gesinnung allezeit Hochhalten, aber wir wollen uns auch die hieraus resultirenden Rechte nicht verkümmern lassen. Die ersten Juden, die sich in dem zu Preußen gehörigen Theil des ehemaligen Königreiches Polen niederließen, waren Deutsche. Sie kamen nachweislich um das Jahr 1085 in das Land, einmal, weil ihnen in Deutschland die Erwerbsverhältniffe ungünstiger geworden waren, und dann, weil sie ihrer Religion wegen, was ebenfalls nachweisbar ist, unerhörten Verfolgungen ausgesetzt waren. In letzterer Beziehung tanzten sie zwar auch im Königreich Polen nicht auf Rosen, doch entbehrten dort die Angriffe auf sie des persönlichen Moments, was in Deutschland nicht der Fall war. Zu Anfang des dreizehnten Jahrhunderts erfolgte dann die erste größere Juden-Einwanderung in die jetzige Provinz Posen. Es waren alles deutsche Juden, die nach Polen kamen. Sie sprachen deutsch, ihre Lebensgewohnheiten waren die der Deutschen, und als deutsche Einwanderer wurden sie auch von den Polen betrachtet. Denn man nannte sie „niemic“, das ist der Stumme — eine Bezeichnung, die man den Deutschen beilegte. In gewissem Sinn waren sogar die Juden die Bahnbrecher für das Deutschthum. Während nämlich die

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